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Zitat von Niklas01
Was sind für dich die größten Unterschiede in Tschechien zu deiner Zeit in Deutschland und Kroatien?
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So einfach ist das gar nicht zu sagen, da ich ja zweimal in Kroatien war, einmal vor rund zehn Jahren beim Hauptstadtclub STK Dr. Casl Zagreb und dann jetzt bevor ich nach Prag gewechselt bin sechs Jahre lang beim STK Starr Croatia in Varazdin (rund 45 Minuten von Zagreb entfernt) und in den insgesamt 12 Jahren in der deutschen Bundesliga ja so ziemlich alles erlebt habe (4-er Mannschaft mit zwei Doppeln zu Beginn auf zwei Tischen, 3-er Mannschaft mit verschiedenen Spielsystemen auf einem Center Court, mal mit Doppel, mal ohne, dann war es mal die 1. Bundesliga, dann hieß die Liga DTTL und dann TTBL) und es daher ja ganz unterschiedliche Situationen gab. Man kann einfach meine Zeit in Würzburg nicht 1:1 mit der Zeit beispielsweise in Saarbrücken vergleichen.
Zu dieser Frage schreibe ich irgendwann mal was. Aber was ich vorab sagen kann, wenn es ums Coaching geht, dann war das schon deutlich anders. In Würzburg damals hatten wir ja immer zwei Trainer, da parallel auf zwei Tischen gespielt wurde. Dann wurden die Dreiermannschaften eingeführt und es wurde nur noch an einem Tisch gecoacht, daher war ich dann auch in Saarbrücken alleine Trainer und habe auch selber jedes Spiel gecoacht. In der Regel sind in den Satzpausen die anderen Spieler auf der Bank sitzen geblieben, das war da einfach nicht üblich, dass die Spieler alle aufstehen. Aber ab und zu habe ich in wichtigen Situationen meine Spieler alle an die Bande gerufen, damit wir "wie eine Wand" für den Spieler da sind, der in der Box zu dem Zeitpunkt in einer schwierigen Situation war. Es war nicht üblich, aber wenn ich es in besonderen Momenten für erforderlich hielt, habe ich einen meiner erfahrenen Spieler (damals Basti Steger oder Bojan Tokic) gebeten, ebenfalls was zu sagen, denn manchmal gibt es einfach Momente, in denen ein Spieler in der Box mit seinem Latein am Ende ist und es auch nichts bringt, ihm zum dritten Mal die nötige Taktik zu sagen, wenn er es einfach in dieser Phase nicht auf den Tisch bringt und auch ein Planwechsel nicht wirklich zum Erfolg führte. Da kann es dann entweder hilfreich sein, wenn eine zweite Meinung rein kommt und den Spieler letztendlich bestärkt, es konsequent weiter mit der taktischen Marschroute zu versuchen, weil es nur eine Frage der Zeit ist, bis der Knoten platzt (oder mit wehenden Fahnen untergegangen wird

) oder aber vielleicht doch noch eine andere Idee in einer scheinbar ausweglosen Situation einen neuen Impuls gibt. Wie gesagt, das kam äußerst selten vor, aber beides fand ich ihn so Momenten als hilfreich, da es dann doch immer in solchen Ausnahmesituationen ein bisschen zusätzlichen Rückenwind geben konnte.
In Kroatien war es anders. Die Liga war schwächer und nachdem die ersten vier Mannschaften immer in die Playoffs kamen, aber es meistens nur drei starke Teams gab, war immer klar, dass da über das Jahr hin nichts passieren konnte. Und in den Playoffs ging es dann plötzlich um alles oder nichts und teilweise waren die Spieler dann übernervös, weil sie nicht das ganze Jahr über den Druck hatten, wie wir es in der deutschen Bundesliga hatten, als man selbst als Favorit auch gegen fast jede Mannschaft verlieren konnte.
Vor allem beim STK Starr Croatia war die Mannschaft sehr darauf fokussiert, dass immer ich sie betreue, denn Ronald Redjep (der ebenfalls natürlich jederzeit hätte betreuen können), musste sich auf seine eigenen Einzel vorbereiten und ist dann oft auch raus aus der Halle, um sich zu fokussieren. Je nach Spiel und eigenem Team sind die anderen Spieler entweder sitzen geblieben oder mit aufgestanden, aber wären nie auf die Idee gekommen etwas zu sagen. Ausnahme war da nur Tan Ruiwu, der natürlich vor allem für Zeng Jia auf chinesisch betreuen konnte, was enorm hilfreich war. Haha und einmal kam es vor, dass ein völlig entnervter Tomislav Zubcic aus heiterem Himmel zur Box gerannt ist und TIME OUT gebrüllt hat und danach den Mitspieler angebrüllt hat (hatte ich so auch noch nicht erlebt

