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Zitat von Levinhero
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Speziell im Tischtennis sehe ich keinen besonderen Rassismus im Kindesalter. Alle Kinder sind willkommen und werden gefördert.
Jedoch ist Tischtennis, nach meiner beobachtung ein Sport von Kindern der Mittelschicht. Während im Fußball alle Schichten vertreten sind und auch bis an Spitze kommen können, fängt die Abgrenzung der bereits im Kindesalter an. Man erreicht Kinder der Unterschicht nicht (große Gruppe der Migranten und Geflüchtete mit eingeschlossen) , wenn man die mal erreicht, dann sorgt die Tischtenniscommunity dafür, dass Eltern und Kinder sich in diese Umgebung nicht wohl fühlen und verlassen den Sport wieder. Wir haben im Verein talentierte Kinder von alleinerziehenden teilweise arbeitslosen Eltern. Der Verein befindet sich im Einzugsgebiet eher aus der Mittelschicht.
Während im Fußball für alle Eltern die Schichtzugehörigeit eine untergeordnete Rolle spielte, ist im Tischtennis mehr Kleinbürgertum vorhanden. Es wird weniger nach Rasse abgegrenzt, mehr nach Bildungsstatus und Schichtzugehörigkeit. Tischtennis ist super günstig und kann richtig teuer werden wenn man denn will. Tischtennis ist Markengeil und kleinbürgerlich.
Kenne kein Kind aus meinem Verein der in die Hauptschule geht.
Flüchtlingskinder haben schnell aufgehört. Die wurden aber auch so behandelt als wäre die ein Instrument des eigenen sozialen Gutmensch Egos, anstatt sie als kleine Sportler zu sehen und zu behandeln. Fußball tut das! . Vielleicht werden aus den Kinder keine Bolls, weil sie die unterstüzung nicht erfahren werden oder die Mitteln nicht haben, aber Tischtennis lässt eine Gesellschaftsgruppe mit der höchsten Geburtenrate links liegen und beschwert sich gleichzeit über immer weniger Kinder die TT Spielen.
Während Fußball die wenigsten Nationalspieler aus gut situierten Familien kommen, ist es im strukturell und Sportpolitisch gar nicht möglich den Biss und Kampfeswillen den Unterschichtkinder oftmals entwicklen, für ihr Talent zu nutzen. Tischtennis ist wie Tennis, und das trotz 7 Euro Vereinsbeitrag.
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Dein Beitrag hat mich die letzte Woche sehr zum Nachdenken gebracht und es steckt viel Wahres drin. Zwar mag ich einzelne diskriminierende Formulierungen wie "U....schicht" nicht, aber vom Sinn her gehe ich mit.
Früher hat man gesagt, dass folgendes notwendig ist, um richtig gut zu werden:
- Talent
- Wille und Fleiß
- Jemand der einen fährt
... und in den letzten Jahren zunehmend auch finanzieller Backround
Weiter hat man gesagt, dass Wille und Fleiß mindestens genauso entscheidend wie Talent ist, da mittelmäßig talentierte "harte Arbeiter" über ihre Einstellung zu Training und Wettkämpfen oft weiter kommen als die "schlampigen Talente". Optimal natürlich die fleißigen und willensstarken Talente.
Exkurs: Tatsächlich ist die Gymnasiast*innen-Quote, besonders in Ballungsräumen, aber auch im ländlichen Raum, deutlich überproportional hoch. Einmal, weil TT als athletische Denksportart vielleicht auch gerade eher intellektuelle und auch introvertierte Charaktere als Sportart anlockt. Gleichzeitig aber auch, da Kinder anderer Schulformen dann manchmal vielleicht sogar gehänselt werden oder ausgeschlossen werden. Oft nicht bewusst, aber auch unterbewusst. Und die Frage, wie tickt die/ der Trainer*in, was hat er/ sie gerne als ideale Kinder im Training und wie wird beworben. Für die Mädchengewinnung sind auch weibliche Trainer*innen als Rollenmodell, Vorbild, empathische Person, für geschützten Raum wichtig. Für Kinder mit Zuwanderungsgeschichte ist ein Vorbild mit eigener Zuwanderungsgeschichte, milieutypischen Eigenerfahrungen und ggf. auch der selben Jugendsprache und Fehlerfreundlichkeit z.B. bei Formulierungen und Rechtsschreibung von Vorteil. Hier sind vielen Vereinen und Verbänden die handelnden ÜL und Kids eher vom Bildungsstatus homogen und für andere exklusiv. Gar nicht bewusst, aber Reproduktion der eigenen Sozialisation passiert hier automatisch. Und daraus resultiert dann auch das Gefühl, ob sich ein neues Kind in einer Gruppe Willkommen oder eher als Außenseiter*in fühlt. Gerade wenn es versteckte Codes in Sprache, Verhalten und Umgang gibt. Ich behaupte mal, dass so TT schon viele willensstarke Talente aus sozialen und gruppendynamischen Gründen verloren gegangen sind.
