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Alt 08.04.2024, 11:00
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AW: Nationalteam China (CHN)

Zu der hier aufgekommenen Frage China/TTBL:

Natürlich kennt man in China auch die TTBL wie auch einige andere nationale Ligen, ohne dass diese dort allerdings eine sehr große Relevanz hätten. Man kennt die Top-Clubs, man weiss, wer da alles spielt und man kann die Spiele über diverse Portale auch sehen.

Die einzige wirklich relevante Auslandsliga aber, die auch die einzige Liga ist, wo man mit der dortigen Liga ein Agreement hat zur Abstellung chinesischer Topspieler, ist die japanische Liga, und hier speziell die Damenliga.

So spielte beispielsweise eine A-Kader-Spielerin wie He ZhuoJia (unabhängig von der WRL eine der 10 stärksten Spielerinnen der Welt mit 3 WTT-Turniersiegen im vergangenen Jahr) eine ganze Reihe der Ligaspiele mit, dabei mit Siegen u.a gegen Harimoto, Ito, Kihara. Diese Spiele haben auch eine sehr große mediale Relevanz in China. Auch Top-20-Spielerinnen wie Fan SiQi, Li YaKe und Shi XunYao haben dort zuletzt Spiele gemacht.

Im Herrenbereich kennt man am Besten natürlich die Ligen in Japan und Korea, aber auch die Liga in Indien und die TTBL ist ein Begriff, ohne dass diese aber wie gesagt eine wirkliche mediale Relevanz hat. Die große Popularität des Tischtennissports in China aber sorgt schon alleine dafür, dass man weiss, wer dort wo spielt und dies alles ein Begriff ist. Ich würde es mal so ausdrücken: In China weiss man sehr viel besser, wer wo in den europäischen TT-Ligen spielt als man in Deutschland weiss, wer beispielsweise im Fussball in der österreichischen Bundesliga oder der schweizerischen Nationalliga spielt.

Im vergangenen Jahr wurden meines Wissens auch Bemühungen seitens der TTBL angestellt, um hier auf dem chinesischen Markt eine etwas größere Relevanz zu bekommen, in dem Gedankenspiele sehr weit fortgeschritten waren, dass man ein TTBL-Spitzenspiel wie etwa Düsseldorf gegen Saarbrücken, in China austrägt, vorzugsweise zu einer Zeit im Herbst, wo auch viele WTT-Turniere in China stattfinden und die maßgeblichen Spieler ohnehin in China sind. Das waren (und sind?) wohl konkrete Gedankenspiele. Inwieweit das in China aber zu einer größeren Popularität der TTBL führen könnte, lass ich einmal dahingestellt.

Dazu muss man auch wissen, dass das ganze Spielsystem im Tischtennis in China etwas anders aufgebaut ist als bei uns in Deutschland. In China wird bspw. viel mehr Wert auf Einzelturniere gelegt als bei uns und hier gibt es auch einen viel größeren Anteil dieser Einzelwettbewerbe auf allen Ebenen. Auf Kreis-, Bezirks, Provinz-Ebene werden da regelrechte Turnierserien ausgetragen mit jeweils 15-18 Turnieren auf allen Ebenen und für alle unterschiedlichen Spielstärken und es gibt da dann richtige Meisterschaften in den verschiedensten Kategorien auf Einzel-Liga-Basis.

Das alles gibt es in Deutschland in dieser Form nicht. Daneben haben aber auch Universitäts-Teams, Firmenteams und Provinzteams eine große Bedeutung in China, wo ebenfalls regelmäßg Meisterschaften und Turnierrunden ausgespielt werden.


Noch kurz zu der Frage, ob dieses Video mit der kleinen und so unfassbar talentierten Wang XiaoXiao kindergerechtes Training zeigt: Ich persönlich denke, dass das absolut der Fall ist. Dazu muss man sagen, dass es in China viele Tischtennis-Schulen für die Allerjüngsten gibt, wo man generell sehr spielerisch und kindergerecht an die Sache herangeht und wo den Kindern vor allen eines vermittelt wird: Spaß ! Erst bei denjenigen, die sich dort außerordentlich talentiert zeigen, wird dann etwas leistungsorientierter an die Sache herangegangen, aber immer sehr individuell mit Absprachen auch mit den Eltern. Dann kann auch mit der nötigen Ernsthaftigkeit und Intensität an die Sache herangegangen werden, vor allem, wenn es dann in Richtung Professionalismus gehen soll, aber Grundvoraussetzung ist immer die Leistungsbereitschaft der Jugendlichen.

Ich selbst war ja auch in solch einer Jugendgruppe involviert (mit den jugendlichen Qian TianYi und Shi XunYao) und weiss, dass das alles durchaus auch sehr intensiv und leistungsorientiert, aber trotzdem auch altersgerecht ist. Bei den beiden angesprochenen Qian TianYi und Shi XunYao (die im vergangenen Jahr übrigens auch 2 WTT-Turniere gewann), war es so, dass man sie eher bremsen als antreiben musste. Dieser denkwürdige Tag im Jahre 2018, als sich dann beide im WM-Einzel-Finale der Junioren-WM in Australien gegenüberstanden, war dann, nebenbei bemerkt, auch mein ganz persönliches Lifetime-Highlight im Bereich Tischtennis und auch der Beleg, dass da auch vieles in der Trainingsphilosophie richtig gemacht wurde.

So ist es beispielsweise auch bei den Kindern von Wang Nan. Nan hat ja auch noch einen älteren Sohn, der zwar auch Tischtennis spielt, aber auch andere Interessen hat und wo das dann auch von seiner Mutter nie so forciert wurde. Die kleine XiaoXiao aber war von klein auf *verrückt* auf Tischtennis und überhaupt Ballspiele und hat auch das deutlich größere Talent, was ihre Mutter dann auch gefördert hat (ohne den Verdacht der Helikopter-Mama). Diese Bilder, die man in diesem Video sieht, sind nicht die einzige Gelegenheit, wo XiaoXiao schon mit Sun YingSha und Chen Meng trainiert hat und für die Kleine, deren Idole die Beiden sind, ist das natürlich eine phantastische Sache, diese Gelegenheit zu haben. Ihre Mama muss sie da eher zwingen, irgendwann aufzuhören als umgekehrt. Aber die Kleine ist ja noch ganz jung und man muss abwarten, wie sie sich noch weiterentwickelt. Aber sie hat alle Möglichkeiten und schlägt heute in Turnieren schon Gegnerinnen die doppelt so alt sind.

Zum Schluss muss man vielleicht noch hinzufügen, dass da auch einige kulturelle Unterschiede hineinspielen, was Leistungsbereitschaft anbetrifft und wo es generell in Asien sicherlich einige andere Schwerpunkte gibt als in Europa.

Geändert von Wolf11 (08.04.2024 um 12:00 Uhr)
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