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Alt 12.08.2020, 23:13
Noppenzar Noppenzar ist offline
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AW: DER Thread für politisch Interessierte

Zitat:
Zitat von mithardemb Beitrag anzeigen
Man war damals in einer Zwickmühle. Auch wenn es einen Wirtschaftsweisen gibt, der das anders bewertet, war der Druck von der EU und das angedrohte Defizitverfahren damals sehr real. Als "Verrat" würde ich das nicht bezeichnen, Mut trifft es da eher.

Abgesehen davon, traf es ja nicht nur die Stammwähler der SPD. Es gab damals ganz konkrete Abstiegsängste auch in der bürgerlichen Mitte.
Wir haben damals gespart während die anderen EU Länder ihre Renten usw. mehr als verdoppelt haben. Es ging um teuer verkauften Export. Dazu waren wir damals auf dem besten Weg mehr als 20% des Staatshaushalts ausschließlich für Zinsen aufzuwenden, die wir durch die Einheit angehäuft hatten.

Die Gewinner waren damals die Bürger in den Südländern. Das Geld rausgeschleudert und heute haben wir, dank denen, den Nullzins und der wird auch bleiben, sonst wäre halb Europa, 50% der Firmen und viele viele hochgehebelte Investoren morgen pleite. Bei einem Zins von 5% würden Assetmärkte zusammenbrechen.

Hartz4 hat noch ein anderes Problem verschärft und zwar auf der Einnahmeseite vom Staat. Geringverdiener zahlen kaum Steuern, konsumieren weniger als gut bezahlte Arbeiter und zahlen viel weniger Sozialabgaben. Dazu hat Deutschland in Europa seit 2000 die schwächste Reallohnsteigerung. Das schwächt massiv die Binnenkaufkradt, dazu kommt noch eine für uns zu schwache Währung, die das weiter befeuert durch zu teure Inporte.

Das Paradebeispiel ist hier die Zucchini. Ich hab mal einen Edekaner gefragt warum die so exorbitant viel teurer wurde. Einfache Antwort war, dass man die jetzt in Euro und nicht mehr in Lira einkauft. Ähnlich beim Urlaub. Strandliege in Spanien für 7-10 Euro, Disko 50 Euro? Zu Zeiten der Peseta in Ibiza undenkbar...

Schröder hat hier einen Gedankenfehler gemacht. Gerade im Blick auf die heutige europäische Finanzpolitik, die ganz klar "südländisch" geprägt ist. Das heißt simpel ausgedrückt, dass Bargeld nicht mehr viel zählt und man die Probleme mehr oder minder ausbucht bzw. weginflationiert. Das ist ja bei der Staatsverschuldung in Deutschland von 2009-20 schon passiert. Vorher 60%, danach über 80% vom BIP, heute vor Corona wieder 60%.

Schröders Agenda wäre aufgegangen, wenn alle Südländer auf deutsche Geldpolitik umgeschwenkt hätten.

Derselben Fehlannahme unterliegt man beim Fussball. Man glaubt seriös zu wirtschaften hängt aber mit der Buli hinten dran, weil die anderen, die man kritisiert sich sehr billig am Kapital und Kreditmarkt finanzieren.

Unsere Geldpolitik hat früher funktioniert, in den 70ern wurde die DM zigmal aufgewertet, man hatte zwar 4% Inflation, hatte aber auch 8% Lohnsteigerung und bis zu 9% Zinsen auf Staatsanleihen. Immopreise waren bei Zinsen von bis zu 12% recht billig, Bausparen lohnte sich, Cash war King.

Heute verliert man auf dem Sparbuch in 10 Jahren 20% seines Vermögens.

Dazu kommt das globalisierte Steuerrecht, wo Einnahmen in massiver Höhe weggefallen sind. Wir geben Geld nach Italien und finanzieren Ronaldos 25% Steuersatz...

Ich will Schröder zugute halten, dass er das so nicht voraussehen konnte.