Einzelnen Beitrag anzeigen
  #176  
Alt 23.08.2023, 09:13
Danielson Danielson ist offline
registrierter Besucher
Foren-Stammgast 3000
 
Registriert seit: 28.11.2007
Beiträge: 3.571
Danielson ist ein sehr geschätzer Mensch dessen Wort hier Gewicht hat (Renommeepunkte mindestens +250)Danielson ist ein sehr geschätzer Mensch dessen Wort hier Gewicht hat (Renommeepunkte mindestens +250)Danielson ist ein sehr geschätzer Mensch dessen Wort hier Gewicht hat (Renommeepunkte mindestens +250)
AW: Erziehung, Schulbildung, Ausbildung, Studium

Zitat:
Zitat von Zigeuner Beitrag anzeigen
Ein Landesverband der Grünen Jugend, das sollte man fairerweise dazusagen.
Es ist schon kurios, wie viele auf Bildzeitungschlagzeilen aufspringen, ohne scheinbar die Artikel dazu zu lesen, in denen dann die Sachverhalte und Kontexte etwas genauer - auf Boulevardmedien-Niveau- dargelegt werden.

Zitat:
Zitat von Zigeuner Beitrag anzeigen
"Lange mit- und voneinander lernen" halte ich auch für ziemlich weltfremd. In der Theorie helfen sich alle gegenseitig, in der Praxis werden die besseren Schüler glaube ich einfach ausgebremst und auf ein niedrigeres Niveau runtergezogen und wenn sie Pech haben noch gemobbt.
Zum Thema:
In vielen Ländern - wie Finnland - werden Kinder auf unterschiedlichen Niveaustufen länger gemeinsam unterrichtet. Der renommierte Bildungsforscher John Hattie bemängelt am deutschen Bildungssystem, dass Schüler*innen nach der 4. Klasse verschiedenen Bildungsniveaustufen zugeteilt werden, da damit Kindern Bildungschancen in einem Entwicklungsalter, in denen sich kognitiv bei ihnen noch viel bewegt, genommen würden. An der - zugespitzt formuliert - frühen Selektion in Deutschland ist Kritik nicht unberechtigt.

Der gleiche John Hattie aber - wenn ich mich recht erinnere - legte in seiner berühmt gewordenen Studie aus dem Jahr 2009 dar, dass Schulreformen in vielen Ländern zunächst einen Rückschritt in Hinblick auf Lernentwicklungen von Kindern zur Folge hätten. Seine Hauptthese, die wohl niemand angreift, ist, dass der entscheidende Faktor bei Lernentwicklungen die Lehrkräfte sind - und eben nicht die Schulformen.

Mir graut ehrlich gesagt vor jeder Reform, die Politiker*innen auf den Weg bringen, da sie sich mit ihr politisch zuallererst profilieren wollen, ohne dass sie die Folgen ihrer Maßnahmen in didaktischer Hinsicht vollends reflektiert haben. In Baden-Württemberg zumindest - über Parteigrenzen hinweg (CDU, SPD, Grüne) - ist die Liste der Fehlentscheidungen der jeweils regierenden Bildungsminister*innen lang.

Die Idee "lange mit- und voneinander zu lernen" klingt zunächst mal gut. Unbestritten ist, dass Schule ein Ort sein muss, in dem soziales Lernen stattfinden muss. Wie verhalte ich mich gegenüber anderen? Wie löse ich Konflikte? Wie spreche ich Probleme an? Wie helfe ich anderen? Wie trage ich dazu bei, dass eine Gruppe erfolgreich ist?

Abseits davon stößt die Umsetzung der Idee "voneinander" zu lernen, wenn die Unterschiede - in kognitiver Hinsicht - zwischen den Schüler*innen zu hoch sind, schnell an Grenzen. Denn als Lehrer*in hat man Ende immer eine Gruppe von Individuen vor sich (genannt Klasse), die man nie in Gänze auf selbe Weise fördert. Zahlreiche Untersuchungen zeigen schließlich, dass von differenzierten und schülerzentrierten Lernkonzepten vorwiegend die leistungsstarken Schüler*innen profitieren, während die leistungsschwachen weniger davon mitnehmen als in einem gut geführten, lehrerzentrierten Frontalunterricht. Das rein schülerzentrierte Lernen verstärkt Leistungsunterschiede.

In Finnland funktioniert das gemeinsame Lernen deshalb, weil oft zwei Lehrkräfte im Unterrichtsraum sind. Die eine, die die Lernenden anleitet, die andere, die sich um diejenigen kümmert, die intensiver betreut werden müssen, damit sie nicht abgehängt werden.

Dafür fehlen in Deutschland aber die Lehrkräfte.
__________________
"Hier vorne geht sie unter / Und kehrt von hinten zurück." (Heinrich Heine)
Mit Zitat antworten