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AW: Die Zukunft der Sportart Tischtennis
Über dieses Thema könnte man einen 10-seitigen Aufsatz schreiben - den dann keiner mehr liest. Deshalb in aller Kürze ein paar unfrisierte Gedanken:
- Jeder Sport braucht "Helden", wenn sich jemand dafür interessieren soll. Heros müssen was können und Ausstrahlung haben; Heros müssen aber auch "gemacht", vermarktet, präsentiert werden. Wir Tischtennissportler zeigen uns meist als graue Mäuse - und zwar bis in die Bundesligen hinein.
- Heros gibt es nicht nur im Profisport, sondern bis in die unteren Klassen (lokaler Bezug) hinein. Aber auch da muss man sie "machen".
- Der Sport und die (Profi)'Sportler leben heute in erster Linie von "Öffentlichkeit". Wenn ich heute z.B. in die 2. Bundesliga schaue, sehe ich allerdings häufig das Gegenteil: schlechte Informationen, lieb- und ideenlose Präsentationen, keine "Vermarktung" der schnellsten Ballsportart der Welt.
- Im Fernsehen ist der Anteil des Sports in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Der Anteil von Tischtennis an den Sportübertragungen ist dagegen zurück gegangen. Das liegt an vielem, ich bleibe aber dabei: Auch (und gerade) Tischtennis ist absolut "fernsehtauglich". Allerdings müssten die Produktionen viel aufwendiger gemacht werden als jetzt. Beispiele aus anderen Sportarten, die früher nur ein paar Insider interessiert haben, gibt es zuhauf: Biathlon, Skispringen, Basketball u.a.
- Nachwuchs braucht "Vorbilder". Es gibt Ausnahmen (Waldner), aber Vorbilder für deutschen Nachwuchs bekommt man überwiegend durch deutsche Spieler(innen). Der Anteil der ausländischen Spieler(innen) ist in den letzten Jahren gewaltig gestiegen. Das hat zwar das Niveau in fast allen Ligen gehoben, aber "identifizieren" können sich nur wenige mit Mannschaften, in denen kaum deutsch gesprochen wird. Dies wiederum hat Auswirkungen auf die Zuschauerzahlen, die Wirtschaftlichkeit, die Sponsoring-Bereitschaft der Wirtschaft, die Unterstützung durch die Politik. Wenn ausländische Spieler(innen), dann sollten die "zum Anfassen" sein, also nicht nur zu den Spielen "eingeflogen" oder im Touristenbus hergekarrt werden.
- Regeländerungen: Es muss endlich Ruhe einkehren, die z.Zt. vorhandene "Änderungswut" verwirrt und demotiviert mehr, als sie bringt. Die einzig wichtige Regeländerung der letzten Jahre waren die Sätze bis 11 - denn sie brachte viel mehr Spannungs- und Entscheidungselemente ins Spiel.
- Mannschaftsstärke: Sicher könnte eine einheitliche Mannschaftsstärke (und damit auch der Spielausgang) übersichtlicher sein für die "Laien". Dann müsste man aber auch die Spielsysteme z.B. mit Vierer-Mannschaften vereinheitlichen. Daran hat aber anscheinend keiner Interesse, schon gar nicht die Bundesligisten, die jetzt sogar Dreier-Mannschaften ins Spiel bringen. Im übrigen stimmt, was schon mehrfach gesagt wurde: Eine Abschaffung der Sechser-Mannschaften bei den Herren wäre organisatorisch (Hallenkapazitäten, Anzahl der Ligen) überhaupt nicht zu realisieren. Nosti49 und andere haben's erfasst: Die (Wieder)Einführung von Sechser-Mannschaften in der 1. Bundesliga könnte einige Probleme (mit Sicherheit auch den Einbau deutscher Nachwuchsspieler in Erstliga-Teams) leichter lösen als umgekehrt die Reduzierung auf Dreier-Mannschaften.
- Spieldauer: Die kürzesten Spiele sind meistens die langweiligsten, die längsten die spannendsten. Gestern das 8:8 zwischen Hilpoltstein und Gräfelfing in der 2. Bundesliga Süd hat zum Beispiel 4:15 Stunden gedauert (keine Pause dazwischen). Die beste Stimmung herrschte beim Schlussdoppel mit Ballwechseln der Extraklasse. Von den ursprünglich 160 Zuschauern waren noch 120 dabei. Die anderen haben nachher angerufen, wie's ausgegangen ist. Das ist viel "besser" für unseren Sport als ein 9:0 gegen eine Mannschaft, in der einer fehlt und der andere wegen Verletzung abschenkt und das 50 Minuten dauert. Im Tennis kann ein einziges Spiel fünf Stunden dauern und es wird im Fernsehen übertragen. Auch große Tischtennisturniere (WM, German Open, World Cup-Finale etc.) dauern oft zehn Stunden am Tag, und die Fans sind begeistert. Die von manchen Bundesligisten vehement geforderte Reduzierung der Spieldauer bringt uns meines Erachtens keinen Schritt weiter.
- Nicht zielführend ist auch die weitere "Abkapselung" der 1. Ligen vom übrigen Spielbetrieb. Die wichtigste Zielgruppe für die Erstligisten sind 600.000 aktive Tischtennisspieler(innen) in allen Klassen bis zur untersten Kreisliga. Die müssen ihren Sport "wiedererkennen", wenn sie zu einem Bundesligaspiel kommen. Und sie müssen die Sportler(innen) (er)kennen, denen sie Eintritt bezahlen. Womit wir wieder bei den "Heros" wären.
Es gäbe noch einiges zur Wirtschaftlichkeit des Tischtennissports zu sagen, aber das würde hier den Rahmen sprengen. Der "Rückzug" einiger Bundesligisten und das "Nicht-Aufsteigen-Wollen" in die 1. Bundesliga sagen viel darüber aus, auf wieviel Sand so manche Tischtennisfestungen gebaut sind. Oder darüber, dass im System was nicht stimmt. Beides wäre nicht zukunftsfähig im Wettbewerb um die Anerkennung als fantastischer Spitzensport.
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