|
Lieber Thread-Schreiber,
natürlich traue ich mich, auf diesen Beitrag zu antworten. Schon die Formulierung für diesen Thread finde ich nett. Warum sollte sich ein Funktionär nicht trauen? Für mich ist dieser Begriff kein Schimpfwort, und wer dies anders sieht oder es als solches benutzt, weiß nicht allzuviel darüber, was sich hinter dem Wort verbirgt.
Ob ihn viele lesen werden, weiß ich nicht, denn er wird sehr lang werden, weil man dieses Thema, welches sicherlich derzeit immer noch vielerorts stark diskutiert wird, nur sehr ausführlich behandeln kann. Deshalb geht meine Stellungnahme ganz bewusst weit über die Fragestellung hinaus, und beantwortet sie aber zugleich auch.
Ich möchte mich zunächst, auch ausführlich, vorstellen, damit die Leser wissen, mit wem sie es zu tun haben:
Mein Name ist Bruno Dünchheim (48), ich bin seit 8 Jahren Vorsitzender des WTTV (Westdeutscher Tischtennis-Verband), des drittgrößten DTTB-Mitgliedsverbandes, „Funktionär“ bin ich seit 26 Jahren (Verbandsjugendausschussmitglied, Bezirksjugendwart, Kreisspruchausschussmitglied in der Anfangszeit, später Verbandsjugend- und dann Verbandssportwart, nun Vorsitzender, im Verein war ich lange Sportwart und 2. Vorsitzender eines Gesamtvereins mit mehr als 1000 Mitgliedern). Ich bin im Besitz der Trainer-A-Lizenz, war einige Jahre Vorsitzender des VDTT, habe ein paar Jahre das DTTZ in Duisburg geleitet und habe früher viele Jahre in der Verbands- und Landesliga (einige Jahre mit Oberligastärke) aktiv gespielt und werde heute manchmal als Ersatzspieler in der Bezirksklasse benötigt, wenn mir mein Funktionärsamt dazu die Zeit lässt.
Wenn ich dies alles aufzähle, soll dies keine angeberische Auflistung von Tätigkeiten sein, ich möchte nur dem Vorwurf vorbeugen, dass mir jemand unterstellt, ich wisse nicht, wovon ich spreche. Ich möchte auch niemanden einschüchtern, denn jedermanns Ansicht zählt, wenn es um unseren Sport geht, und jeder sei eingeladen, an der Fortentwicklung mitzuwirken!
Denn wenn ich das Wort „Basisferne“ als Vorwurf für Verbandsfunktionäre höre, steigt in mir immer ein wenig Ärger hoch.
Die, die so in Briefen oder im Internet schimpfen, wissen gar nicht, wer „die Funktionäre“ sind.
Wer meinen Vertreter im WTTV nach wie vor intensiv in seinem Verein in Rees wirkt, wer den WTTV-Schatzmeister, der jeden Samstag mit seiner Jugendmannschaft losfährt, oder wer den langjährigen Bundesjugendwart aus Mennighüffen, der mehrfach in der Woche in der Halle steht, oder wer den WTTV-Ehrenpräsidenten, der immer noch jedes Wochenende in die Halle in Kleve schaut, wenn dort gespielt wird, wer den bayrischen TT-Präsidenten, der als Vorsitzender seines Vereins kein Meisterschaftsspiel auslässt, oder den Württemberger-TT-Präsidenten, für den Ähnliches gilt, als basisfern tituliert, der weiß nicht, wovon er spricht und weiß zusätzlich auch offenbar nicht, welches zeitliche Engagement mit einem völlig ehrenamtlich ausgeführten Führungsamt auf Verbandsebene verbunden ist.
Vielleicht kann man das auch nicht erwarten.
Erwarten kann man auch nicht von jedem, auch wenn er noch so engagiert ist, dass er einen Gesamtüberblick über unseren Sport hat.
Und der ist bei dem Thema „Regeländerungen“ nötig. Alle Leser wissen, dass wir künftig nur noch bis 11 zählen werden im Tischtennis, außer wenn ein Satz verlängert werden muss oder besser: verlängert werden darf.