).
In Tschechien aber war ich sehr verwundert, als ich mir vor der Saison einige Videos anschaute von verschiedenen Teams und feststellen musste, dass dort grundsätzlich immer das gesamte Team geschlossen an der Bande steht und dann aber regelmäßig nicht nur der Trainer den Spieler coacht, sondern da manchmal 2, 3 oder sogar 4 Leute auf den Spieler einreden.

Da fängt bei manchen Mannschaften der Trainer an, dann redet der Co-Trainer, dann kommt noch ein Mitspieler zu Wort und es kann durchaus passieren, dass der Präsident auch noch ins Coaching eingreift. Für mich ist das sehr ungewohnt und empfinde ich auch nicht als sinnvoll. Bei unserem Team ist das nicht so schlimm, aber ich habe auch schon erlebt, dass da außer dem Coach noch 1-2 andere Leute sprechen. Petr Kaucky stört das nicht, aber er versteht natürlich auch was die anderen auf tschechisch sagen und die Spieler haben auch verstanden, was er vorher gesagt hat, daher sind Missverständnisse da eher ausgeschlossen.
Mir selber ist das nicht so recht, denn ich könnte nicht beurteilen, was andere dem Spieler dann noch zusätzlich auf tschechisch sagen und wenn ich Jiri Vrablik auf deutsch coachen würde, dann wüssten (abgesehen von Frantisek Onderka) andere nicht was ich ihm gesagt habe. Daher ist es für mich immer in Ordnung, wenn Petr oder ich coachen, dass Jiri Vrablik zusätzlich was sagt, denn er weiß genau was Petr oder ich vorher gesagt haben und bekräftigt das dann entweder oder gibt dazu passend noch einen zusätzlichen Hinweis.
Wenn Petr coacht und ich da bin, dann gebe ich wenn überhaupt nur mal einen zusätzlichen Hinweis, wenn ich es für erforderlich halte, aber beschränke mich normalerweise auf meine eigentliche Arbeit (wie oben genannt), denn ich verstehe noch zu wenig tschechisch, um alles beurteilen zu können, was er sagt und es wäre fatal wenn er dem Spieler sagt, er soll besser halblang in Mitte oder RH zurückschlagen und ich sage dann er soll besser kurz in VH zurückschlagen, usw.
Wenn ich da bin und Petr nicht (beispielweise beim Hinspiel gegen SKST Cheb), dann coache ich alleine und nur Jiri Vrablik sollte ggf. mal zusätzliche Hinweise geben, aber dass da dann noch weitere Mitspieler und Präsident mitsprechen, das möchte ich nicht haben.
Generell finde ich das sehr ungewohnt, dass in Tschechien nicht nur alle an der Bande stehen in jeder Satzpause und Timeout (was ich schön finde und einen guten Teamspirit zeigt), sondern dass bei vielen Teams da gefühlt auch noch der Hausmeister und der Ehrenpräsident ihre Meinung in den Satzpausen mit einbringen. Aber gut, so etwas ist eben in jedem Land anders und daran muss man sich dann ggf. auch gewöhnen.