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AW: Politik - der Thread für politisch Interessierte (ab Dezember 2021)
@Glücksball:
Der "kranke Mann Europas" ist eine Legende. Traf ausschließlich auf Ostdeutschland zu und war der Wende, den für damalige Verhältnisse hohen Schulden und vor allem dem damaligen Zinsniveau geschuldet.
Der ehemalige Wirtschaftsweise Bofinger hatte das mal in einer Ausarbeitung abgehandelt.
Dazu strömten damals über 2 Mio Spätaussiedler auf den Arbeitsmarkt, die Gorbatschow Kohl für die Einheit abgerungen hatte. Dazu der Zustrom aus der Ex-DDR in den Westen.
Dazu begann damals die große Abwanderungswelle gen Osten der Produktionsindustrie. Großkonzerne witterten und gingen reihenweise nach Polen, aber auch unter hohen Subventionen in die Ex-DDR. Siehe der Fall Brandtzwieback.
Trotzdem war die Kaufkraft der Masse erheblich höher als später. Es gab weder Leiharbeit im großen Stil, noch Tarifflucht.
Außerdem war die Berechnung der Arbeitslosen anders. Ein Großteil der "Erfolge" von Schröder basierte einfach auf Rechentricks. Wer damals nicht in Sozialhilfe war fiel in die Statistik. Bei identischer Erfassungsweise wären es heute auch annähernd 5-7 Mio in der Statistik. Heute wird nur noch erfasst, wer in ALG1 ist und parallel keine "Maßnahme" macht.
@ Jan Move:
Du sprichst einen entscheidenden Punkt an. Qualität! Produkte, die eben nicht über den Preis verkauft werden. Eine starke Währung sorgt hier für Innovationsdruck bei den heimischen Firmen.
Die Schweiz wird mMn. auch oft falsch dargestellt. Man argumentiert immer mit den hohen Kosten, führt aber keine "normalen" Wohnorte an, sondern Zürich oder Genf. Das wäre ähnlich in Deutschland nur mit München zu argumentieren. Sicher ist der Binnenkonsum nicht billig, was aus deutscher Sicht aber auch dem Wechselkurs geschuldet ist.
Aber fahr mal mit dem Franken in den Urlaub oder kaufe ein Auto. Oder fahr Tanken! Oder, ganz einfach, bestell in Deutschland einen Tenergy...
Ich kann nur das wiedergeben, was ich von Bekannten höre, die in "Normalberufen", aber auch als Arzt in die Schweiz gegangen sind. Mindestens doppelt so hohe Einkommen (brutto) bei halb so hohen Abgaben und Steuern und erwa 1/3 höheren Lebenshaltungskosten.
Ein Freund, Physio (angestellt)kann sich in der Schweiz etwa 2.000 Euro (umgerechnet) monatlich zur Seite legen. Ein Lidl-Marktleiter hat mehr als das Doppelte netto raus, obwohl die in Deutschland zu den Spitzenzahlern gehören (da hatte er, inkl. Firmenwagen knapp 6 brutto).
Ähnlich Chirurgin an einem etwas entlegenen Kantonsspital. Viel bessere Arbeitsbelastung bei erheblich höherem Gehalt und klar 6stellig netto, als leitender Arzt, wie das bei Euch wohl heißt.
Und wenn ich das runtertechne, dann komme ich immer wieder darauf, dass der Unterschied hauptsächlich im Wechselkurs und den deutlich niedrigeren Abgaben und Steuern begründet ist.
Der fiktive Kurs Franken-DM wäre aktuell 1:2, damals 1:1,1-1,2.
Dazu kommt in Deutschland die kalte Progression über 20 Jahre und erheblich gestiegene Verbrauchsteuern und Abgaben und Gebühren.
Und du hast recht, ganz Deutschland ist seit Schröder im Billigwahn und "Geiz ist Geil" Modus. Allerdings hat uns das auch viel Innovation und Qualität gekostet. Und diese Billigheimer sind halt die, die immer Panik schieben weil das Geschäftsmodell voll auf diese Billigschiene ausgerichtet ist.
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