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Herr Yukawa und das liebe Geld
Mit dem Thema befasst sich heute mit der vorstehenden Überschrift auch die Süddeutsche Zeitung:
Immer mehr Tischtennisprofis verlassen die Bundesliga und wechseln nach Japan, weil dort hohe Summen zu verdienen sind
Münster – Tischtennis ist eine urdeutsche Sportart. Tausende kleine Vereine bauen in tausenden kleinen Hallen grüne Tische auf, um den kleinen Ball über das Netz zu spielen. Die besten der Zunft verdienen gutes Geld in der Bundesliga, die sich zu Recht als stärkste Liga der Welt anpreist. Für die Cracks gab es also keinen Grund, mit dem Schicksal zu hadern. Und dennoch ist der Blick von Roßkopf, Fetzner und Co. immer wieder ein wenig neiderfüllt zu den Tennis spielenden Kollegen gewandert. Die hohen Gagen kassierte nur, wer die Filzkugel über das Netz drosch. So war es, bis dieser Japaner auf der Bildfläche erschien.
Tief im Osten wohnt in der Stadt Kyoto ein gewisser Herr Yukawa, der sich mit der Produktion und dem Verkauf von Kimonos ein mächtiges Imperium geschaffen hat. Mit seinem Geld macht der steinreiche Geschäftsmann das, was Normalsterbliche mit der Play-Station in einer virtuellen Welt vollführen: Er lässt Spitzensportler für sich spielen. Früher richtete der Industrielle Golfturniere aus, weil es seiner Frau gefiel. Seit zwei Jahren gönnt sich Yukawa sein ganz privates Hobby und widmet sich seiner großen Liebe: dem Tischtennis.
Der japanische Großindustrielle rief eine Turnierserie ins Leben und lobt seitdem Preisgelder aus, wie sie bei der Zelluloid-Fraktion bis dato unbekannt waren. Beim „Super Circuit“ genannten Spektakel bestreiten die Akteure insgesamt hundert Spiele und erhalten neben einer festgelegten Antrittsprämie für jeden Einzelsieg tausend Dollar. Zudem gibt es – je nach Platzierung in der Endabrechnung – weitere üppige Honorare. So wartet auf den Gesamtsieger ein Scheck, der bis zu einer Million Dollar betragen kann.
Unvorstellbare Summen sind das, dabei tendiert das öffentliche Interesse am „Super Circuit“ bislang gegen null. Fernsehzeiten gibt es nicht und in den Hallen verfolgen mitunter gerade einmal hundert Schaulustige die Spiele. Der Unternehmer Yukawa lässt sich dadurch nicht schrecken. Er hat inzwischen einen Fernsehsender gekauft, in dem die Auftritte der Stars live übertragen werden. Deutsche Spitzenkräfte wie Steffen Fetzner und Peter Franz sind dem Lockruf des Geldes bereits gefolgt. Weitere Top-Spieler werden sich auf den Weg machen.
Eine Entwicklung, die in der Bundesliga mit Sorge verfolgt wird. Schließlich verdienten Weltklasse-Athleten wie Jörgen Persson (Schweden), Jean- Philippe Gatien (Frankreich) oder Vladimir Samsonov (Russland), früher in der Bundesliga ihr Geld. Nun hat auch Deutschlands Tischtennis-Aushängeschild Jörg Roßkopf angekündigt, beim munteren Dollar-Scheffeln einzusteigen. „Wir müssen etwas unternehmen“, sagt Arnold Beginn, Vorsitzender des Liga-Ausschusses, „sonst geht die Bundesliga kaputt.“ Und so wurde im Dezember verfügt, dass nur noch diejenigen Spieler für ihre Klubs in den Play-offs antreten dürfen, die mindestens zehn Begegnungen der Normalrunde absolviert haben.
Eine Entscheidung, die negative Folgen haben könnte. Fetzner kann sich durchaus vorstellen, dass „dadurch viele Spieler der Bundesliga ganz den Rücken kehren“. Zumindest Roßkopf hat angekündigt, sowohl für seinen Klub in Gönnern als auch in Japan anzutreten. Als Diener zweier Herren dürfte der Mann vor durchaus stressigen Zeiten mit vielen Flugstunden stehen. Von solchen Aussichten lässt sich der Ex-Europameister indes nicht schrecken: „In all den Jahren als Profi habe ich gelernt, wenig zu jammern und viel zu spielen.“
Deutschlands größtem Talent, Timo Boll (TTV Gönnern), soll diese Mühle in den kommenden Jahren erspart bleiben. Zumindest wenn es nach Rainer Ihle geht. Der ist nicht nur Präsident des Spitzenklubs TTF Ochsenhausen, sondern als Geschäftsführer der Agentur ISMM Sportmanagement auch für die Vermarktung von Boll zuständig. Ein klassischer Interessenkonflikt: Als Vereinsvertreter muss Ihle um das Wohl der Liga besorgt sein, als Manager dafür sorgen, seinem Klienten möglichst gute Verdienstmöglichkeiten zu verschaffen. Für Ihle ist Bolls Jugend ein brauchbarer Ausweg aus der Zwickmühle: „Mit 20 muss der Junge erst einmal seinen Weg in die Weltklasse machen und nicht möglichst viel Kohle kassieren.“
Ob solche Argumente bei Boll über einen längeren Zeitraum Gehör finden, erscheint fraglich. Schließlich bestimmt auch im Tischtennis-Geschäft das Angebot die Nachfrage. Und da ist Japans Millionen-Dollar-Zirkus der Bundesliga weit voraus. „Wenn bei denen selbst der Siebte oder Achte das drei- bis vierfache von dem verdient, was Spitzenspieler bei uns bekommen, können wir in keinster Weise mithalten“, sagt Ihle. Und so bleibt Ochsenhausens Präsident nicht mehr als ein ratloses Schulterzucken: „Was sollen wir denn machen, wenn ein Milliardär mit seinem Geld um sich wirft?“
Felix Meininghaus
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