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Alt 10.01.2022, 06:43
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Tansincos Tansincos ist offline
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AW: Tennis (allgemein)

Ich glaube, man muss dass auch im australischen Kontext sehen, um die Situation zu begreifen. Wir hatten hier Down Under auf Grund der Null-COVID-Politik lange sehr starke Einschraenkungen: ueber 200 Tage harter Lockdown in Melbourne (z.T. naechtliche Ausgangssperre), geschlossene Grenzen international sowie zwischen den Bundesstaaten. Sogar heute kann man noch nicht von Sydney nach Perth reisen (Grenzen geschlossen) und auf absehbare Zeit werden Reisen ins Land und innerhalb des Landes an eine Impfpflicht gekoppelt sein. In Westaustralien gilt z.B. eine Impfpflicht am Arbeitsplatz fuer ueber 70% der Erwerbstaetigen.

Dazu kann man jetzt stehen, wie man will. Fakt ist aber: Die Menschen in Australien (und gerade in Melbourne) haben lange Zeit sehr starke Einschraenkungen im Rahmen der Pandemie hingenommen und muessen das immer noch. Selbst der Premierminister kann nicht ungeimpft durchs Land reisen. Entsprechend war der Aufschrei in den Medien (und der Bevoelkerung) riesig, als letzte Woche bekannt gegeben wurde, dass Djokovic eine Ausnahmegenehmigung bekommt. Kann ich auch gut nachvollziehen (und ich bin laengst nicht so Einwanderungs-skeptisch wie viele Australier). Meine Meinung ist daher: Ohne Impfung sollte Djokovic nicht einreisen duerfen.

Jetzt kommt das Aber: Die Genehmigung kam von Tennis Australia (Veranstalter der Australian Open) und der Regierung in Victoria (Labour). Die Position der Nationalregierung (Coalition, also liberal-konservativ) und des ihr unterstehenden Grenzschutzes ist unklar. Einerseits gab es wohl ein Schreiben an Tennis Australia, laut dem Ausnahmegenehmigungen fuer die Teilnahme oder eine vergagene Corona-Infektion nicht die geltenden Einreiseregeln ausser Kraft setzen ("genesen" ist in Australien kein relevanter Status, man muss geimpft sein). Andererseits gab es wohl zumindest ermutigende Signale vom Grenzschutz an die Partei Djokovic.

Wenn man sieht, wie das die nationale Regierung jetzt rhetorisch ausspielt, liegt der Verdacht schon nahe, dass der Grenzschutz zumindest ermuntert wurde, nochmal genau hinzuschauen und evtl. Probleme zu finden. Damit wuerde sie der Volksstimmung entsprechen und ein Thema schaffen, dass davon ablenkt, dass es an der Ostkueste aktuell grosse Probleme mit Fallzahlen, Lieferketten und Gesundheitssystemen gibt, seit eben genau die Coalition dort auf Oeffnung und Wegfall der Coronamassnahmen gedraengt hat. Und im Mai sind hier Wahlen aus Bundesebene.

Genau da wird es fuer mich kritisch: Djokovic soll m.M.n. ohne Impfung nicht einreisen duerfen, aber das haette man ihm frueh und klar kommunizieren sollen, anstatt es jetzt politisch auszunutzen (und das hat weniger damit zu tun, dass er Serbe ist, sondern eher mit der oben beschriebenen politischen Situation).

Prozess laeuft uebrigens gerade. Wurde mehrfach vertagt, aber einige Aussagen des Richters lassen vermuten, dass er dem Anliegen von Djokovic nicht ablehnend gegenueber steht ("And the point I'm somewhat agitated about is, was what more could this man have done?" - gab natuerlich wieder einen Aufschrei in den sozialen Medien: "Getting vaccinated!"). Die Regierungsanwaelte waren bislang wohl auch eher schwach. Einige Coalition-Politiker haben aber schon angedeutet, dass die Regierung im Fall eines Pro-Djokovic-Urteils von ihrem Recht gebrauchen machen soll, das Visum trotzdem zu annullieren.

Mein Tipp: Das Gericht kassiert die Entscheidung des Grenzschutzes, zumindest in dieser Instanz. Danach wird es richtig spannend. Die Bundesregierung hat hier auch rhetorisch hoch gepokert...
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