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Zitat von Wolf11
Du darfst dabei ja auch nicht vergessen, dass Menschen ja auch eine emotionale Bindung an ihr Heimatland haben (nicht an die politische Führung). Sie wurden da geboren und sind dort aufgewachsen, dort leben ihre Verwandte, Freunde, dort hat sich ihr ganzes Leben abgespielt.
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Und unter anderem hat vermutlich auch Ihre Ausbildung und ihr Training, das in Russland mit verhältnismäßig hoher Wahrscheinlichkeit im Einflussbereich des Militärs stattgefunden. Knapp ein Drittel der Medaillengewinner in Tokio hatte direkt einen militärischen Dienstgrad, über zwei Drittel der russischen Medaillen stammten von Athleten, die dem Zentralen Sportverein der Armee angehören.
Auch in Deutschland gibt es natürlich eine ganze Reihe von Athleten, die vom Staat über Militär oder zB Sportgruppen der Bundespolizei alimentiert werden - und in China ist der Anteil vermutlich noch höher, das kannst du aber sicher besser beurteilen.
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Zitat von Wolf11
Ihn zu kritisieren oder kundzutun, nun als "neutraler" Sportler starten zu wollen, ist schon gefährlich genug.
Nicht umsonst haben die betreffenden Sportler gesagt, dass sie nicht mehr für Russland, sondern unter neutraler Flagge, nominiert von einem neutralen Gremium, antreten wollen.
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Könnte es sein, dass die Entscheidung der Sportler auch vielleicht damit zusammenhängt, dass sie sonst gar nicht starten dürfen? Wenn sie sich schon vorher mit dem Thema auseinandersetzen (wie Gratschewa offensichtlich), dann kann man sich durchaus darauf berufen, sich nicht mit Russland identifizieren zu wollen, wenn man es erst dann macht, wenn man Nachteile befürchtet, ist das nicht mehr ganz so mutig, wie du es darstellst.
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Zitat von Wolf11
Die Gleichung Russland = Putin funktioniert so eben nicht, sie funktioniert nicht für all jene, die ihr Land mögen, aber Putin verachten.
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Es gibt auch die Gleichung Russland = vollkommen unübersichtliches Geflecht aus Oligarchen und kriminellem Gesindel mit Putin an der Spitze
Wenn man den Mut aufbringt, das offen zu kritisieren wie Pussy Riot oder weniger öffentlichkeitswirksamere Opositionelle, die dafür in den Knast gehen, kämpft man wirklich gegen das System - ich vermute aber mal, dass wenn es unter den Sportlern wirklich echte Systemkritiker gäbe, wären die gar nicht erst erfolgreich geworden. Nur privat in kleiner Runde dagegen zu sein und dann in den Armeesportverein zum Trainieren zu gehen, ist halt nicht ganz so mutig. Ich möchte damit keineswegs sagen, dass ich selber den Mut aufbringen würde, mich anders zu verhalten, aber ich müsste halt dann auch mit der Konsequenz leben, nicht antreten zu dürfen.
Hier ein ganz lesenswerter Kommentar von einem Juristen zu diesem Thema:
https://www.lto.de/recht/hintergruen...erb-fifa-uefa/
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Zitat von Dr. habil. Martin Stopper
Die Olympische Charta bestimmt in Artikel 1.1 unter anderem, dass es Ziel der olympischen Bewegung ist, eine friedliche und bessere Welt zu erbauen. Solche und ähnliche Appelle, die kulturelle, sportlich und humanitäre Werte zu schützen, finden sich in vielen Verfassungen der internationalen Sportverbände...
...Die Nationalverbände können in Fragen der Einhaltung des Völkerrechts und des Schutzes international anerkannter Menschenrechte nicht autonom sein. Sie sind nicht nur Repräsentanten ihrer selbst oder ihres Sports – sie sind auch Repräsentanten ihres Landes und müssen für seine Taten verantwortlich gemacht werden können, wenn sie die rechtlich verankerten Grundwerte des menschlichen Zusammenlebens betreffen.
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Die Trennung zwischen dem eigenen Wirken und dem Staat kann vielleicht bei einem Künstler noch funktionieren, ein Sportler ist außerhalb des vom Staat geschaffenen Rahmens mit Vereinen, Meisterschaften etc kaum vorstellbar.
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Zitat von Wolf11
Und man kann von diesen Menschen auch nicht verlangen, dass sie ihr Heimatland und ihre Angehörigen verlassen, nur damit sie, obwohl unschuldig an dem Ganzen, ihrem Beruf als internationaler Profisportler nachgehen können....
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Es ist auch jeder Angestellte irgendwo dafür verantwortlich bei welchem Arbeitgeber er sein Geld verdient.
Ich würde (wie jeder andere hier auch) liebend gerne eine sinnvolle Lösung sehen, mit der man den Konflikt auf humane Art beenden könnte - aber ich sehe aktuell auch nicht mehr Ideen, als auf allen möglichen Kanälen Druck auszuüben (der natürlich leider auch Unschuldige trifft). Alle weiteren Optionen würden einen Weltkrieg gefärlich nahe bringen.
Hast du andere konstruktive Vorschläge? Gegen etwas zu sein ist immer besser, wenn man praktikable Alternativen vorschlagen kann.