AW: Saison 2020/2021 und Corona
Offen gesagt erschrecken mich hier einige Beiträge. Ich schätze als überzeugter Demokrat Meinungsvielfalt und kritische Geister, zu denen ich mich selbst auch zähle. Problematisch finde ich, wenn eine Diskursumdeutung stattfindet und unter dem Deckmantel Freiheit Nächstenliebe und Verantwortungsbewusstsein im Kontext von Mainstream, Lügenpresse und Obrigkeitshörigkeit umgedeutet werden. Die Übergänge von wichtiger seriöser und konstruktiver Kritik zu Verschwörungstheorie und Pauschalbashing sind hier stufenlos. Und genau diesen Übergang machen sich im Sinne von Diskursverdrehung auch Rechtsextreme zu Nutze, von denen sich der seriöse Teil nicht ausreichend distanziert. Auf einmal zitieren und teilen vermeintlich kluge und kritische Köpfe Verschwörungstheorien, die sich pseudowissenschaftlich auf eine Studie beziehen, während 70 internationale Studien dies widerlegen. Es ist wirklich schwierig hier den Überblick zu behalten, das seriös zu analysieren und bewerten! Und am Ende bleibt einem dann doch eine Eher-Einschätzung und Glauben, weil man es selbst einfach nicht beurteilen kann. Nicht als Lai*in, nicht als thematisch Interessierte*r, nicht als Politker*in, nicht als Wissenschaftler*in anderer Fachgebiete - nicht als Tischtennisspieler*in. Hier stellt sich dann die Frage, ob ich Fachleuten mehrheitlich vertraue oder grundsätzlich misstraue - gerade wenn es sich um einen noch nicht erforschten Virus ohne Impfstoff handelt. Hier darf und muss die Wissenschaft mit wachsenden Kenntnisständen die Meinung im Forschungsprozess verändern - es ist völlig unrealistisch, von Anfang an für alles "die Wahrheit" zu kennen.
Wenn ich manche Beiträge lese, dann lese ist ganz viel ICH, ICH und nochmal ICH, wenn es um Freiheit geht.
Auf Basis humanistischer Bildung gehören für mich die Nächstenliebe und Freiheit als Freiheit der Andersdenkenden zu gesellschaftlichen Grundwerten und -prinzipien. Also der kategorische Imperativ (Kant wurde hier ja auch schon zitiert, wenn auch aus dem Kontext gerissen). Und genau hier ist die Begründung "Ich habe (nur) eine Eigenverantwortung für mein Handeln im Sinne von Corona-Hygienemaßnahmen" nicht zutreffend. Ich kann selbst entscheiden, ob ich Medikamente nehme oder nicht. Ich kann selbst entscheiden, ob ich mich selbst z.B. durch unangemessene Verhaltensweisen und Bekleidung im Krankheitsfall selbst gefährde. Ich kann selbst entscheiden, ob ich Sterbehilfe in Anspruch nehme. Aber ich kann nicht selbst entscheiden, ob ich andere gefährde z.B. durch Ansteckung in der Öffentlichkeit, denn ich habe auch eine Fremdverantwortung. Deshalb muss man Eigenverantwortung und Freiheit näher definieren und einige Begründungen hier bedeuten Egoismus, Verantwortungslosigkeit und Fremdgefährdung (je nachdem vielleicht auch Hedonismus). Wir haben also immer Eigenverantwortung UND Fremdverantwortung in unserer Gesellschaft.
Und da sind wir bei den aktuellen "Spielregeln" im öffentlichen Raum. Abschließend werden wir erst in einigen Jahren beurteilen können, welche Maßnahmen zu welchem Zeitpunkt angemessen waren. Und natürlich geht es um eine ausgewogene Abwägung zwischen gesundheitlicher Unversehrtheit, gesellschaftlichem Zusammenleben, sozialer Isolation oder Integration sowie Wirtschaft und Sozialstaat.
Exkurs: Freunde, die in Italien, Spanien und Frankreich leben, sind äußerst verwundert, dass ausgerechnet (nur) in Deutschland Menschen gegen Corona-Maßnahmen demonstrieren, obwohl im europäischen Vergleich die Einschränkungen hier viel geringer und Fallzahlen sowie Todesfälle deutlich geringer sind. Das deutsche Krisenmanagement wird im Ausland angemessen und positiv beurteilt, während im Inland Menschen "quer" denken - was für mich aber wenig mit quer, sondern viel mehr mit "auf unseriöse Hetzer hören mit offener rechter Flanke" zu tun hat.
