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Alt 21.03.2022, 13:57
Florian L. Florian L. ist offline
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AW: Tischtennis komplett kaputt reguliert während der letzten 20 Jahre

In den letzten gut 20 Jahren hat sich schon so einiges verändert:

- 40-mm-Ball
- 11er-Sätze
- Time-Out
- Aufschagregel
- Frischklebeverbot
- Plastikball

Dazu einige Dinge, die mehr oder weniger exklusiv für Deutschland (teilweise auch nur für einzelne Landesverbände) gelten:

- TTR, click-tt, mytischtennis (in Deutschland)
- diverse Anpassungen im Ligenbetrieb (Spielsystem auf verschiedenen Ebenen, Ersatzspielerregelungen, und sicher noch einiges mehr)

Und dazu gab es diverse Änderungen, die ausschließlich für den Profisport gelten und für die Basis eher als Zuschauer eine Rolle spielen:

- diverse Änderungen im Starterfeld bzw. Austragungssystem/-zyklus internationaler Turnier (EM jedes Jahr, diverse Änderungen rund um Olympia, Top-Turniere, ...)
- TTBL, DTTL usw.
- Weltrangliste, WTT

Daher ist ersichtlich, dass es Änderungen auf verschiedenen Ebenen gibt:

- Regeländerungen für alle WettkampfspielerInnen weltweit
- Änderungen exklusiv für Deutschland
- Änderungen im Profibereich

Folglich gibt es mal mindestens 2 (ggf. auch mehr) Entscheidungsebenen, die für uns BreitensportlerInnen wichtig sind:

ITTF und weniger relevant ETTU:

diese agieren als übergeordnete Organisationen theoretisch zum Wohle des Sports. Die Frage ist natürlich, was das genau bedeutet. Ansätze könnten sein (teilweise meine eigenen Thesen und Gedanken):

- Geld als Verband akquirieren (durch "Vermarktung", dazu zählt auch diverse Medienpräsenz)
- SpielerInnen zu halten und dazugewinnen (mir sind dazu international keine Werte bekannt und ich halte diesen Punkt für am wenigsten relevant)
- den Materialmarkt für die Firmen attraktiv zu gestalten (ich werde das Gefühl nicht los, dass ein guter Teil der Regeländerungen dafür da war, um viel neues und teureres Material zu verkaufen)
- internationale Relevanz der Sportart zu erhalten bzw. auszubauen (teilweise Überschneidung mit "Vermarktung")

Ist dieses Unterfangen nun einigermaßen erfolgreich?

Jein. Es gibt immer mehr internationale Individualturniere mit steigenden Preisgeldern, im Tischtennis werden inzwischen 5 Olympiatitel vergeben und es gibt einige "Superstars" (zumindest im männlichen Bereich), die ein veritables Einkommen erzielen können. Dazu kommen einige namhafte Sponsoren und es werden relativ viele Spiele (zumindest im Internet) gezeigt.
Andererseits gibt es sportliche Probleme, die für eine bessere Vermarktbarkeit in Kauf genommen werden. Dies sind bspw. eine zweifelhafte Berechnung der Weltrangliste, Startfeldbegrenzungen bei verschiedenen Turnieren (besonders die 2 StarterInnen bei Olympia) und die Entwertung verschiedener Titel (v.a. EM u.ä.).

Damit stehen wir mMn im Vergleich verschiedener Sportarten gar nicht mal so schlecht da. Natürlich bestehen wir keinen Vergleich zu den in den Medien vorherrschenden Sportarten (Fußball, amerikanischer Profisport, Tennis und einige Sportarten in der zweiten Reihe). Auch sollte beachtet werden, dass es in der öffentlichen Wahrnehmung große regionale Unterschiede gibt (man frage hier mal Leon Draisaitl). Allerdings erzielt TT vor allem bei Olympia hier in Deutschland große Aufmerksamkeit und Spieler wie Boll und Ovtcharov haben einen gewissen Bekanntheitsgrad.

Für uns als mehr oder weniger ambitionierte AmateursportlerInnen hat diese Ebene verschiedene Auswirkungen. Hauptsächlich geht es hier um die "harten" Regeländerungen.

DTTB und seine untergeordneten Verbände:

Hier beginne ich mit einer möglicherweise unpopulären These: einzelne SpielerInnen und Vereine sind dem DTTB gleichgültig. Durch die etablierten (teils öffentlichen Förder-)Strukturen sind die Gradmesser für eine erfolgreiche Verbandsarbeit Erfolge bei internationalen Wettkämpfen (v.a. Olympia) und die Anzahl an Mitgliedern (Vereine und individuelle Personen) und Mannschaften. Das selbe gilt für Landesverbände mit nationalen Erfolgen.

Um diese Ziele zu erreichen werden die Strukturen und Regeln angepasst. In der Tendenz werden Mannschaftsstärken reduziert, Ersatzregelungen angepasst, Ligen umstrukturiert und so gelingt es, trotz schon lange sinkender Mitgliederzahlen, die Zahl der Mannschaften einigermaßen stabil zu halten. Bis zu einem gewissen Grad wird hier Verbandsarbeit zum Selbstzweck und die Mannschaftsstatistik von der Wirklichkeit entkoppelt.

