Zitat:
Zitat von Snape
Warum?
Weil es toll ist, einen Menschen wie ein gefühl- und willenloses Wesen auf maximale Leistung zu drillen und keine eigenen Entscheidungen zuzugestehen?
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Lass mich mit einer Gegenfrage antworten, Snape.
Warst Du dabei, als HONGCHAN QUAN, jenes junge Mädchen aus meinem Beispiel, trainiert wurde ? Gedrillt, wie Du sagst ? Woher willst Du wissen, dass dieses junge Mädchen keine eigene Meinung haben darf ? Dass ihr keine Entscheidungen zugestanden werden ? Woher nimmst Du diese Information ? Woher willst Du wissen, dass dieses junge Mädchen kein gutes, glückliches Leben führt ? Mal ganz davon abgesehen, dass sie mit ihren 14 Jahren dort nun für ihr Leben ausgesorgt hat und sich keine Sorgen um ihre Zukunft mehr machen muss, im Gegensatz zu den vielen Sportlern in unseren Breitengraden, die oft nach ihrer Karriere vor dem finanziellen Nichts stehen. Nein, meine Infos gehen dahingehend, dass dieses junge Mädchen schon auch ihren eigenen Kopf hat und sagt, was ihr passt oder nicht.
Und wenn es gar so einfach wäre, wieso beherrschen Sportler totalitärer Systeme dann nicht die gesamte Sportwelt ?
Nein, bei Hongchan Quan, der Turmspringerin, kommt das zusammen, was auch beispielsweise bei einer DING NING oder jetzt bei einer CHEN MENG zusammenkam, nämlich unfassbares Talent gepaart mit der Möglichkeit, dieses Talent auch voll ausschöpfen zu können.
Hast Du schon mal eines jener Interviews mit bspw. DING NING gesehen, wo sie mit leuchtenden Augen über ihre Kindheit und ihre Anfänge und frühen Jahre mit Tischtennis erzählt hat ? Sie hat nie negativ über ihr Training gesprochen, obwohl sie eine extrem reflektierte junge Frau ist. Negativ hat sie nur gesprochen über den unglaublichen Druck, unter dem sie 2016 bei Olympia stand, aber das war ihr eigener, selbstgemachter Druck, weil sie wusste, dass es voraussichtlich die einzige Chance war, ihre traumatischen Erfahrungen von 2012 mit der italienischen Schiedsrichterin vergessen zu machen. Sie hat diesem unfassbaren Druck standgehalten. Das hätten nicht viele geschafft. Für mich persönlich war das eine der bewundernswertesten Leistungen in der modernen Sportgeschichte.
Ich selbst habe bspw. als ganz junger Mann live mitbekommen, wie eine Steffi Graf beim Training gedrillt und sowohl von ihrem Vater als auch von ihrem Trainer beim Training angeschrien und angetrieben wurde. Sie war damals 12 Jahre alt (Sie kommt aus dem gleichen Ort wie ich und ihre Familie wohnte damals am anderen Ende der gleichen Straße). Dagegen sind jene Szenen, die man bspw. im Netz vom Training mit der kleinen CHEN MENG sieht, noch geradezu harmlos.
Bezeichnenderweise habe ich aber darüber nie etwas in unseren Gazetten gelesen. Steffi war und ist eine "Heldin" unserer Sportnation, so wie es Meng in China ist. Aber das ist auch das, was ich mit "zweierlei Maß" gemessen meine.
Ich glaube viel eher, dass solche Beispiele wie die der jungen chinesischen Turmspringerin und die undifferenzierte Kritik daran die perfekte Möglichkeit für so manche unserer Sportfunktionäre wie z.B. unserem hoffentlich bald aus seinem Amt scheidenden Präsidenten des DOSB, Alfons Hörmann, ist, von eigenen Fehlern und eigenen Unzulänglichkeiten, die es en masse gibt, abzulenken.
Nein, ich bin ganz gewiss kein Verteidiger totalitärer Systeme, ich bin weit davon entfernt. Aber es gibt immer auch zwei Seiten, die man sich anhören sollte. Ich kenne beispielsweise Menschen in China (keine Sportler), ganz normale Menschen, die dort sehr glücklich und zufrieden leben. Sie sind froh darüber, dass es in China schon vor Corona absolut normal war, etwa bei Erkältungen Masken zu tragen, um andere zu schützen und somit auch selbst geschützt zu werden, weil dort ein ganz anders Verständnis für ein miteinander unter den Menschen besteht, als bei uns im Westen. Und sie haben auch null Probleme mit Kameras in der Innenstadt, weil sie sich dadurch sicherer fühlen. Die ganze Lebenskultur dort ist eine andere und wir haben das genauso zu akzeptieren, wie wir auch umgekehrt uns nicht von anderen sagen lassen möchten, wie wir zu leben haben.