Ich weiß nicht, ob dies gut ist für unseren Sport.
Wohl weiß ich, dass diese Veränderung positive Dinge mit sich bringen wird. Es wird schneller zu Entscheidungssituationen kommen. Es wird mehr Satzverlängerungen geben als bisher – was eindeutig positiv ist. Der schwächere Spieler wird häufiger mal einen Satz gewinnen gegen den Stärkeren als bisher – und am Ende wird er dann doch meistens verlieren, denn er ist ja der Schwächere.
Tischtennis bleibt nämlich in jedem Ballwechsel weiterhin Tischtennis – wie bisher.
Dennoch weiß ich nicht, ob die Gesamtveränderung vollständig positiv eingeschätzt werden wird in einem Jahr, wenn wir alle Erfahrungen damit haben werden.
Was ich aber ganz sicher weiß, sind andere Dinge.
Eine Sportart, die glaubt, erfolgreich in sich beharren zu können, wie sie ist, wird zur Bedeutungslosigkeit verdammt werden.
Dies weiß jeder und danach handeln alle Sportarten.
Nur ganz wenige hier werden sich daran erinnern, dass es zu Ihrer Jugendzeit noch Feldhandball gab.
Wer weiß noch, dass man früher, ohne Glasfiberstäbe, viel weniger stabhochsprang als heute?
Wer kennt noch die nicht mehr gültigen Regeln im Basketball, die schon ein paar Jahre nicht mehr gelten?
Oder die Regeländerungen im Fußball, von denen eine vor ein paar Wochen die deutsche Meisterschaft entschied?
Alle diese Veränderungen haben eines gemeinsam: Sie gelten weltweit.
Regeln können nur weltweite Geltung haben in einem Sport, der Anspruch auf Geltung erhebt!!
Wer keine weltweit gleichen Regeln hat, kann beispielsweise nicht olympisch sein oder es nicht mehr lange bleiben.
Im Volleyball hat man vor drei oder vier Jahren auch die Regeln geändert. Einige der Änderungen müssen hier nicht interessieren.
Aber eine Änderung ist in unserem Zusammenhang sehr interessant, denn Volleyball ist wie Tischtennis eine der bedeutendsten Sportarten der Welt – wie beim Tischtennis aber trifft auch zu, dass sie dies nicht in Deutschland ist.
Im Volleyball hat man vor drei oder vier Jahren die Zählweise geändert, wie bei uns: Man zählt nun im Satz nicht mehr bis 15, sondern bis 25. Aber das ist nicht alles: Man hat noch Elementareres geändert: Man muss sich nun nicht mehr erst den Aufschlag erkämpfen, um dann bei eigenem Aufschlag erst einen Punkt erzielen zu können wie beim Badminton, sondern jeder Fehler zählt nun als Punkt.
Man wollte damit das Spiel interessanter machen, für die Spieler, aber auch für die Zuschauer, auch für das TV.
Volleyball ist ebensoselten im TV wie TT - in Deutschland.
Aber die Regeln werden nun mal auf Weltebene gemacht, für die ganze Welt, wie im TT.
Wir können, wenn wir dies wollen, alle nun oder wann auch immer sagen, ob wir die Regeländerung gut oder weniger gut oder schlecht finden, viele haben dies hier bei tt-news im Forum oder in Unterforen auch schon getan. Aber es ist völlig egal, ob wir dies tun oder nicht, denn die Regeländerung ist nun da, und eine Regel muss nun mal in Duisburg und Frankfurt und Berlin und Offenburg genauso gelten wie in Paris, Brüssel, Peking und Brasilia.
Mich hat sehr irritiert, dass Sportkameraden, deren Arbeit ich sehr schätze, und andere, die ich nicht näher kenne, im Zusammenhang mit der Einführungsweise der 11-Punkte-Regel den Mitgliedern der Bundeshauptversammlung oder anderen Funktionären undemokratische Vorgehensweise vorgeworfen haben. Man mag vielen Funktionären auf allen Ebenen und gerne auch mir manches vorwerfen, was sie und was ich schlecht mache(n) oder gemacht habe(n), aber eines weiß ich sehr genau: Ich weiß, wie Demokratie funktioniert, und wir alle wenden unsere demokratisch beschlossene Satzung ebenso an und haben dies immer getan.
