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AW: Jugend Europameisterschaften 2019 (07.07. - 16.07.2019, Ostrava, CZE)
Lieber Matousek !
Wie wird gefördert in Rumänien ?
Vorab muss man wissen, dass Tischtennis in Rumänien neben Turnen, Rudern, Handball und anderen zu den Top-Sportarten zählt. Dies ist in Deutschland schon mal anders.
Fußball gehört auch dazu, hat aber nicht den Stellenwert, den er in Deutschland hat.
In Rumänien wird schon im Vorschulalter gesichtet, welches Kind welche motorischen Fähigkeiten besitzt, um in einem Sport erfolgreich zu sein.
Hat man einmal z.B. motorische Fähigkeiten und Talent für Tischtennis entdeckt, dann beginnt die Förderung. Im Elternhaus und in den Vereinen. Irgendwann, aber sehr früh, so mit 7 oder 8, findet eine dezentrale Förderung statt, das heißt, die Kinder werden aus dem Elternhaus genommen und auf die verschiedenen Stützpunkte für Tischtennis verteilt, z.B. Bukarest, Galati, Timisoara, Brasov, Constanta, um nur einige zu nennen. Man muss in diesem Zusammenhang wissen, dass rumänische Eltern ihre Kinder eher "freigeben", als dies z.B. deutsche Eltern tun würden. In Rumänien ist es gang und gäbe, dass Kinder oft nicht bei ihren Eltern aufwachsen, sondern vor allem bei den Großeltern, weil die Eltern nach Deutschland gegangen sind, um Geld zu verdienen. Dass sie dafür ihre Kinder in Rumänien zurücklassen müssen, nehmen diese in Kauf. Für viele Deutsche unverständlich, aber für Rumänen fast normal.
Diese TT-Zentren bieten den Spielern alles, was sie brauchen, wobei man deren Ansprüche auch nicht mit deutschen vergleichen kann. Sie absolvieren schon im frühen Kindesalter Trainingsumfänge, von denen deutsche 7- oder 8-jährige Kinder träumen. Natürlich kann man dies nicht mit chinesischen Verhältnissen vergleichen, aber die Rumänen betreiben ein Fördersystem "China light". Gleichzeitig gehen sie dort zur Schule. Da Schule und Sport in einer Hand liegen, gibt es auch keine Kompetenz-Streitigkeiten. Unterricht und Training wird zwischen den jeweils Verantwortlichen sauber abgestimmt. Auch außerhalb der Förderzentren haben die Schulen wenig Mitspracherecht, ob Schüler freigestellt oder nicht, es gibt nämlich auch noch einen sogenannten Perspektivkader, der vor Ort zu Hause in den Vereinen trainiert, aber trotzdem die Rückendeckung des Verbandes hat. Dies ist meiner Meinung nach der Hauptgrund, warum das rumänische Fördersystem besser ist als das deutsche, die Förderung fängt viel früher an, das sind die entscheidenden Jahre, die den deutschen Kindern fehlen, da sie, vor allem Jungen, erst mal beim Fußball landen, um dann später mit 11 oder 12 vielleicht doch beim TT landen, dann ist es aber meist zu spät.
In den Zentren arbeiten bezahlte Trainer und viele aktuelle rumänische Nationalspieler/innen aus dem Erwachsenen-Bereich unterstützen diese Zentren, indem sie ihre Erfahrung und Stärke an die Talente weitergeben oder indem sie mit diesen Trainingseinheiten absolvieren. Das ist eine Art Dankbarkeit dieser Spieler/innen, da sie ja selbst dieses Fördersystem durchlaufen haben und von den Erfahrungen der Anderen profitiert haben. Ich selbst habe Elizabeta Samara in Constanta kennengelernt, sie ist eine so nette, bescheidene junge Frau, die mit leuchtenden Augen von ihrem Sport erzählt hat und wie viel sie ihrem Heimatland Rumänien zu verdanken hat. Da klang für mich Nationalstolz durch. Ich glaube, dass das Wörter "Dank" und "Nationalstolz" in den Ohren vieler Deutschen wie Fremdwörter klingen.
Die geförderten Jugendlichen können sich ganz auf ihren Sport konzentrieren ohne großartige Störungen. Wenn die Zeit in den Förderzentren zu Ende geht, in der Regel bis zur Volljährigkeit, wird dafür gesorgt, dass diese Jugendlichen Hilfe bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz bekommen. So Spieler wie Pletea oder Sipos, die, wie ich glaube, momentan ganz auf die Karte Tischtennis setzen, bekomme sozusagen eine Art Starthilfe für ihre Profilaufbahn. Voraussetzung ist aber, dass alle diese Jugendlichen einen Schulabschluss haben, auf den sie zurückgreifen können, falls die Karte TT nicht erfolgreich ist. Und meist wird es von staatlicher Seite auch gar nicht zugelassen, dass Jugendliche das Land verlassen, ohne einen Schulabschluss zu haben.
Das sind meiner Meinung nach die Gründe, warum die rumänischen TT-Spieler/innen Dauergast bei europäischen Großereignissen der Jugend und Schüler sind und die deutschen eben nicht, wobei ich den deutschen Jugendlichen gar keine Schuld gebe.
Im Übrigen ist das rumänische Schulsystem auch besser als in Deutschland. Ich kann das beurteilen, da ich 5 Jahre an einem Gymnasium in Rumänien in der Oberstufe Deutsch und Französisch unterrichtet habe. Es wird alles zentral von Bukarest aus koordiniert. In Deutschland ist das Schulwesen Ländersache, und genau das ist das Problem. Jedes Bundesland kocht sein eigenes Süppchen. G8 hier G9 da, ein Abitur aus Schleswig-Holstein wird an bayerischen Unis nicht anerkannt, verschiedene Niveaus, die Bayern und die Sachsen haben eigene Schulbücher, da sie in den meisten Fächern 1-2 Jahre den anderen Bundesländern voraus sind. Das kann doch alles nicht sein, PISA lässt grüßen.
Matousek, besuche mal Rumänien, es ist ein wunderschönes Land und die Leute sind sowas von gastfreundlich, nett und bescheiden.
Falls du Nachhilfe in Rumänisch brauchst, kannst du dich jederzeit an mich wenden !
Ich hoffe, ich konnte dir helfen, Matousek.
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DM-N
(Mache jeden Fehler nur einmal, denn die Auswahl ist groß.)
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