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Alt 25.06.2001, 16:13
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Mephisto Mephisto ist gerade online
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Demokratie & Co

Die Sache ist definitiv gelaufen. Diskussionswürdig ist allerdings die Sache, wie es gelaufen ist.

Unabhängig von der Tatsache, dass die neue Zählweise so oder so beschlossen worden wäre, ist meine Auffassung von Demokratie, dass die gewählten Vertreter sich zumindest die Ansicht ihrer Wähler anhören sollten, bevor sie entscheiden. Vielleicht hätten sie für ihre "Schäfchen" mitgedacht und wider deren Willen eine Entscheidung getroffen. Das hätte viel Kraft und Überzeugungsarbeit gekostet. Stattdessen dominiert die Ignoranz und alles wird als gegeben verkauft.

Als Spitzenfunktionär würde ich mir schon Gedanken machen, ob ich mich in meiner Rolle wohl fühle, obwohl ich der großen Mehrheit derer Widerspreche, die ich vertreten soll (die Ablehnung an der Basis ist im Vergleich zum Forum unwahrscheinlich hoch, dort wird natürlich auch viel "einfacher" gedacht). In dem Moment der Gewissensbisse entsteht dann ein Gewissenskonflikt. Dieser wird dann beiseite gelegt, wenn man sich als Spitzenfunktionär besinnt, dass die Funktionärskarriereleiter ja noch ein paar Stufen nach oben ragt, und man es sich mit den potentiellen wichtigen Leuten nicht verderben will. Da ist erst einmal Konformität und Loyalität wichtig, um sich gut zu positionieren. Bei diesem Gedankenspiel fallen mir eine Parallelen zur Vetternwirtschaft in der Politik auf. Aber wie gesagt, nur ein Gedankenspiel - oder doch nicht?

Als Mensch, der so etwas wie Gewissen sein eigen nennt, könnte ich mich aber nicht bei den nächsten Wahlen guten Gewissens zur Wiederwahl stellen, in dem Bewusstsein, nicht die Interessen der Mehrheit meiner Wähler vertreten zu haben bzw. sie nicht wirklich überzeugt zu haben.

Vielleicht werden die kleinen braven Schäfchen ja eines Tages zu giftigen Schlangen, die sich vom konformen, bösen Wolf nicht mehr auf der Nase rumtanzen lassen. Das Kernproblem wird aber sein, dass es nicht genügend junge, unverbrauchte, ehrliche Wölfe geben wird, die sich gegen die amtierenden Wölfe durchsetzen wollen, um ein neues Wolfsimage zu schaffen. Oder doch?

Ich denke, die entsprechenden Funktionsträger hätten jetzt einige Probleme weniger, wenn sie nicht zu bequem gewesen wären, proaktive Überzeugungsarbeit für die neuen Regeln zu leisten, denn die neuen Regeln haben schließlich auch einige Proargumente. Jetzt, wo auf unteren Ebenen die Lage zu eskalieren droht (Funktionsträger drohen mit Rücktritt, ganze Mannschaften mit älteren Spielern spielen nicht mehr aktiv), wird überall verkündet, dass die Änderungen schon lange diskutiert wurden und seinerzeit kein Protest kam. Andererseits wurde diese Diskussion auch totgeschwiegen. Ein normaler TT-Spieler oder Vereins-, Kreis- oder Bezirksfunktionär hat davon nichts mitbekommen, sofern er nicht zum Kreise der TT-Verrückten gehört. Neben TT-News (gibt es aber auch erst seit Februar 00) gab es nur ein paar Infos über Versuche im DTS. Alledings nur Berichte über Experimente und keine weitergehende Diskussion nach "unten".

Dann kam die Begründung durch den DTTB, dass die Regelnovellierung Teil der verbindlichen internationalen TT-Regeln seien, die nicht durch nationale Verbände oder Landesverbände zu brechen seien. Zu diesem Thema die Antwort unseres allgeliebten ITTF-Präsidenten Adham Sharara. Es mailte mir überraschenderweise persönlich zurück, nachdem ich ihm während der WM mein Unverständnis zur Kenntnis mailte (hat mich positiv Überrascht, dass ich Antwort bekam). Sharara schrieb am 2.6.2001:

Thank you for your input and your opinions. It has been reported that participation in table tennis has increased in Japan, France, Sweden,
etc.. over the last 12 months. maybe the problem in your country is
different and it is not the new rules. In any case, your club does
not have to follow the ITTF rules. The rules we have passed apply
only to International Events.

In any case, I welcome your remarks and please send me your ideas on
how to improve table tennis in the world and in your country.

Adham Sharara
ITTF President


Das war wahrscheinlich eine Standardfloskel. Allerdings lese ich dort eben nichts von der Massgabe, dass die Neuerung automatisch weltweit übernommen werden muss, ganz im Gegenteil. Da haben es sich einige Damen und Herren beim DTTB wohl recht einfach gemacht. Das war gelogen!

Eines möchte ich noch einmal bemerken. Dies ist kein Pauschalangriff auf Funktionäre (ich bin auf anderer Ebene selbst einer). Es geht mal wieder um das WIE.

Wenn ich versuche, mich in die Rolle der kritisierten Entscheidungsträger zu versetzen, wird mir bewusst, in welcher Zwickmühle sie sitzen. Aber, auch wenn sie überzeugt sind, dass eine Entscheidung für das "Volk" besser ist, nur jenes die weittragenden Konsequenzen so einer Entscheidung nicht versteht, weil es nur seine Individualinteressen betrachtet, muss der Dialog entstehen, um zu überzeugen - zumindest aber um für Verständnis zu werben. Stattdessen wird das "Volk" gemieden und sogar noch arrogant verkündet, dass man die Allgemeinheit ruhig mal ein bißchen toben lassen soll, die würden sich schon wieder beruhigen und in ein oder zwei Jahren spricht niemand mehr darüber. Aussitzen statt Dialog. Das Schlimme ist, dass die Verbandsfunktionäre, denen diese Vorgehensweise auch auf der Seele brennt (die gibt es definitiv auch), mit den Ignoranten in einen Topf geworfen werden. Und letztendlich müssen sie auch extern die Entscheidungen mittragen. Was intern abgeht, kann ich nicht beurteilen.

Ich hoffe, dass sich vielleicht doch eines Tages eine neue "Wolfsgeneration" findet oder zumindest die jetzigen Entscheidungsträger aus der verfehlten Art und Weise der Informationspolitik und des Dialogs - also der Basisdemokratie - gelernt haben. Spätestens jetzt sollte begriffen werden, dass man nicht automatisch auf immer in Amt und Würden ist und bleibt, egal wie man handelt.

Abschließend sei noch einmal wiederholt, dass es in meinem Beitrag gar nicht um die Regelneuerungen ansich geht.
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Nichts bleibt wie es wird!
Mephisto
TSG Oberrad

Geändert von Mephisto (25.06.2001 um 16:24 Uhr)
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