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AW: Vereinssterben - Risikofaktoren und Gegenmaßnahmen
Bezüglich Engagement in den Vereinen haben wir doch deutliche Veränderungen in der Einstellung der Jugendlichen im Verlauf der Jahre im Bereich Hilfs- und Arbeitsbereitschaft bei Veranstaltungen festgestellt. Als heute älteres Semester "U50" war es für uns im Alter von 16 Jahren selbstverständlich, z.B. beim Auf- und Abbau von Veranstaltungen, der jährlichen Dorfkirmes, Bedienung im und außerhalb des Getränkestandes mitzuhelfen. Das Geld kam dem Verein zugute, es wurden Trikots, Tische etc. gekauft, das gemeinsame Zeltlager an Pfingsten finanziert und es gab nach Abschluss der Veranstaltung meist ein Helferfest am Grillplatz. 2 Jahrzehnte später war die mehrtägige Kirmes kaum mehr durchführbar. Jugendliche gab es genügend, doch die hatten keine Lust, Theken- oder Helferdienste bei Bedienung, Kaffee und Kuchen oder Cocktailbar zu machen. Während wir uns noch einen Spaß daraus machten und gemeinsam mit den Teamkollegen Dienste schoben, liefen die Kids lieber mit ihren Freunden auf der Kirmes herum. Motivationsargumente, dass Helfer für die Anschaffung neuer Trikots einen geringeren Eigenanteil zu zahlen hätten, interessierte sie nicht. Die paar Euro juckten sie nicht und sie hatten einfach keinen Bock, etwas für den Verein zu tun. 1 oder 2 Schichten von 2-3 Stunden am Wochenende waren dann zu viel verlangt...
Das ging dann noch einige Jahre gut, weil sich unter den Erwachsenen Bereitwillige fanden und aus Altersgründen Zeit hatten, den Kirmesstand personell zu bestücken. Dann wurden aber auch diese sauer und sahen es nicht mehr ein, für die faulen Kids die Arbeit mitzumachen und beteiligten sich auch nicht mehr. Seit einigen Jahren lehnte der Verein das Angebot der Gemeinde für den Betrieb des Kirmesstandes ab. Personell nicht mehr zu stemmen. Es gibt noch einen Organisationsausschuss, der Ranglisten und Turniere durchführt. Immer die gleichen meist älteren Damen führen in der Halle die Bewirtung durch. Insofern gibt es dadurch Einnahmen, die aber nicht mit den Kirmeseinnahmen vergleichbar sind. Der Verein schränkt die Extras ein, bezahlt aber Trainer und kommt über die Runden. Da er auch kleiner geworden ist, hat sich auch die Kostenstruktur verändert. Die "großen Jahre" sind aber vorbei und der ehemalige Förderverein aufgelöst. Nachwuchs fehlt und die Altersstruktur zeigt viele 65+ an. Insofern ist das ein schleichender "Erosionsprozess"
Der Vorstand versuchte, den Prozess aufzuhalten. Doch die Freizeitangebote wurden nicht angenommen. Zeltlager lockte keine Jugendlichen mehr hinter dem Ofen hervor. Mittlerweile würden auch die Betreuer und Begleitpersonen fehlen. Vereinsfahrten werden spärlich besucht und werden wegen mangelnder Masse abgesagt, da die Kosten pro Kopf zur Finanzierung des Reisebusses ansonsten zu hoch wären. Vieles ist auch nicht mehr von Interesse, weil die Mitglieder die Events schon kennen. Kölsch-Wanderweg, Draisinen, Karnevalssitzung. Außer Grillen mit Essen und Trinken macht fast nichts mehr Sinn und auch die Weihnachtsfeier wurde früher besser besucht. Heute undenkbar, bis 3-5 Uhr morgens zu feiern.
Dafür können die Jugendlichen sicherlich nichts und die "alten Zeiten" sind nicht mehr zurück zu holen. Doch wenn das jugendliche Fundament nicht bei Zeiten neu aufgelegt und gepflegt wird und dann noch die alte Basis bröckelt oder wegbricht, ist der Tod eines Vereins nur eine Frage der biologischen Zeit. Bis zu einem gewissen Punkt kann dies vielleicht noch aufgehalten werden. Sind aber mehr als 60% der Mitglieder Ü65+ erscheint mir ein Wiederaufbau kaum noch machbar. Bitte schaut doch mal in euren Vereinen auf die Altersstruktur in den Mannschaften und rechnet einfach mal als Test 10 Jahre hinzu. Wer wäre dann bei normalem Altersverlauf (ohne unvorhersehbare Krankheiten, Verletzungen) noch "spielfähig"?
Und ein Verein der auf dem absterbenden Ast ist, finanzielle Stärke verliert und nicht mehr die Leistungsträger hat, wird auch für Neuzugänge unattraktiv. Neuzugezogene suchen sich dann eine attraktiveren Nachbarverein, der besser ausgestattet ist und einen breiteren Leistungslevel anbietet. Das ist dann eine Abwärtsspirale. Mobilität ist meist vorhanden und 10-15 km mit dem Auto sind überbrückbar.
Geändert von Red Devil (16.04.2021 um 12:31 Uhr)
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