|
AW: Europameisterschaften 2022 (13.08. - 21.08.2022, München, GER)
Ich habe das Spiel von Annett erst ab Mitte des vierten Satzes gesehen.
Die Taktik von Annett habe ich nicht ganz verstanden. Bajor ist eine Spielerin mit enormen Stärken in den Bereichen Konter, Block und Schuss. Die Spieleröffnung liegt ihr eher weniger, insbesondere mit der Rückhand hat sie da Defizite.
Gegen so eine Akteurin muss ich nicht unbedingt jeden kurzen oder halblangen Ball flippen. Selbst wenn der Flip kommt, ist die Gegnerin voll im Spiel.
Beispiel 6. Satz: Annett produziert fünf (!!!) Rückschlagfehler, jeweils per Flip ins Aus auf halblange Aufschläge von Bajor. Bei 9:8 schupft sie endlich in Bajors Rückhand, die dann prompt einen Eröffnungsfehler macht.
Beispiel 7. Satz: bei 7:5 für Kaufmann verschlägt Bajor einen hohen Ball mit der Rückhand. Bajor ärgert sich fürchterlich, hadert, schiebt den Ball mit dem Fuss Richtung Bande, ist offensichtlich völlig entnervt. In so einer Situation spiel ich ihr halt dann einen Schupfball in die Rückhand. Was macht Kaufmann? Zwei Flipfehler am Stück innerhalb einer Nettospielzeit von zwei Sekunden, und dann gleich nochmal einen Eröffnungsfehler. Drei Punkte für Bajor, die im Prinzip den Ball nur über das Netz eierte. Das ist halt einfach nicht clever, und diese Niederlage war wirklich vollkommen überflüssig.
Mir ist natürlich klar, daß sich das alles vom gemütlichen Bürostuhl aus leicht schreiben lässt, aber generell weiß ich aus vielen Besuchen von Bundesligaspielen und Gesprächen mit hochklassigen Spielern, daß in der Spitze anders gecoacht wird als in der Kreisliga. In der Spitze geht es eher darum, sein eigenes Spiel durchzuziehen und dem Gegner aufzuzwingen, in der Kreisliga geht es eher darum, Schwächen des Gegners auszunutzen. Aber wenn es in einem EM-KO-Rundenspiel im siebten Satz 8:5 für mich steht und die Gegnerin schlotternde Knie und Eisenhand hat, finde ich persönlich, daß das nicht unbedingt der richtige Zeitpunkt ist, ihr mit Gewalt mein Spiel aufzwingen zu wollen.
|