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Alt 19.12.2022, 19:16
Tony_Iommi Tony_Iommi ist offline
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AW: Wiedergeburten

Ich habe eben mal drauflos geschrieben aber die Sache dann schnell wieder verworfen. Ohne gewisse Grundkonzepte bzgl. Buddhismus zu erlaeutern, macht es keinen Sinn, eine vernuenftige Antwort zum Thema Wiedergeburt beizutragen. Werde unten aber nun trotzdem versuchen, einige der von Kaempfer17 gestellten Fragen auf Deutsch () zu beantworten, ohne zu sehr ins Detail zu gehen.

Zitat:
Zitat von Kämpfer17 Beitrag anzeigen
Was mich interessieren würde, ist, ob Du frühere Reinkarnationen von Dir kennst, bzw diese durchlebt hast zB durch Rückführungen.

Klares Nein. Ich bin mir keiner Reinkarnation bewusst.

Oder ist die Lehre von der Wiedergeburt im Buddhismus nur theoretischer Natur?

Nein, Gegenteiliges ist der Fall. Unser Begriff dafuer ist "The Cycle/Wheel of Birth and Death" (Samsara). Aber grundsaetzlich ist die Weltanschauung eine andere. In unserer Tradition gibt es nur ein (universal, ohne oder 'tiefer als' Form) Leben das sich kontinuierlich und zyklisch in unzaehligen ‘Formen’ (Menschen, Tiere, Grasshalm, Stein, Staubkorn) ausdrueckt. Diese Formen kommen und gehen, das Leben bleibt bestehen. Es hat weder einen Anfang noch ein Ende. Wenn also nun ein Mensch stirbt, verrottet die Form und das ‘Bewusstsein’ kehrt dann ‘zu sich selbst zurueck’. Dieses ‘Bewusstsein’ wird dann (wenn bestimmte Voraussetzungen erfuellt sind, ‘karmic storehouse consciousness’, etc.) in eine neue Form wiedergeboren.

Vereinfacht ausgedrueckt und ohne die notwendige Erlaueterung zum Verstaendnis: es ist das Ziel eines Buddhisten, oben genannten Zyklus zu beenden.


In Wahrheit, ist nur eins absolut gewiss: der eigene Tod und man kann sich nichts mitnehmen. Worin ich ein großen Graben sehe, ist die Einstellung dazu, als nicht direkt vom Tod bedrohter Mensch und Menschen, die Todesgewissheit habe, zB durch schwere Krankheit.
Der Weg, den ich verfolge ist, dass nicht das Schicksal an sich das Problem ist, sondern der Weg, wie ich persönlich damit umgehe.

Womit du den ‘Buddhisten” Nagel auf den Kopf triffst. Das ALLES irgendwann mal stirbt (sogar die Sonne), ist keine Ueberraschung und auch nicht schlimm. Es ist so, wie es ist. Was wir allerdings daraus machen (‘es ist schlimm’ oder ‘es ist nicht schlimm’) und wie wir mit (dieser) Realitaet umgehen, ist eine ganz andere Geschichte. Und genau damit beschaeftigt sich Buddhismus, volle Akzeptanz aller ‘Realitaeten’ und dadurch ‘Seelenfrieden’.

Anstatt sich nun ueber Tod und Wiedergeburt zuviele Gedanken zu machen, sind Buddhisten viel mehr am Jetzt und Hier interessiert. Weder der Zeitpunkt unseres Todes ist gewiss, noch die Details bezueglich Wiedergeburt. Warum also soviel Zeit mit Nachdenken verbringen? Anstatt herum zu fantasieren und spekulieren, zielt unsere Praxis auf volle ‘Vereinigung’ (Einklang) mit dem jetzigen Moment. Freude und Betruebtheit, gut und schlecht, hoch oder tief…..alles im Grunde nur Ansischtssache, und die Dinge veraendern sich staendig. Aber dieser Moment, jetzt und hier, ist gewiss, 100% Realitaet. Buddhisten ‘hoffen’ nicht auf irgendetwas in der Zunkunft. Die Dinge werden voll akzeptiert wie sie sind, unbeachtet was das Ego davon haelt. Wenn man ein schickes Haus oder Auto hat, prima, geniess es. Wenn dann alles den Bach runtergeht, Auto weg, Haus weg, etc., okay, es ist wie es ist. Dann fahre ich halt Fahrrad oder laufe. Oder ich versuche ein neues Auto zu bekommen. Und falls das nicht moeglich ist, dann okay, wird das halt so akzeptiert. Das hat nichts mit ignorieren oder unterdruecken von Gefuehlen zu tun. Klar, wenn ich Dinge (oder Menschen) 'verliere', dann kann niemand erwarten, dass ich immer schoen happy bleibe. Das waere absurd. Logischerweise waere ich betruebt, ABER, trotzt meiner Betruebheit bleibt mein Seelenfrieden intakt.

Diesen Seelenfrieden (das ist uebrigens eine fragwuerdige Uebersetzung, aber mir faellt kein anderes Wort ein) kann man nur tief in sich selbst finden. Wenn man den in der Zukunft sucht oder ausserhalb von sich selbst (in der Welt, in anderen Menschen, in Beziehungen oder Dingen), geht die Sache schief.

Im Oktober 2009 wurde bei mir Nierenkrebs diagnostiziert. Fuer ein paar Tage nach der Diagnose war ich komplett in Frieden. Das "Ich" und seine Problemchen, Sorgen, Meinungen.....alles war weg. Ich war vollkommen praesent. Keine Aengste, kein 'oh je, was wird aus mir und meiner Familie?'. Vollkommen im Einklang mit der Realitaet. Damals hatte ich keinen blassen Schimmer von Buddhismus, etc. aber diesen "Bewusstseinszustand' nennen wir 'kensho' (oder samadhi). Es ist, als ob man von seiner eigenen Illusion in die Realitaet aufwacht. Aber, es war nur tempoarer - das Ego kam schnell zurueck, mit all seinen Fantasien, Sorgen und Meinungen.

'Kensho' dieser Tage, ist das auf was mein Buddhisten Training und mein Praktizieren abzielt. Kensho kann oberflaechlich sein (man fuehlt sich gut, ist ausgeglichen, etc.) oder sehr tiefgehend (null ego, keinerlei "Ich"-Gefuehl, kein Dualismus, kein Subjekt-Objekt Verhaeltnis sondern direkte Wahrnehmung, ohne den "Ich" Filter, vollkommen praesent im Jetzt und Hier)
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