Also gut, ich versuche mich zu erklären:
Als Landsmann und so halbwegs sportinteressierter Zeitgenosse habe ich natürlich die Entwicklung dieses Spielers verfolgt lange vor dem ersten Wimbledonsieg 2003. Alle Kommentatoren haben schon damals von diesem Riesentalent geschwärmt, das beste Händchen seit John Mc Enroe, das kompletteste Spiel, super Koordination, etc. Aber immer wieder hat sich gezeigt, dass die Schlagwahl respektive richtige Reaktion oder Aktion in verschiedenen Spielsituationen nicht optimal war. So kam es, dass andere Spitzenjunioren im etwa gleichen Alter mit wesentlich einfacher gestricktem Spiel, wie z.B. Hewitt, vor Federer ganz nach oben kamen. Irgendwann muss es dann "klick" gemacht haben und plötzlich hat bei Federer alles zusammengepasst, was jetzt ausmacht, dass er nur schwer zu schlagen ist (keine einfache Strategie verfängt auf Dauer, er kann immer wieder umstellen, sich anpassen, dem Gegner ein neues Problem stellen,...)
Jetzt aufs Tischtennis bezogen: Kaum einer von uns hat das Talent eines solchen Spielers. Kaum einer kann täglich zwei Trainingseinheiten mit starken Partnern unter guter Führung absolvieren. Also läuft man mit einem sehr komplex-variablen Spiel Gefahr, gar nie einen richtigen Trainingseffekt zu erleben, da zwar vielleicht einzelne Schläge immer besser funktionieren (aber nie alle!), aber die Synthese des Ganzen gegen verschiedenste Gegner selten so richtig funktioniert. Das braucht nämlich nebst dem Talent noch zusätzlich viel Zeit und Erfahrung, so dass sich nicht eine Handvoll, sondern dutzende von notwendigen Automatismen in allen möglichen Spielsituationen verfestigen können. - Anders gesagt: Wir erreichen das Automatisierungsniveau eines R.F. nie und nimmer. Es empfiehlt sich daher wirklich eine Art Basisspiel zu pflegen und allenfalls gelegentlich Varianten zu üben. Mit der griffigen LN auf der RH wäre die Abwehr bis zum Erbrechen sicher zu machen, auf der VH vielleicht der TS und Gegentopspin in allen Lebenslagen. Dann komen alle Spielsituationen, die sich daraus ergeben, die einzuüben sind. Lange lange danach kommt alles andere. Kurz: Mit "Roger Federer-Syndrom" meine ich das, was diesem Spieler vor dem grossen Durchbruch widerfahren ist, also die Tatsache, dass einiges lange noch nicht so richtig zusammengepasst hat. Wir würden als Freizeitspieler mit zu komplexen Spiel alle immer und ewig darin stecken bleiben

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Man kann übrigens mit Aufschlag, Konter-Schuss, Block und Schupf ein einfaches, funktionierendes Spielsystem zusammenbasteln, mit dem durchaus der Weltmeistertitel erreicht werden kann. - O.k., heutzutage vielleicht nicht mehr, aber es ist noch gar nicht so lange her, dass sich Penholderspieler mit sowas in der Weltspitze behaupten konnten.