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Alt 13.07.2001, 01:03
sVeNd sVeNd ist offline
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Zitat:
Original geschrieben von Siegmund Freud
@ sVeNd

Wenn ich mir Deinen Text so anschaue, dann lese ich da sämtliche Vorurteile, die seit Jahren über China im Umlauf sind. Gleichzeitig merke ich auch, dass Du noch nie in diesem Land warst und Dich auch nicht mit der neuen politischen und wirtschaftlichen Situation beschäftigt hast.

Ich vermute weiterhin, Du möchtest eine schlagartige Demokratisierung. In China sollen von heute auf morgen westliche(deutsche) Verhältnisse herrschen. So etwas kann aber nur im Traum funktionieren. Man braucht sich nur die ehemalige Sowjetunion anschauen: in viele Staaten zerfallen, viele Bürgerkriege, viele Arbeitslose, viele Obdachlose, viele Arme, extrem hohe Kriminalität!!!!!!!!!

Dagegen ist der Weg der Chinesen mit einer langsamen und behutsamen Demokratisierung der richtige, wenn man Kriege, Hungersnöte ... vermeiden will.

Durch die Vergabe von Olympischen Spielen an China würde die Welt den Chinesen zeigen, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Außerdem wird die noch fehlende Infrastruktur aus- und aufgebaut.

Ich rate Dir, selber mal nach China zu fliegen und Dir das Land anzuschauen, mit Leuten aus der Wirtschaft und aus der Politik zusammenzusitzen und zu diskutieren.
Du hast insofern Recht, dass ich noch nie in China war, aber das was ich über China geschrieben habe, beruht auf dem, was ich in der Schule über dieses Land gelernt habe (und ich denke, in der gymnasialen Oberstufe werden nicht nur Vorurteile verbreitet..) und was man hin und wieder mal so in den Nachrichten hört und sieht. Sicher sind diese Kenntnisse nicht auf eigener Erfahrung begründet und deswegen notwendigerweise Vorurteile, aber eigene Erfahrungen (sprich ein längerer China-Aufenthalt) sind eben nicht ohne größere Umstände möglich. Gleichzeitig kann aber das untolerante Vorgehen gegenüber der Falun-Gong-Bewegung seitens der chineseischen nicht einfach als Vorurteil abqualifiziert werden, das sind Fakten (die Seriösität der berichterstattenden öffentlich-rechtlichen Medien Deutschlands - konkret ARD und ZDF - einmal vorausgesetzt).

Ich kann weiterhin nicht finden, dass ich in meinem vorhergehenden Beitrag dafür pladiere, auf schlagartige Demokratisierung nach deutschem Vorbild zu setzen, vielmehr bin ich mir durchaus darüber bewusst, dass eine Demokratisierung nur im Sinne einer allmählichen Umerziehung (und dies meine ich nicht im Sinne einer strengen Indoktrination, ganz im Gegenteil) der chinesischen Bevölkerung in Richtung selbstständigeres, selbstbewussteres und vor allem selbstverantwortlicheres Denken stattfinden kann, an deren Erfolg der Erfolg einer chinesischen Demokratie - vermutlich kausal - gebunden ist, ich erinnere da an allgemein-bekannte Beispiele (Weimarer Republik sowie Anschluss der DDR, wobei ich mir zu letzterem in Anbetracht des leider noch nicht abgeschlossenen Vereinigungsprozesses keine Meinung erlauben will). Im übrigen sind mir die von dir aufgeführten Probleme in der ehemaligen Sowjetunion bekannt - die Probleme eines heruntergewirtschafteten, sozialistisch geprägten Landes (trotz jetziger Demokratie) in einer kapitalistischen Weltordnung - Probleme, die ein demokratisches China wahrscheinlich auch haben würde, ein Preis aber, der aufgrund der Chancen und Freiheiten einer Demokratisierung meiner Ansicht nach auch wegen der geringen Zukunftsperspektiven in einer ansonsten kapitalistischen Weltordnung aber zu zahlen sein sollte. Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass ich westliche (deutsche) Verhältnisse keineswegs für das Nonplusultra halte (die Demokratie ist lediglich das geringste Übel verglichen mit allen anderen bekannten Staatssystemen), auch die deutsche Demokratie hat noch viele Schwächen, als Stichworte seien nur Rechtsextremismus, Kriminalität, sowie als geringeres Problem die immer noch nationale Orientierung der Mehrheit der deutschen Bevölkerung im Zeitalter der Globalisierung genannt. Und gegen die Unterstellung, eine Demokratie nach westlichen Vorbild einführen zu wollen, verwahre ich mich schon deshalb, weil dies die Einführung oder vielmehr den Einbruch des Kapitalismus in China bedeutet, was nach den langen Jahren des Kommunismus einfach nicht funktionieren kann. Deswegen denke ich, dass China, wenn es den Schritt zur Demokratie wagt, seinen eigenen Weg finden muss.

Und deine These, dass die Chinesen auf dem Weg zur Demokratisierung sind, halte ich doch für sehr gewagt, ich halte die gegenwärtige Entwicklung eher für eine vorsichtige Öffnung in dem Bemühen, im Zeitalter der Globalisierung auf die chinesische Bevölkerung moderner zu wirken, entscheidene Schritte zur Demokratisierung wie der langsame Abbau der Vormachtsstellung der Kommunistischen Patei Chinas sind aber meines Wissens noch nicht initiiert worden. In der Tat würde man den Chinesen so zeigen, dass sie auf dem Weg in die richtige Richtung sind, denn die grobe Richtung stimmt, da bin ich mit dir einer Meinung, allerdings bin ich der Ansicht, dass die Vergabe nach China von der Staatsführung zu Propagandazwecken (Internationale Anerkennung u.ä.) missbraucht werden würde. Und eine Verbesserung der chinesischen Infrastruktur ist kein wirkliches Argument für die Vergabe nach China, weil die Infrastruktur überall verbessert werden würde bzw. die Sanierung der Infrastruktur des jeweiligen Landes kein Kriterium für die Vergabe von olympischen Spielen sein kann.

Deinen Ratschlag, selber mal nach China zu fliegen, kann ich aus zeitlichen und vor allem pekuniären Gründen leider nicht verwirklichen, es sei, du möchtest das finanzieren.

Schöne Grüße,
Svend
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