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Alt 14.02.2005, 10:14
Balian Balian ist offline
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AW: Würzburger Spieler massiv bedroht

Um es gleich vorwegzuschicken. Für das Auftreten der spanischen "Fans" habe ich ebenso Verständnis wie alle meine Vorredner. Das hat mit Sport und Völkerverständigung nichts zu tun.

Verwundert hat mich allerdings die Fassungslosigkeit,warum so etwas passieren konnte. Nach allem was ich als Außenstehender weiß, kann ich die Empörung der Spanier zumindest nachvollziehen, denn auch die Würzburger Verantwortlichen haben sich alles andere als professional verhalten und kräftig mitgeholfen die Stimmung eskalieren zu lassen.

Ich unternehme hier einfach mal den Versuch, das Ganze aus der Sicht der Spanier zu sehen:

Tischtennis als Randsportart
Nach allem was ich von einem spanischen Bekannten weiß, der in jungen Jahren selber Tischtennis gespielt hat, gibt es dort eine niedrige fünfstellige Zahl von Aktiven und einige hundert Klubs. Tischtennis wird eher als "Leistungssport" betrieben, denn auf Breitenebene betrieben, d.h. dauerhaft Mitglied bleiben i.d.R. nur Leute, die ihren Sport mit dem entsprechenden Engagement betreiben und in den Klubs gibt es ein deutlich höheres Niveau als in den typischen deutschen Vereinen. Konsequenz: der Bekanntheitsgrad und die Regelkenntnisse der Zuschauer sind noch geringer als bei uns.

Wenn ich als deutscher Klub also in einer ländlichen Region Spaniens antrete, wo der der Dorfverein bedingt duch seine Erfolge eine hohe Popularität hat, muß ich mich auf ein extrem begeisterungsfähiges aber wenig fachkundiges Publikum einstellen.

Verhältnisse beim ersten Spiel
Sicher sind Hallentemperaturen von 10 Grad Celsius nicht dazu angetan, sportliche Höchstleistungen zu vollbringen, doch wenn ich auswärts antrete, muß ich mit anderen Bedingungen rechnen. Das es in Andalusien in öffentlichen Gebäuden (und auch noch in vielen Privathäusern) keine Heizungen gibt, weil sie aufgrund der dort herrschenden klimatischen Verhältnisse nicht erste Priorität haben (auch im Winter sind die Außentemperaturen oft über 15 C), ist jedem, der auch nur etwas Landeskenntnis hat bekannt und sollte im Rahmen der Vorbereitungen in Würzburg genau so wie die aktuellen Wetterbedingungen berücksichtigt worden sein.

Wenn man dann nach einem verlorenem Spiel bei dem für alle Beteiligten die gleichen ungewohnten Bedingungen (denn diese Temperaturen sind für Andalusien untypisch) geherrscht haben, Protest einlegt und dies auch noch theatralisch mit einer Thermometermessung untermauert, dann bringt man das Publikum bewußt gegen sich auf.

Die tatsächlichen Gründe für die Würzburger Niederlage dürften nämlich auch zu einem guten Teil durch das systematische Unterschätzen des Gegners begründet sein.


Die ETTU-Sportgerichtsentscheidung
Stellt euch mal vor der FC Bayern verliert in der 1. DFB-Pokal-Runde bei einem Oberligisten und bekommt ein Wiederholungsspiel zugesprochen, weil Uli Hoeneß eine Regellücke entdeckt hat und per Beweisfoto fünf Maulwurfshügel auf dem Spielfeld nachweisen kann.

Die Volksseele würde kochen, dem FC Bayern würde wenig Sympathie entgegengebracht und das Publikum würde bei einem Wiederholungsspiel hemmungslos den FC Bayern beschimpfen.

Genau das ist hier passiert.


Das Wiederholungsspiel
Der Brisanz des Spiels waren sich die Verantwortlichen offensichtlich bewußt, sonst hätte sie keine Bodyguards verpflichtet, Auch das Müller-Zitat auf der Würzburger Homepage (selbst mit Heizlüfter in jeder Ecke kriegen die keine 16 Grad in die Halle) zeigt, daß allen vorher klar war, das ein tatsächliches Spiel gar nicht stattfinden wird. Und das dieses martialische Auftreten bei den stolzen Spanier auch die letzten Hemmungen fallen läßt, ist zwar keinesfalls gutzuheißen, aber leider nachvollziehbar.

Fazit
Ein Ruhmesblatt war dieser Auftritt der Würzburger nicht. Ob es langfristig nicht klüger gewesen wäre, auf den Einspruch zu verzichten und in der Niederlage Größe zu zeigen, wird die Zukunft ergeben. Freunde hat man sich damit weder in Spanien noch bei der ETTU gemacht. Und den professionellen Antritt, den man anderen abspricht, hat man leider auch nicht gezeigt.


Die Nebenwirkungen
Auch wenn das für die Verantwortlichen keine Rolle spielt, es sind solche Begebenheiten mit denen man das Bild des häßlichen Deutschen im Ausland negativ zementiert. Eine tagelange Schlamm- und Propagandaschlacht in der lokalen (Boulevard-)Presse ist sicher, als Gesprächsstoff wird diese Anekdote in der Region lange erhalten bleiben.

Schade, daß dies ausgerechnet in einer Gegend stattgefunden hat, die eigentlich sehr deutschfreundlich ist, in der man deutschen Touristen bisher mit freundlichem Respekt entgegentreten ist und in der eine Vielzahl ehemaliger Gastarbeiter leben, die über ihre sicherlich nicht einfache Zeit im Ruhrgebiet der 70er und 80er Jahre sehr positiv sprechen.

In dem Sinne Herrn Müller und den Würzburgern herzlichen Dank für diesen vorbildlichen Beitrag in Sachen Völkerverständigung.

Geändert von Balian (14.02.2005 um 10:20 Uhr)
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