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Alt 06.03.2023, 11:09
Petar Petar ist offline
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AW: Politik - der Thread für politisch Interessierte (ab Dezember 2021)

Der gesellschaftliche Diskurs ist ein Teil der pluralistischen Demokratie, in der die Ziele und Werte im Streit liegen.
Es ist kein Kampf "Gut gegen Böse", "Modern gegen Konservativ" oder "Revolutionär" gegen "Reaktionär".

Den selbst der sog. "Reaktionär" ist der neue Revolutionär.
https://www.nzz.ch/feuilleton/der-re...aer-ld.1389505

Fremd im eigenen Land
Fortschrittsskepsis gehört im Westen heute zum guten Ton unter Intellektuellen, auch und gerade bei jenen, die sich selbst als progressiv darstellen. Dabei lässt sich diese Skepsis in zwei Intensitätsgraden ausmachen. Die sanfte Frage lautet etwa so: Können wir wirklich mit guten Gründen davon ausgehen, dass unsere Kinder es dereinst besser haben werden als wir? Und zugespitzt: Wer möchte leugnen, dass der Kollaps unserer Ordnung bevorsteht, sei es wegen des Klimawandels, des Neopopulismus oder der Entwicklung von Robotik und künstlicher Intelligenz?
Der Revolutionär wird gemeinhin als Agent des Fortschritts gesehen, auch wenn die (schrecklichen) Resultate seines Handelns längst nicht immer mit seinen (mutmasslich ehrenwerten) Intentionen übereinstimmen und nach rückwärts weisen. Der Reaktionär hingegen gilt seit der Französischen Revolution als Ewiggestriger, der bestrebt ist, den Gang der Geschichte aufzuhalten, sich ihm mit aller Macht entgegenzustemmen. Auch wenn er mit den modernsten Mitteln der Technik operiert, soll er die Kraft des Rückschritts sein und also nichts anderes als ein Konterrevolutionär.
Diese Etikettierung bestimmt den Diskurs bis heute, doch führt sie in die Irre. Es ist der amerikanische Ideenhistoriker Mark Lilla, der jüngst erstmals eine neue fruchtbare Perspektive eingeführt hat: Revolutionär und Reaktionär sind keine Gegenfiguren, sondern bilden zusammen eine einzige Kippfigur.
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