Wer Mitstreitern in unserer gemeinsamen TT-Sache, egal auf welcher Ebene, etwas Derartiges vorwirft, der greift sie in unerhörter Weise an und muss dann damit rechnen, dass er in scharfer Form zurückgewiesen wird.
Unsere Regeln werden auf ITTF-Ebene beschlossen und unsere Satzungen sagen aus, wie wir mit Regeln umgehen.
Wer den Unterschied zwischen Demokratie und Basisdemokratie nicht kennt, der möge ihn mal irgendwo nachlesen! Ich möchte hier nicht belehrend auftreten.
Dies hat nichts damit zu tun, dass man die 11-Punkte-Regel für gut oder schlecht befinden kann und darf, dass man den Einführungsmodus der Bälle für richtig oder falsch halten kann.
Ich selbst war für einen anderen Einführungsmodus bei den Bällen, wurde in meinem eigenen Verband überstimmt und hatte mich daran zu halten.
Deshalb trage und trug ich für beide Bereiche die Verantwortung und kann mich nicht herausreden damit, ich sei ja eigentlich anderer Ansicht gewesen.
Meine Ansicht zählt nicht! Es zählt, dass wir ein Sport sind, in dem einheitlich gespielt wird, und das wird nun mal woanders entschieden, nicht in Duisburg und nicht in Pulheim, wo ich wohne! Wir haben anderes zu entscheiden auf unseren Ebenen und auch daran müssen sich dann alle halten, sonst sind wir bald wirklich bedeutungslos.
Und wir haben die Möglichkeit, auch oben etwas zu verändern, auch wenn dies mühsam erscheinen mag oder auch ist. Aber so sind nun einmal die Regeln, denen wir uns verschrieben haben, und das ist gut so.
Wem dies und meine offenen Worte nicht passen, der mag dagegensprechen.
Nun noch abschließend zur Frage nach den drei oder vier Sätzen, die gestellt hat.
Ich schaue seit langer Zeit regelmäßig in tt-news, vor allem auch in dieses Forum und manche Unterforen rein, um zu wissen, was die Nutzer denken und äußern, denn hier wird seit geraumer Zeit dank engagierter Moderation meist sehr qualifiziert diskutiert, und dies gefällt mir. Deshalb weiß ich auch noch genau, wie die ersten reaktionen ausfielen.
Fast alle Thread-Beiträge waren negativ, obwohl fast niemand jemals ein Turnier bis 11 gespielt hatte. (Ich selbst habe vor vielen Jahren mal bei einer Fortbildung zur A-Trainer-Lizenz ein solches Turnier gespielt und weiß noch genau, dass keiner der Teilnehmer (fast alle hatten Oberligastärke und mehr) das negativ fand. Als stärkstes Bedenken wurde am Anfang immer wieder vorgetragen, dass die M-Spiele künftig (bei erwarteten 4 Gewinnsätzen) zu lange dauern würden. Offenbar wollte man nicht viel TT spielen, sondern hatte Angst, ein Spiel werde länger. Nun hat man genau dem Rechnung getragen, jetzt liest man genau die gegenteiligen Bedenken, immer verbunden mit Vorwürfen.
Ich selbst hätte auch eher für vier Gewinnsätze gesprochen, wir spielen nun über drei Gewinnsätze. Lasst es uns beobachten, denn dies kann ja wirklich bei Nicht-Bewährung geändert werden. Aber auch dabei gilt: Es muss einheitlich bleiben, sonst können wir nicht bestehen als Sportart.
Nun wird sicher manch einer den Kopf schütteln ob dieses langen Beitrages, es wird auch abweichende Meinungen geben, aber gewiss wird mir der Thread-Eigner zusprechen können, dass ich mich „getraut“ habe, warum auch nicht?
Bruno Dünchheim, 1. Vorsitzender des WTTV
|