Ähnlich sieht es bei der Spitzensportförderung aus. Einzelne Förderzentren arbeiten für den messbaren Erfolg, ein guter Teil der finanziellen Mittel der Verbände geht in diese Förderung (Nachwuchs und Erwachsene). Trotzdem stehen erstaunlich viele SpielerInnen mit familiären Tischtennisbezug in den Kadern. Hart gesagt bedeutet das, dass es kein funktionierendes echtes Talentsichtungssystem gibt, sonst müssten es viel mehr SpielerInnen ohne TT-Familie in der Spitzenförderung geben.

Eine weitere relevante Veränderung ist die Thematik rund um mytischtennis und click-tt. Natürlich ist und bleibt es wichtig, im Zuge der Digitalisierung Schritt zu halten. Ob mytischtennis als Dienstleister und gewinnorientiertes Unternehmen dafür der richtige Partner ist, steht auf einem anderen Blatt. Allerdings bin ich mir sicher, dass eine große Mehrheit die zeitnahe Verfügbarkeit von Ergebnissen grundsätzlich begrüßt. Die tatsächliche Umsetzung hat allerdings noch Entwicklungspotenzial (v.a. ständige Ausfälle).

Nun drängt sich mir nach dieser Darlegung allerdings folgender Eindruck auf:

die breite Masse und absolute Mehrheit kommt in diesen Überlegungen kaum bis gar nicht vor. Die ITTF will TT vermarkten (und Geld verdienen), der DTTB und seine Landesverbände wollen Spitzenergebnisse (zur Förderung) und viele Mannschaften und Mitglieder und mytischtennis will und muss Geld verdienen. Mögliche schwierige Verquickungen mit wirtschaftlichen Interessen einzelner Beteiligter noch außen vor gelassen. Wir als AmateurspielerInnen sind dabei im besten Falle Mittel zum Zweck!!!

Was kann das für uns als Basis bedeuten?

Zuerst bleibt Tischtennis Tischtennis. Das eigentliche Spiel bleibt in den wesentlichen Grundzügen erhalten. Wer Lust auf Wettkämpfe hat, kann diese immer noch spielen, vom Training ganz zu schweigen.

Das bestehende Verbands- und Ligensystem wird weiterhin leidlich funktionieren. Langfristig ist der Trend allerdings negativ. Um den entgegen zu wirken, gibt es sicherlich verschiedene Ansätze:

- Stärkung des echten Breitensports (z.B. "SteinplattenspielerInnen", Kneipensport, Firmensport,...), vor allem Förderung und Anerkennung dessen (vergleicht mal die Inhalte auf den Homepages der Verbände und mytt in Bezug auf das Verhältnis der Berichterstattung zwischen Spitzensport und Breitensport)
- Gewinnung neuer Zielgruppen (z.B. Migranten, ParaspielerInnen, Seniorengruppen,...)
- die Vereine und Verbände als Dienstleister (warum nicht einen Firmencup organisieren? oder einen Tischtennis-Kindergeburtstag?)
- Entkoppelung zwischen Profisport und Amateursport (z.b. Anpassung der Aufschlagregel für den Breitensport; flexiblere Aufstellungskriterien; andere Materialzulassungen; Ma Long betreibt im wahrsten Sinne einen anderen Sport als ich sowohl von den Fähigkeiten, Trainingsumfängen und Material her, warum muss ich nach den gleichen (bei mir nicht umsetzbaren/kontrollierbaren) Regeln spielen?)
- VR-Tischtennis oder wie das heißt
- flexiblere Wettkämpfe für Interessierte
- Stärkung und Unterstützung des Ehrenamtes (finanzielle Unterstützung, ggf. Umwandlung in bezahlte Stellen; Weiterbildung vor Ort); eine Abteilung/ein Verein funktioniert durch motivierte (reicht meistens schon) und fähige EhrenamtlerInnen auf die eigene Art und Weise gut

Die Gesellschaft hat sich in den letzten gut 20 Jahren so extrem verändert. Die Änderungen in unserem Sport sind im Gegensatz dazu fast schon marginal und "bekämpfen" eher die Symptome als die Ursachen für die negative (Mitglieder)-Entwicklung.

Am wichtigsten dabei ist mMn ein echtes Umdenken im Amateursport, vor allem die Maßstäbe für erfolgreiche Vereins- und Verbandsarbeit. Der klassische Ligen- und Individualspielbetrieb ist kein Selbstzweck und sollte die SpielerInnen da abholen, wo sie sind. Regeln, die nicht umsetzbar oder überprüfbar sind, sollten entsprechend angepasst (nicht abgeschafft!) werden --> Trennung vom Profisport und Amateursport

Abschließend möchte ich nochmals unterstreichen, dass Geschehnisse im Spitzensport für die Basis praktisch bedeutungslos sind. Selbst wenn Erfolge SpielerInnen in die Halle bringen, müssen diese integriert werden. So ist es am wichtigsten, dass alle Beteiligten Spaß in der Halle haben, gerne mit wie auch ohne Wettkämpfe. Und selbstverständlich habe ich höchsten Respekt für die Arbeit der EhrenamtlerInnen, die unseren Sport geprägt haben und immer noch prägen.
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