Was ist in Abwägung von Eigenverantwortung und Fremdverantwortung die Folge für eigenes und gesellschaftliches Handeln, wenn ich nicht sicher sein kann, welche gesundheitlichen Folgen für mich und andere aus dem Handeln entstehen? Wie gesagt werden wir in einigen Jahren genau bewerten können, was angemessen war.
1.) Ich setze voll auf Eigenverantwortung im Sinne dessen, dass ich mich wie ohne Corona in der Öffentlichkeit verhalte und nehme in Kauf, andere zu gefährden.
2.) Auch wenn ich nicht ganz sicher bin, ob Maßnahmen absolut notwendig sind, nehme ich es in Kauf auf die wesentlichen Dinge wie Abstand halten, Maske tragen und lüften zu achten, um keine anderen zu gefährden (insbesondere Ältere und Risikogruppen).
Selbst wenn sich in einigen Jahren herausstellen sollte (wovon ich nicht ausgehe), dass 2.) so nicht notwendig war, ist es für mich selbstverständlich im Sinne von Fremdverantwortung, Weg 2.) zu wählen, um nicht andere zu gefährden. In einer pluralistischen Gesellschaft gehören Rücksicht und Verantwortung zu den Grundwerten. 1.) bedeutet zum heutigen Zeitpunkt einfach nur Egoismus. Eigenverantwortung ist in der Öffentlichkeit immer auch mit Fremdverantwortung verbunden und kann nicht isoliert betrachtet werden.
Und jetzt sind wir beim Tischtennis. Gerade nach Zeiten von sozialer Isolation durch Corona ist Bewegung und Verein für viele wieder ganz wichtig. Und hier stellt sich genau die Frage, wie wir uns gemeingültige Pandemie-Spielregeln geben, um in die Hallen und an die Tische zurückkehren zu können. Da wir in den Vereinen altersheterogen (also auch besonders gefährdete Altersgruppen) mit völlig unterschiedlichen Rahmenbedingungen (Vereinshallen, Schulhallen, Lüftung möglich, Größe, Abtrennung, ...) aufgestellt sind, ist es wichtig ein Konzept vom Fachverband als Klammer zu haben, das wir auf die lokale Realität übertragen. Immer mit der Maßgabe, auch die schwächsten Glieder zu schützen und nicht nur die, die sich für unverwundbar halten. Sicher sind hier die Perspektiven von einzelnen nur an sich denkende Spieler*innen anders gegenüber Funktionär*innen, die Verantwortung für Gruppen tragen. Ich kann hier nur an diejenigen appellieren, die sich für unverwundbar halten, sich zurückzunehmen und an die "Schwächeren" zu denken, die sonst der Sportart und Halle fernbleiben. Und wenn sich die Ansteckungsszenarien sich doch nicht als so abwegig herausstellen sollten, dann tut es doch keinem weh, sich im Zweifel rücksichtsvoll zu verhalten und kleine Entbehrungen wie eine Maske in Kauf zu nehmen. Als Sportart gesehen hängt es an Hygienekonzepten, aber auch deren lokale Umsetzung (und somit an jeder/ jedem einzelne*n Spieler*in), ob die Spiele weitergehen oder nicht. Leider spielt die kalte Jahreszeit mit mehr Aufenthalt in Räumen uns nicht in die Karten, wodurch es umso wichtiger ist, sich im Zweifelsfall auch selbst zurückzunehmen.
Und zum Schluss noch was ganz egoistisches von mir: Mir hat TT einige Monate sehr gefehlt, ich bin froh, wieder spielen zu können, und auch endlich wieder Wettkämpfe zu bestreiten. Ich habe kein Bock, dass das bald wieder vorbei ist, weil sich einige angeblich Querdenkende auf Eigenverantwortung und vermeintliche Freiheit berufen.
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Nichts bleibt wie es wird!
Mephisto
TSG Oberrad
Geändert von Mephisto (06.09.2020 um 10:06 Uhr)
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