Das Framing zu gegenwärtigen politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen ist threadübergreifend das gleiche: Deutschland stehe am Abgrund: in der Politik, im Sport oder in der Bildung. Ein Empörung-Post jagt den anderen und jeder, der lauthals seine Empörung zum Ausdruck bringt, wird auf Zustimmung treffen und die Aufmerksamkeit bekommen, nach der er verlangt. Dabei ist die Realität nicht generell so, wie sie einige empört darstellen.
Manche haben sich vom Stammtisch zurückgezogen, weil sie wissen, sie werden mit dem, was sie tagtäglich in ihren Lebensbereichen weniger dramatisch und negativ wahrnehmen, persönlich angefeindet werden, falls sie davon berichten.
Es ist aber mitnichten so, dass alles schlechter geworden ist. Das weiß auch im Grunde jeder. So gibt es weiterhin in der gymnasialen Oberstufe einige Schülerinnen und Schüler, die inhaltlich und sprachlich gut ausgearbeitete Aufsätze schreiben. Ob diese mehr oder weniger geworden sind, kann ich nicht valide beurteilen. Letztlich kann ich im Detail nur die Leistungen in Abitur-Aufsätzen beurteilen, die von drei verschiedenen Korrektoren unabhängig voneinander benotet wurden. Und hier habe ich keine Negativ-Entwicklung in meinem letzten Kurs beispielsweise wahrgenommen.
Ein Lehrer, der auf dem Gymnasium eine Schülergruppe ab Klasse 9 zwei Jahre lang betreut und unterrichtet, ist auch für die Leistung der Schüler am Ende seiner Unterrichtszeit mitverantwortlich. Ein Kollege, der permanent behauptet, er habe halt durchgehend leistungsschwache Klassen unterrichtet und der damit schlechte Ergebnisse seiner Klassen rechtfertigt, ist in Wahrheit einfach kein engagierter Didaktiker.
In der Mittelstufe sehe ich das anders. Siebt- und Achtklässler, die voll in der Pubertät stecken, erreicht man trotz größter Bemühungen oftmals nicht. Ab Klasse 9 kann man aber mit Schülern auf dem Gymnasium gut arbeiten. Da stecke ich momentan selber drin. Und würde es nicht wagen, über die Klasse, die ich gerade betreue, öffentlich herzuziehen. Im Gegenteil. Aber da gehe ich nicht ins Detail. Der Foren-Stammtisch ist dann doch zu öffentlich.
Ein weiterer Aspekt: Die Corona-Krise ist bei Schülern in Klasse 9 inzwischen überwunden. Unter den jetzigen Zehntklässlern gibt es noch einige, die wohl lockdown-bedingt weiterhin unter Depressionen oder Panik-Attacken leiden. Das sind schlimme Nachwehen der Krise. Die jüngeren Schüler-Generationen sind davon zum Glück nicht mehr betroffen. Es wird auf dem Gymnasium wieder unter relativ normalen Bedingungen unterrichtet.
Natürlich überblicke ich bei meinen persönlichen Analysen nur einen kleinen Teil der deutschen Schülerschaft. Kollegen, die in Gesamtschulen oder Realschulen unterrichten, gewinnen tagtäglich andere Eindrücke als ich. Auch das Geschehen auf Grundschulen mag ich nicht beurteilen.
Donnerstag letzter Woche gab es einen sehr guten Gesprächskreis dazu bei Markus Lanz, in dem sachlich fundiert über Lösungsansätze in Hinblick auf Gewaltprobleme an Gesamtschulen oder anderen Schulformen diskutiert worden ist.
https://www.zdf.de/nachrichten/video...chule-100.html