Einzelnen Beitrag anzeigen
  #42526  
Alt 08.05.2019, 09:59
Benutzerbild von crycorner
crycorner crycorner ist offline
Spitzenfreilos
Foren-Urgestein - Master of discussion *
 
Registriert seit: 13.07.2009
Alter: 52
Beiträge: 6.851
crycorner ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt (Renommeepunkte ungefähr beim Startwert +20)
AW: DER Thread für politisch Interessierte

Zitat:
Zitat von Noppenzar Beitrag anzeigen
Und zum Schluss mal ein Beispiel aus dem Freundeskreis:

Vorher Angestellter Handwerker, jetzt seit drei Jahren selbstständig. Schon Ende des ersten Jahres hatte er mehr verdient bei deutlich weniger Arbeitsaufwand als vorher. Jetzt, mit mehr Aufträgen, ist es das 3-4 fache bei etwa gleichem Auwand wie früher. Klar ist es "anders ". Früher hat er sich morgens die Aufträge abgeholt und ist einfach die Kunden abgefahren. Heute muss er sich selbst um Aufträge bemühen.

Und klar sind Bürokratie und Abgaben und Steuern in Deutschland für Unternehmer nicht gerade attraktiv, besonders wenn sie am Anfang stehen. Aufschlag auf den normalen Steuersatz durch die Gewerbesteuer, IHK, BG, doppelte Beiträge zu KV und RV. Dazu bei KV am Anfang Mindestbeiträge. Dazu Steuer-/Rechtsberatung.

Da muss sich ein Angestellter nicht darum kümmern.

Aber sein wir doch mal ehrlich:

Ein gut gehender Handwerksbetrieb wirft zwischen 100-300k ab. Ähnlich private Edekas oder Rewes.

Und wenn jemand nicht gerade Anwalt in einer Topkanzlei ist, Investmentbanker oder Vorstand/GF, dann wird er kaum in diese Bereiche kommen können.

Nimmt man diese Gruppen plus Chefärzte und Topverkäufer raus, dann bleiben fast ausschließlich nur noch Selbstständigkeit und Freiberufertum, um ein weit überdurchschnittliches Einkommen zu erzielen.

Und da ist die deutsche Mentalität halt sehr risikoscheu.

Was ist das für ein "Ziel" nach einem Studium 40k zu verdienen, sich über Jahre abzurackern, fortzubilden, nur um dann nach 20 Jahren mal 60 oder 70k zu verdienen weil man dann bis zum Gruppenleiter und danach zum AL aufgestiegen ist?
Absolut richtig. Aber nicht vollständig. Denn der Erfolg, den Du skizzierst, kommt ja nicht automatisch, nur weil man selbstständig ist. Die Angst ist ja durchaus berechtigt. Nicht selten gehen Selbstständige in die Insolvenz (nicht wenige auch gleichzeitig in die private Insolvenz). Auch als guter Handwerker braucht es ja mehr als handwerkliche Fertigkeiten, um als Unternehmer zu überleben. Eine große, berechtigte Reklamation inkl. Folgeschaden und der Handwerksbetrieb steht vor dem Aus.

Beispiel: Wir haben einen selbstständigen Küchenbauer beauftragt, uns eine Küche in unserer damaligen Mietswohnung einzubauen, inkl. Wasseranschluss. Das Ganze wurde ordentlich abgerechnet, keine Schwarzarbeit. Die Küche stand 3 Tage, als der Heißwasseranschluss an der Spülen-Mischbatterie undicht wurde und die komplette Wohnung geflutet hat. Mitten in der Nacht. Ich wurde wach, weil es so heiß war, bin aufgestanden und in ca. 10 cm hohes, stehendes Wasser getreten. Verteilt auf ca. 75qm eine ganze Menge Wasser.
Wir waren ganz frisch eingezogen, der Kleiderschrank war noch nicht geliefert, sonst standen alle Möbel schon. Unsere Klamotten hatten wir auf dem Boden gestapelt.
Die Feuerwehr kam, hat das Wasser abgepumpt. Es wurde eine Trocknungsfirma beauftragt, die alle Böden rausgerissen hat, Löcher in den Boden gebohrt hat und Heizstäbe in die Löcher gesteckt hat, um den Betonboden zu trocknen (Wasser lief in die darunter liegende Wohnung).
6 Wochen lang war die Wohnung unbewohnbar, die Trocknungsgeräte haben eine Unmenge an Strom verschlungen. Alle Klamotten gingen in die Reinigung (der Auftrag ihres Lebens). Kosten alleine für die Klamottenreinigung ca. 2500 DM. Alle Möbel kaputt, Stromkosten, Kosten für eine möblierte Ersatzwohnung, Neue Bodenbeläge, neue Wände, Feuerwehreinsatz, etc. Der Schaden für ein schlampig angeschraubter Wasseranschluss belief sich auf ca. 90 - 100 TDM. Heutzutage in EUR nicht so viel weniger.
An dem Morgen, als wir den Schaden festgestellt haben, haben wir auch diesen Küchenbauer angerufen. Er hat zugesagt, zu kommen. Natürlich hätte er nicht wirklich helfen können, aber er wollte kommen. Er kam nicht. Irgendwann später haben wir erfahren, warum: Ihm wurde das Ausmaß des Schadens bewusst und er ging in eine Kneipe und hat sich ordentlich besoffen. Direkt ab früh Morgens. Denn er wusste: Dieser Schaden hat seine Existenz ruiniert. WEIL: Der Depp hatte keine Zulassung, Wasseranschlüsse machen zu dürfen. Da braucht man eine Art Bescheinigung, um sowas gewerbsmäßig durchführen zu dürfen. D.h. seine Versicherung hat absolut nichts von diesem Schaden bezahlt. Privatinsolvenz.
Klar, hätte auch einfach ein Versicherungsfall sein können, wenn der diesen Schein gehabt hätte. Er hat aber wohl nicht gewußt, dass er den braucht oder es nicht ernst genommen (habe selber schon mindestens 30 Wasseranschlüsse gemacht, ohne dass irgendwas schief ging). Das gehört halt zur Selbstständigkeit dazu, dass man sich um den ganzen Scheiß drum herum kümmert. Hat ihm finanziell den Kopf gekostet. Das ist ein ganz konkretes Risiko.

Und das hat nichts mit deutscher Mentalität zu tun. Es sind nicht die Deutschen, die Angst vor der Selbstständigkeit haben. Das ist einfach eine Charaktersache, quer durch alle Nationalitäten. Manche haben den unternehmerischen Willen und die Risikofreudigkeit und andere sind froh darum, wenn das Berufsleben geordnet und einigermaßen risikofrei ist. Dafür verdient man ggf. weniger. Ist aber ein Preis, den man zahlen kann.
__________________
SL Tiger 1.8 / Andro TemperTech ALL+ / Armstrong Hikari SR7 55° 2.1
"If you open your mind too much, your brain will fall out" (Tim Minchin)

Geändert von crycorner (08.05.2019 um 10:12 Uhr)