Das deutsche Bildungssystem ist sehr selektiv. Die Selektion im dreigliedrigen Schulsystem ist viel zu früh. Die Bildungsmobilität für ein Industrieland erschreckend schwach. In keinem vergleichbaren Land hängt der eigene Bildungsweg und Werdegang so stark von der Sozialisation und den Ressourcen der Eltern ab. Umso wichtiger, dass im (frühen) Grundschulalter für TT gesichtet wird, wenn noch alle Kinder zusammen sind und noch nicht durch die Selektion im Bildungssystem getrennt werden.
Erst wenn Kinder im Fördersystem angekommen sind, wird der Bildungsstatus nachrangiger, wenn es um Leistung und Entwicklung geht. Da ist ein für die Sportart eher untypischer mittlerer Schulabschluss mit durchschnittlichen Noten ok, wenn es beim TT stimmt.
Da sind wir aber bei den Eltern. Wie groß ist die TT-Priorität und gleichzeitige Toleranz gegenüber mittelmäßigen oder guten Schulleistungen? Und welche zeitlichen und finanziellen Möglichkeiten stehen zur Verfügung. Bei wem kann ein Elternteil 3-4x die Woche + Wettkämpfe in einem Fördersystem schon ab dem frühen Nachmittag lange Anfahrten zu Förderzentren leisten? Doppelverdiener*innen sind raus, wenn das nicht Oma/ Opa übernehmen. Alleinerziehende Berufstätige sowieso. Manchmal gibt es noch ein gutes Vereinsnetzwerk für die Unterstützung (Fahren und Geld), das ist aber selten. Die Eigenbeteiligungen im Fördersystem sind nicht zu unterschätzen für regelmäßiges Fördertraining, Lehrgänge und Fahrtkosten. D.h. durch die Aspekte "wer fährt", "wer zahlt" und "wer hat dafür Zeit" wird das tatsächlich zu einer sozialen Frage. Ohne Auto geht gar nix.
Beim Fußball ist hinsichtlich der sozialen Frage das Anreizsystem höher, da manche Eltern sich über das talentierte Kind einen sozialen Aufstieg für die ganze Familie erhoffen (ähnlich wie TT in China, zumindest früher). Das ist zwar für die meisten Kids auch nicht gut vom Druck her, ist aber so. Und genau hier sind auch viele Familien mit Zuwanderungsgeschichte bereit, mehr in Kauf zu nehmen, um hohe Trainingskapazitäten und viel Wettkämpfe zu ermöglichen, auch ggf. zu Lasten der Schule. Teilweise fahren die Kids schon mit dem ÖPNV quer durch die Stadt zugunsten von Förderstrukturen. Gerade wenn es um die Frage Schule und Trainingsumfang geht, ist für die meisten einheimischen Eltern und Eltern mit der Prio Bildung TT dann doch nur (ambitioniertes) Hobby und geht nur in hohen Umfängen, wenn die Schule nicht leidet. Schulen mit integriertem Training und Internate können hier eine Lösung sein, ist aber auch nicht für alle was, und kostet ...
