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Alt 19.01.2023, 15:10
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Wolf11 Wolf11 ist offline
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AW: Umgang mit China

Hallo Schrottkopf,

ich antworte Dir gerne auf Deine Fragen, obwohl ein solches Sportforum normalerweise für mich nicht der Ort ist, wo ich darüber kommuniziere, da ich die Erfahrung gemacht habe, dass dies aufgrund zu hochkochender Emotionen bei Diskussionen in einem anonymen Forum wenig bringt. Das hat allerdings nichts mit dem Thema "China" zu tun, sondern allgemein mit der Charakteristik eines solchen Sportforums. So bin ich beispielsweise auch als Sympathisant eines der beiden großen Glasgower Fussballclubs (Celtic/Rangers) in einem Sportforum aktiv, welches aufgrund der extrem unterschiedlichen Ausrichtung der beiden Clubs (Celtic-irisch/katholisch, Rangers-britisch/evangelisch) extrem politisiert ist und wo politische Diskussionen normalerweise ins Nichts führen.

Aber kommen wir zum eigentlichen Thema.....

....und hier hast Du die Quintessenz meines von Dir zitierten Textes etwas missverstanden...

Mir ging es nämlich nicht darum, einen Unterschied aufzuzeigen zwischen der "Verwerflichkeit europäischer Geldinvestoren" und dem "Idealismus chinesischer Tischtennisspieler", um mal bei Deiner Diktion zu bleiben, sondern es war einfach die Feststellung, dass man einen zusammengekauften Erfolg einer Mannschaft, die prinzipiell aus Einzelsportlern besteht, wie dies bei der ECL im Tischtennis der Fall ist, nicht vergleichen kann mit dem jahrelangen Trainingsaufwand, der Hingabe zum Sport und die Entbehrungen vieler Jahre eines individuellen Sportlers, wie dies beispielsweise bei den chinesischen Tischtennisspielerinnen der Fall ist.

Das allerdings ist in keiner Weise in irgendeiner Form eine politische Wertung und hat nichts explizit mit China zu tun........So könntest Du beispielsweise die chinesischen Tischtennisspielerinnen aus meinem Vergleich mit anderen überragenden Sportlern einer Einzelsportart austauschen........Beispielsweise mit den niederländischen Eisschnellläufern.......Es ist also ein Vergleich auf ausschliesslich sportlicher Ebene bzw. ein Vergleich zwischen der völlig unterschiedlichen Charakteristik zweier sportlicher Wettbewerbe, bei denen die Leistungen der sportlichen Protagonisten eben in keiner Weise vergleichbar sind und auch unterschiedlich bewertet werden müssen.

Ob mein Ruf hier bei manchen der eines "Pressesprechers des chinesischen Damen-Nationalteams" ist, ist mir relativ egal. Er ist in jedem Falle falsch und unzutreffend. Er ist eben für manche ein Platzhalter, um einer sachlichen Diskussion über sportliche Zusammenhänge aus dem Wege zu gehen, was man am besten kann, wenn man einem Anderen ein solches Prädikat überstülpt, das mit der Realität wenig zu tun hat.

Was hat ein Sportler für Interessen, einen Sport zu betreiben ? Ich denke, da gibt es zwischen Asien und Europa, zwischen Amerika und Australien, keine großen Unterschiede. Da ist zuallererst die Liebe zum Sport, und wenn dann abzusehen ist, dass dies auch mit einem sportlichen Erfolgsweg kombiniert werden kann, dann entstehen natürlich auch kommerzielle und finanzielle Anreize und auch die Chance auf ein angenehmes Leben und dauerhafte Versorgung, wie Du Dich ausdrückst.

Allenfalls beim Weg, diesen Erfolg erreichen zu können, gibt es Unterschiede. Sind es beispielsweise in China hauptsächlich staatliche Gelder, die dafür eingesetzt werden, so sind es in Europa hauptsächlich Gelder aus der Industrie, aber auch Gelder aus der staatlichen Sportförderung, wobei diese Industrie oft auch politisch abhängig ist, wie etwa Gazprom, oder staatlich subventioniert ist, auch in Deutschland.

Natürlich setzt China immense Ressourcen für sportliche Erfolge beispielsweise im Tischtennis oder etwa auch beim Wasserspringen ein, aber das sind dort die Nationalsportarten wie es bei uns der Fussball ist, und dann muss man hier schon die Quervergleiche bspw. zwischen Tischtennis dort und Fussball bei uns ziehen, um da auch realistische und faire Vergleiche zu bekommen.

Ich habe hier im Forum noch niemals das chinesische System als solches glorifiziert, schon gar nicht das politische System, dem ich durchaus auch kritisch gegenüberstehe. Und wenn das bei manchen so rüberkommt, so ist es vielleicht auch die Frage, ob nicht auch diejenigen sich hinterfragen sollten, ob sie überhaupt interessiert sind, Dinge so zu verstehen, wie sie gemeint sind oder ob sie sich nicht vielmehr ihre eigenen Weltbilder oder auch Feindbilder bauen.

