Leider war ich nicht on
zu Rolf Miller
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Ein fulminanter Start ins Jahr 2005 gelang den Organisatoren von „Comedy auf’m Dorf“ in Gasseldorf. Mit Rolf Miller gab ein Comedian der Extraklasse im — wie bei dieser Reihe schon gewohnt — ausverkauften Gasseldorfer Gemeindehaus seine Visitenkarte ab. „Kein Grund zur Veranlassung“ heißt Millers aktuelles Programm. Ein Titel, der einen kurz und prägnant darauf vorbereitet, was ein Abend bei diesem Künstler bedeutet. „Er weiß nicht, was er sagt, meint es aber genau so.“ Besser als Ottfried Fischer kann man die Figur nicht charakterisieren, die sein Kleinkunstkollege Miller da auf die Bühne stellt.
Jeans, T-Shirt, ein Stuhl. Mehr braucht Rolf Miller nicht. Seine Spielform irgendwo zwischen Comedy und Kabarett funktioniert primär über Sprache, sekundär, doch trotzdem nicht zu vernachlässigen, über die perfekte Mimik und die Art, wie Miller sich da auf der Bühne hinstellt. Verschränkte Arme, ein stoisch ernstes Gesicht - dieser Mann meint es ernst, wenn er seinem Publikum aus seinem Leben und Umfeld erzählt und dabei souverän den Bogen zur großen Politik und Lebensphilosophie schlägt. Damit beginnt Miller in der ersten Minute des Programms das Zwerchfell seiner Zuschauer zu bearbeiten, zwei Stunden später hört man mit dem Lachen auf.
Meister des Halbsatzes
Rolf Miller ist ein Meister des Halbsatzes, der Ellipse, des Weglassens und Wortverdrehens. Von Beginn an zieht Miller die Zügel an, lässt seine Figur minutenlang Aussageplacebos formulieren, die sich aus meist aus verschiedenen Redensarten zusammengefügten Versatzstücken neu formen, oft nach bedeutungsaufladender Pause. Das Ergebnis lautet dann in etwa: „Es ist alles nicht mehr so ohne.“ Oder, Thema Gesundheitsreform: „Die Noodelstecherei vom Chines’, die, no die soll, Prostataersatz, sollst selber, in Zukunft.“
Die verborgene, gleichwohl ganz hohe Kunst dieses Programms ist es, aus all dem kein Gestammel werden zu lassen, sondern diese Einzelteile zu Aussagen zusammenzufügen, gestützt durch Aussagegestus oder geschickte Diktion, den Zusammenhang zu wahren beziehungsweise erst zu konstruieren. Genau diese Sprachwucherung aus Ungesagtem und dem, das nicht zusammengehört, gleichwohl doch zusammengewachsen ist - all dieses entfaltet eine irre Komik.
Millers Protagonist versteht die komplizierte Welt nicht. Allerdings zieht er daraus nicht die Konsequenz und beherzigt die Weisheit des „Si tacuisses . . .“, des „Wenn du geschwiegen hättest, wärest du ein Philosoph geblieben. Vielmehr schlägt er Schneisen in die Kompliziertheit allüberall, indem er den Kosmos in seiner kleinen Welt, seiner Umgebung verortet.
Hervorragend arbeitet Miller heraus, dass kaum jemand ein so großer Depp sein kann, als dass er nicht einen findet, auf den er turmhoch herabzuschauen sich berechtigt fühlt. Im auf die Bühne gestellten Fall ist das der Kumpel Achim, die bunte Sau des Dorfs, ein wenig der Wahnsinn, dem das zum Pendeln gehörende Genie abhanden gekommen ist.
Vorurteile als „Kleister“
Wo es nicht langt, da füllt der Typ auf der Bühne sein intellektuelles Arsenal mit Fremdwörtern auf, die er konsequent falsch verwendet oder falsch wiedergibt. Eine Menge von Vorurteilen bilden den Kleister, der das ganze Gebilde zusammenhält. Klima ist etwas Kompliziertes, aber nach dem Angucken von ein paar Fernsehberichten kann man das auch so erklären: „Eemal is Eiszeit, eemal is heiß. Des hat doch mit dem Benzinpreis nix zu tun.“ So bildet Millers Protagonist hochkomische Reihungen: vom Klima zu den Erdbeben über die Auffaltungen der Alpen hin zum Ausflug und zurück mit dem Rußfilter.
Schön sind auch Millers maliziöse Ausflüge ins Politische. „Erst groß die Welt verändern und was kommt ’raus? Coladose und Maut.“ Kurzabriss der Achtundsechziger. Oder der „Innenotto. Den Baader-Meinhoff, den Schleyer und wen der alles rausgholt hat aus Stammheim.“ Tröstlich wenn man dann doch feststellen kann: „Die Dunkelziffer ist da ja (bedeutungsschwere Pause) bekannt.“ Aber da ging es ja schon wieder übers Baltikum.Selten hat man eine so gelungene Mischung aus höherem Blödsinn und bisweilen gar maliziöser Doppelbödigkeit gesehen. Ein wunderbarer Abend, der den hervorragenden Ruf, den sich
die von Norbert Schleicher organisierte „Comedy auf’m Dorf“ erspielt hat, einmal mehr bestätigte.
cu at the millering.....