Zitat:
Zitat von Abwehrtitan
remember newspeak
|
Moin!
An der Ostsee lese ich dann doch mit – und bin irritiert darüber, über welche skandalösen Vorgänge im Politik-Thread debattiert wird. Die deutsche Sprache schafft sich ab, wenn man diskriminierende Bezeichnungen wie Neger oder Zigeuner nicht mehr verwendet. Newspeak wird eingeführt!
Kompliment, Wolfgang, wenn du Orwells „1984“ tatsächlich gelesen hast. Klasse Roman. Ich habe schon überlegt, ob ich den hier anführe, als Noppenzar über „Geschwätzfächer“ in der Schule gefaselt hat, in denen Schüler lernten, dem Lehrer nach dem Mund zu reden.
Ziel von „Newspeak“ ist, dass die Bewohner sprachlich unmündig werden, damit sie komplizierte und differenzierende Gedanken nicht mehr entwickeln können, mit denen sie gesellschaftliche Entwicklungen beschreiben und hinterfragen könnten. Zu dieser „einfachen“ Sprache wird ein Kind auf einem deutschen Gymnasium aktuell gewiss nicht erzogen, wenn es drei Fremdsprachen lernt – oder sich mit den Gedanken von Goethe, Schiller oder Thomas Mann auseinandersetzen muss. Wie tief und nachhaltig die Auseinandersetzung mit den sprachlichen Fächern in der Schule ist, steht auf einem anderen Blatt.
Aktuell ist Orwells Roman vielmehr aber, weil in ihm der totalitäre Überwachungsstaat (Big Brother) fortlaufend die Geschichtsschreibung manipuliert oder ändert. Denn Anzeichen dieser Entwicklung haben wir beispielsweise in Polen, in dem es staatlich sanktioniert wird, wenn man behaupten sollte, dass sich Teile der polnischen Bevölkerung am Holocaust beteiligt haben – oder in Russland, in dem Stalin mitunter nicht mehr als einer der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte gilt, sondern als Führer eines großen russischen Reiches angesehen wird. Die Beispiele zeigen, wie wichtig es ist, dass wir in Deutschland eine andere Art von Erinnerungskultur pflegen – und Protagonisten einer im Grunde rechtsextremen Partei verbal verurteilen, wenn sie sich über ein „Denkmal der Schande“ beklagen oder behaupten, dass sogenannte Dritte Reich sei nur „ein Vogelschiss der deutschen Geschichte“ gewesen.
Sprache verändert sich, weil die Welt sich verändert. Schwarze wollen nicht als Neger bezeichnet werden und Sinti und Roma nicht als Zigeuner. Früher haben sie verschwiegen, dass sie es stört. Heute nicht mehr. Sie melden sich zu Wort und beklagen sich über diskriminierende Äußerungen. Und das ist gut so. Und wir können es ändern – ohne Einschränkung an Lebensqualität oder Verlust von Identität.