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Alt 16.09.2024, 14:39
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AW: Zeit für Wandel im DTTB nach Olympia

Zitat:
Zitat von Chris21272 Beitrag anzeigen
Für Spieler in anderen Ländern oder aus anderen Verhältnissen ist es dagegen der Aufstieg von unten nach ganz oben - logisch dass die eine andere Motivation haben.
Ich glaube nicht, dass das damit wirklich etwas zu tun hat, sondern es hat vielmehr mit den Strukturen in einem Verband zu tun und mit den Menschen, die dort arbeiten bzw. ihre Fähigkeit, sich Innovationen bzw. neuen Entwicklungen zu öffnen.

Was die Lebensumstände betrifft, die hier als Grund für eine erfolgreiche Jugendarbeit am Beispiel von Rumänien aufgeführt werden, so haben die bei dieser Frage nach meiner Meinung nur verschwindend gering mit dem Erfolg dieser Nationen zu tun, sondern es sind eben vielmehr die Strukturen und auch die Kompetenz der agierenden Menschen in einem Verband.

Wären die Lebensumstände für deren Erfolg entscheidend, dann könnte man hier die Frage stellen:

Wenn das für Rumänien zutrifft, warum trifft es dann bspw. nicht für Bulgarien zu ?

Oder für andere vergleichbare Länder. Ebenso könnte man dies dann auch für vergleichbare Länder zu Deutschland aufführen.

Hier spielen Tradition und Relevanz eine viel größere Rolle als die hier aufgeführten Lebensumstände.

Um das Ganze zu verstehen, muss man vielleicht noch mal einen kleinen Blick in die Vergangenheit werfen:

Bei den Anfängen des Tischtennis auf Wettbewerbsebene war Tischtennis in Europa vor allem ein Sport der jüdischen Community, die die Entwicklung in Europa forciert hat. Ungarn, die Tschechoslowakei, das frühere Jugoslawien und eben auch Rumänien waren das Herzstück des europäischen Tischtennis. In Rumänien gab es dann in den 50er-Jahren einen regelrechten Tischtennis-Boom durch die großen Erfolge der vielfachen Weltmeisterin Angelica Adelstein-Rozeanu und der ebenfalls legendären Ella Zeller und Tischtennis wurde gefördert und auch mit den entsprechenden Mitteln ausgestattet. Ähnlich war es auch in Ungarn, der CSSR usw.

Rumänien war gerade im Damen-Tischtennis von da an immer eine, wenn nicht sogar DIE führende Nation in Europa. In den 60ern und vor allem 70ern war es die berühmte Maria Alexandru, die das Tischtennis in Rumänien antrieb, in ihrer Gefolgschaft waren Georgita Pitica oder Eleonora Mihalcu, in den beginnenden 2000erJahren Otilia Badescu, und in unserer heutigen Zeit Bernadette Szöcs, Elizabeta Samara usw. Im Jugendbereich waren sie auch die ganzen Jahre führend. Und auch Tschechien, Slowakei, Ungarn und die früheren jugoslawischen Nationen brachten immer wieder starke Spieler/-innen heraus. Auch schon früher. Klampar, Yonyer, Surbek, Stipancic sind Namen, die hier sicher jeder kennt und eine Tamara Boros ist bis zum heutigen Tag die letzte Europäerin, die es schaffte, das Semifinale einer Einzel-WM zu erreichen. 21 Jahre ist das nun her.

Rumänien hatte also schon immer eine absolut hervorragende Jugendarbeit und hatte immer eine der modernsten und innovativsten Strukturen in ihrem Verband. Und sie waren neuen Entwicklungen, gerade auch aus den asiatischen bzw. dem chinesischen Verband aufgeschlossen. Und hier kann man einen weiteren großen Unterschied zu Deutschland und anderen westlichen Nationen erkennen.

Während nämlich diese Nationen inclusive Deutschland den chinesischen Einfluss darauf verwandten, Sportler, besonders bei den Damen, von dort einzubürgern, bestritt Rumänien einen völlig anderen Weg. Vergleichen wir das einmal:

Gerade das Damen-Tischtennis in Deutschland lebte in den vergangenen 30 Jahren in der Hauptsache von Spielerinnen, die das Spielen in China erlernt hatten oder doch zumindest einen chinesischen Einfluss hatten :

Shi Jie (Schöpp),
Jing Tian (Zörner),
He QianHong (Gotsch),
Sun ZhenQi (Barthel),
Wu JiaDuo,
Han Ying,
Shan Xiaona...

....sind nur einige Namen, die mir dazu jetzt einfallen und die das deutsche Tischtennis in den letzten 3 Jahrzehnten maßgeblich bestimmt haben.

Rumänien ging da einen völlig anderen Weg. Man hat sich die Innovationen des chinesischen Tischtennis immer zunutze gemacht. Oft waren wichtige rumänische Trainer in China, teilweise über Monate, und haben sich dort über entsprechende Entwicklungen informiert und haben dort im wahrsten Sinne des Wortes gelernt. Aber man hat niemals die Sportler selbst importiert. Sondern man hat die dort gewonnenen Erkenntnisse in eine hervorragende Jugendarbeit gesteckt, die der Jugendarbeit anderer westlicher Nationen inclusive Deutschlands weit überlegen war.

Man hat sich in Rumänien niemals "einen schlauen Lenz" gemacht. Und das Ergebnis ist beeindruckend: Alle rumänischen Spitzenspieler/-innen über die ganzen Jahrzehnte kommen aus der eigenen Jugendarbeit.

Und wenn man diese mit beispielsweise der deutschen oder aber auch anderer westlichen Nationen in den vergangenen Jahrzehnten vergleicht, dann gibt es hier einen riesigen Qualitätsunterschied, nicht zuletzt in der gesamten Struktur der Jugendförderung. Ich hatte vor einigen Jahren auch mal die Möglichkeit, dort einen etwas genaueren Blick in diese Strukturen zu werfen und habe dort deutlich bessere Strukturen als bei uns vorgefunden.

Ich denke, DAS und nicht etwa Unterschiede in Lebensumständen, die sich heutzutage im übrigen ohnehin nicht mehr so stark unterscheiden, sind da vielmehr ein entscheidender Grund für einen Qualitätsunterschied.

Heutzutage sieht es bei den Mädchen bei uns ja gar nicht so schlecht aus, aber auch heute ist der Einfluss und die Begeisterung von Eltern oder dem Umfeld mit asiatischem Hintergrund ein ganz wichtiger und mitentscheidender Faktor, Beispiele sind etwa u.a. Koharu Itagaki oder Elisa Nguyen.

Ich glaube, dass im DTTB in den vergangenen Jahren so einige Entwicklungen verpasst wurden und dass man es sich da in vielen Dingen auch einfach zu bequem gemacht hat und dass man da gerade im Herrenbereich auch immer wieder gegenüber den Stars den Weg des geringsten Widerstandes gegangen ist, wofür man nun in den kommenden Jahren leider wohl die Quittung erhalten wird.

Hier sollte man sich neuen und innovativen Wegen öffnen. Aber wenn heutzutage ein Jörg Roßkopf schon wieder davon spricht, wer wohl bei Olympia 2028 dabei sein wird....und kein neuer und junger Name ist dabei,....

.... dann ist man da gerade wieder mal aufs Neue in die falsche Richtung aufgebrochen.

Geändert von Wolf11 (16.09.2024 um 15:08 Uhr)
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