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Alt 27.10.2024, 18:29
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AW: WTT Feeder Cagliari (22.10. - 27.10.2024, Cagliari, ITA)

Ja, der „wahre“ Mittelpunkt des Tischtennis lag an diesem Wochenende nicht in Frankreich, sondern auf Sardinien, wo etwas nach meiner Meinung viel, viel Spektakuläreres passiert ist.

Denn hier hat Zhu YuLing tatsächlich das WTT-Turnier von Cagliari gewonnen.

Man muss sich das einfach nochmal vergegenwärtigen:

Zhu YuLing stand auf dem Zenit ihrer Karriere, war Weltranglisten-Erste, als sie brutal aus ihrem täglichen Leben und von ihrem geliebten Sport weg- und rausgerissen wurde mit einer niederschmetternden Diagnose, die nicht nur ihr Leben als Sportlerin beendet zu haben schien, sondern die für sie auch den Tod, um es hier nochmal brutal auf den Punkt zu bringen, bedeuten hätten können.

Sie musste sich mehreren schweren Operationen unterziehen, kämpfte fast 18 Monate, in der sie immer wieder im Krankenhaus lag, gegen die tückische Krankheit, bis sie den Krebs besiegt hatte. Die Ärzte bescheinigten ihr einen ungeheuren Kampfgeist. Aber so kannte man sie ja auch immer beim Tischtennis. Aber dieses Mal gings um die Existenz und um das nackte Überleben.

Dann war YuLing vollständig geheilt. Aber an Leistungssport war nicht mehr zu denken. So zumindest die Aussage der Ärzte. Sport als Ausgleich, ja, aber Leistungssport auf diesem Niveau ? Never.

Aber da kannten sie Zhu YuLing nicht. Sie plante sofort wieder ihr Comeback, trainierte wieder, und hoffte darauf, im Spätjahr 2022 wieder zurückkommen zu können.

Aber diese Hoffnungen erfüllten sich nicht. Zuviel Kraft hatte der lange Kampf gegen die Krankheit gekostet und zu groß war der Leistungsrückstand nach dieser langen Pause. Das brutal harte Training, das YuLing immer betrieb, um dahinzukommen, wo sie war, war so nicht mehr machbar. Die Kraft, die für dieses "letzte Zehntel" notwendig war, war verbraucht.

Und so wendete sie sich neuen Dingen zu, von denen ich hier berichtet habe. Sie gründete eine Firma, wurde Anteilseignerin der Firma ihrer Eltern, erhielt an ihrer Uni eine Professur, wo sie junge Menschen unterrichtete und zuletzt kümmerte sie sich auch um den TT-Nachwuchs in der Provinz Macao.

Aber ihren Traum hatte sie nie aufgegeben: wieder zurückzukehren auf die Tischtennis-Bühne und wieder ein bisschen von dieser Wettkampf-Atmosphäre zu spüren, was sie immer so geliebt hat.

Keiner wusste lange Zeit von ihren Plänen und auch ich hätte vor 12 Monaten an ein solches Comeback nicht mehr geglaubt.

Im Frühjahr ließ YuLing dann intern diese „Bombe“ platzen. Es gab nicht wenige, die ihr davon abrieten. Sie war die Nummer 1 der Welt. Viele hielten das Risiko daher für zu hoch. Aber YuLing liess sich auch hier nicht beirren.

Als es dann klappte, für das Champions-Turnier in Macao eine Wildcard zu erhalten, ging sie damit auch an die Öffentlichkeit. YuLing sagte, dass es ihr nicht darum ging, an alte Erfolge anzuknüpfen, sondern nur und ausschliesslich darum, einfach wieder dabei zu sein und dass sie dafür sehr, sehr demütig und dankbar sei.

Als sie dann in ihrem 1.Spiel nach fast 5 Jahren in Macao gegen Natalja Bajor antrat, waren viele ihrer Fans und Freunde sehr nervös, auch ich drückte ihr beide Daumen. Und dann gewann sie das Spiel mit 3:0. Danach kam dann Wang ManYu und das Aus, aber das war ja eigentlich klar. Aber auch am Ende dieses Spiels konnten viele sehen, was das auch für ihre Kameradinnen in China bedeutete, denn „Pokerface“ Wang ManYu hatte man wohl noch nie so freudig lachen sehen, als sie nach dem Spiel sich mit ihr abklatschte und sich dann beide auch in der Trainingshalle umarmten.

Nun spielte Zhu YuLing ihr erstes Turnier nach fast 5 Jahren auch wieder außerhalb China’s. In Europa. Auf Sardinien.

Und sie gewann es.

Eine unglaubliche Geschichte.

Bis ins Finale gab sie nur einen einzigen Satz ab.

Und im Finale bezwang sie dann Sakura Yokoi mit 3:2.

Es war zwar „nur“ ein Feeder, aber man sollte sich nicht täuschen, denn ihre Final-Gegnerin Sakura Yokoi ist eine absolute Weltklasse-Spitzenspielerin, die man in eine ähnliche bzw. die gleiche Kategorie wie Satsuki Odo verorten kann, die gerade das WTT Champions in Frankreich gewonnen hat (Ich glaube, beide stehen in ihren direktem Duellen bei 7:6)

Gratulation sicher für Satsuki Odo und Felix Lebrun für ihre Turniersiege in Frankreich, aber die wahre „TT-Heldin“ an diesem Wochenende ist für mich und für viele vor allem auch in Asien ganz klar Zhu YuLing.

Nicht nur für mich ist das eines der erstaunlichsten Comebacks der Sportgeschichte.
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