Wenn ich hier in manchen Posting etwas euphorisch geschrieben habe, so war dies ausnahmslos auf die erbrachten sportlichen Leistungen einzelner chinesischer Sportlerinnen gemünzt, und dazu stehe ich auch. Und ich werde dies auch immer wieder tun, wenn beispielsweise 3 oder 4 Chinesinnen oder Asiatinnen in einem Halbfinale eines großen Turniers stehen. Ich bin in diesem Forum nicht, um beliebt zu sein, aber ich bin natürlich immer an einem sachlichen und positiven Dialog interessiert,, worüber ich mich immer freue und weswegen ich auch Dir hier ausführlich antworte, weil Du mich auch sachlich dazu angesprochen hast. Aber dazu gehören halt auch immer zwei, und wenn manche hier im Forum mich missverstehen wollen, dann wird es eben schwierig.

Was ich keineswegs tue, sind, die Schattenseiten des Sports auszublenden. Diese Schattenseiten gibt es überall, in Europa genauso in China oder in Amerika. Und ich sehe diese auch alle und ich habe diese auch immer kommuniziert. Nicht hier im Forum, aber immer an geeigneter und sinnvoller Stelle, hier wie dort......Ich sehe aber auch unglaublich viele Klischees, die es hier bei uns über die sportliche Ausbildung in China gibt. Ich habe einige Jahre dort gelebt und war in dieser sportlichen Ausbildung mit eingebunden und weiss von wovon ich rede. Auch dort gibt es natürlich Kritikwürdiges und die Ausbildung gerade für die Besten ist manchmal hart, hat aber wenig mit den Klischees zu tun, über die man teilweise bei uns fabuliert. Wir hier in Europa haben sehr oft die Angewohnheit, uns moralisch über andere stellen zu wollen und unser Weltbild für das einzig Gute zu halten. So ist das aber nicht, genausowenig wie jenes in China oder den USA.

Nein, Schrottkopf, ich blende das nicht aus, weder hier noch dort....und die Tatsache, dass ich über etwas nicht explizit schreibe, bedeutet noch lange nicht, dass ich mich damit bei allem identifiziere.....Du schreibst, dass ich über die "sympathischen und kommunikativen Mädels" schreiben würde. ....Aber das tue ich nur bei jemanden, den ich persönlich kenne und wo ich das auch aus eigener Anschauung beurteilen kann. So habe ich beispielsweise über Chen XingTong's Freundlichkeit, Bescheidenheit und Bodenständigkeit geschrieben. Aber das habe ich nur getan, weil ich sie so kennen- und schätzen gelernt habe. Ich würde so etwas niemals schreiben, wenn ich das nicht selbst aus eigener Anschauung beurteilen könnte. Ebenso ist es mit der kommunikativen Fähigkeit von Wang ManYu.....Aber auch das ist nichts, was explizit mit China zu tun hat, obwohl es mir hier immer fälschlicherweise nachgesagt wird......So hab ich beispielsweise auch die Zielstrebigkeit einer Aljona Savchenko kennengelernt, und die ist ja bekanntlich keine Chinesin.....So etwas hat immer mit den einzelnen Menschen zu tun

Natürlich kommen in einem Land wie China auf jede, die "groß rauskommt" nicht nur Dutzende, wie Du schreibst, sondern noch viel mehr, die es eben nicht schaffen, an die Spitze zu kommen und davon ihr Leben lang leben zu können. Aber das ist in jeder Leistungsgesellschaft so und muss ja auch so sein, sonst würde keine Leistungsgesellschaft funktionieren. Diese Sportler kommen dann oft in ihren Provinzteams, Stadtteams oder Firmenteams unter. Sie werden aber deswegen noch lange nicht verheizt. Ich will natürlich nicht abstreiten, dass es Repressalien wegen nicht systemkonformer Aussagen gab und wohl leider auch immer noch gibt, aber kann mit gutem Gewissen sagen, dass ich in all den Jahren, in denen ich in China lebte, keinen solchen Fall persönlich erlebte und auch selbst meine Meinung, die bei weitem nicht immer systemkonform war, immer äußern konnte.

China hat eben ein anderes System als bei uns, allerdings haben die Menschen dort auch eine andere Lebensphilosophie als bei uns. Manches sehe ich negativer, manches wiederum positiver. So gibt es Dinge, die in unserem Kulturkreis befremdlich wirken, wie etwa die Tatsache, dass die Spitzensportler dort auch eine kurze, kompakte militärische Grundausbildung bekommen, die auch zwei-, dreimal aufgefrischt wird........Andererseits bekommen diese Spitzensportler auch eine Garantie für ihr finanzielles Auskommen auch über ihre sportliche Karriere hinaus, was auch ihre Lebensplanung und Lebensqualität positiv beeinflusst.....Und während beispielsweise bei uns manche Menschen demonstrieren, dass sie inmitten einer Corona-Pandemie keine Masken tragen müssen, tragen in China und überhaupt in Südostasien die Menschen schon bei einer Erkältung Masken, um andere Menschen zu schützen.

Wie gesagt, ich bin ganz weit entfernt von jedweder Verherrlichung jedweder Systeme und bin nach allen Seiten ein grundkritischer Mensch, aber ich benenne eben auch sportliche Leistungen nach dem, was sie auch sind......und wenn dann bei einer WM oder einem Grand Smash 4 Chinesinnen im Halbfinale stehen, dann nenne ich das auch so, was es ist, nämlich eine beeindruckende Dominanz......

Ich bin immer dankbar für eine sachliche Diskussion und lehne jedwede Polemik ab.......und ich hoffe, Du kannst in diesem Kontext auch etwas mit meiner Antwort auf Deine Frage anfangen.....

In diesem Sinne....

Geändert von Wolf11 (19.01.2023 um 15:22 Uhr)
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