Wenn die nächsten Förderschritte im FuBa anstehen, ist es auch ganz normal, in Nachwuchsleistungszentren in anderen benachbarten Städten unterzukommen und dort mehrmals wöchentlich zu trainieren. Die NLZ haben eine ganze Infrastruktur darum aufgebaut. Es gibt 9-Sitzer-Kleinbusse, die z.B. für Wehen Wiesbaden einen Bus voll Kids an einer S-Bahn-Station am Rand von Frankfurt abholen und dorthin nach dem Training wieder zurück bringen. Die Eltern müssen dann erst dort wieder abholen. Hier geht es wirklich im "Kampf" um die besten Kids um Talent, Wille und Leistungsbereitschaft. Von den Eltern wird erwartet, die Kinder abzugeben und das zu ermöglichen. Den Rest organisiert das NLZ. D.h. hier ist es nicht zwangsläufig die Frage der Geldbörse und der Arbeitszeit der Eltern. Der Anteil mit Zuwanderungsgeschichte ist explizit hoch. Solche Zustände sind im TT nicht denkbar, da kann man höchstens von jemanden privat gefördert und mitgenommen zu werden.
Und gleichzeitig wird auch einfach noch mehr auf der Straße und den Schulhöfen gekickt. Auch wenn hier TT auch gut aufgestellt ist mit Steinplatten auf praktisch jedem Schulhof. Welche andere Sportart kann das schon von sich behaupten?
D.h. es braucht Identifikationsfiguren bei den Trainer*innen mit eigener Zuwanderungsgeschichte und eine höhere Durchlässigkeit und Fehlerfreundlichkeit in TT-fremden Eigenschaften.
D.h. es braucht eine Haltungsänderung bei den Verantwortlichen, heterogeneren Milieus eine Wohlfühlatmosphäre zu ermöglichen, statt eher Seinesgleichen im bildungsbürgerlichen Sinn zu fördern.
D.h. es bräuchte unterschiedliche Werbung und Ansprache, die auf unterschiedliche Zielgruppen, insbesondere auch Kinder mit Zuwanderungsgeschichte, abzielt.
D.h. jede Maßnahme, TT einen Coolen Anstrich für die Außenwahrnehmung zu geben, hilft. Ich finde, hier ist schon einiges passiert. Es passiert mir nur noch sehr selten im Vergleich zu früher, dass ich auf Leute treffe, die TT als Sport nicht ernst nehmen. Das Image hat sich schon stark verbessert!
D.h. es bräuchte logistische Unterstützung, um auch talentierten Kindern von berufstätigen Eltern, Alleinerziehenden, Familien ohne Auto, ... die Teilnahme zu ermöglichen.
D.h. es bräuchte Förderstrukturen, die nicht nur mit privater Finanzierungsbeteiligung funktionieren.
Das sehe ich leider gerade als nicht realistisch an.
Man könnte soziologisch noch tiefer einsteigen und die soziale Teilhabe am Tischtennissport mit den "Kaptalsorten" nach Pierre Bourdieu betrachten (Milieuforschung).
- Ökonomisches Kapital (z.B. finanzielle Ausstattung der Familien, Beiträge)
- Kulturelles Kapital (z.B. Bildungsstatus, Zugang Bildung, Elternhaus, in welchen Kreisen verkehrt wer)
- Soziales Kapital (z.B. Netzwerke, Gruppenzugehörigkeit)
- symbolisches Kapital (Titel, Ansehen, aber auch Äußerlichkeiten wie Hautfarbe, TT-Markenfetisch usw.)
Unter solchen und anderen Gesichtspunkten würde noch mal deutlicher, warum Kinder aus Familien mit Zuwanderungsgeschichte auf viele unterschiedliche Art und Weisen benachteiligt sind und einen schlechteren Zugang zu Förderstrukturen haben (auch oft ungewollt).
Es wäre sehr sinnvoll, wenn Verbände auch mal unter solchen Gesichtspunkten ihre Fördersysteme reflektieren. Man könnte viel gewinnen, wenn man dadurch tatsächlich die talentiertesten und leistungsbereitesten Kinder für unseren Sport gewinnen könnte - und nicht durch diverse (teils ungewollte) Kriterien und Rahmenbedingungen ausschließt.
Der "Killer" ist dann, wenn kommodifiziert wird und "deutsche" Zuschreibungen als Status Quo gesetzt sind. Der Übergang zu rechtspopulistischer Ausgrenzung ist fließend.
Umso mehr Respekt für die Kinder und deren Eltern, die trotz erschwerten Ausgangsvoraussetzungen den Sprung in die Fördersysteme geschaffen (Kinder von hochklassigen Spieler*innen und aus TT-Familien denke ich hier mal nicht mit).