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AW: Mannschafts-WM '06 in Bremen: Der Spieltag (Herren)
Hier noch Timo Bolls Sicht der Dinge und ein paar andere Sachen aus seinem Tagesgeschehen:
"WM-Tagebuch: Timo Boll über seinen Halbfinal-Tag
Bremen. Jeden Tag hat ein anderer Athlet, eine andere Athletin von seinen und ihren persönlichen WM-Erlebnissen berichtet. Europas Nummer eins Tamara Boros aus Kroatien kam ebenso zu Wort wie Ex-Weltmeister Werner Schlager aus Österreich und Dänemarks Michael Maze. Heute war Timo Boll an der Reihe:
"Gestern Abend nach dem Sieg gegen Russland haben wir zur Feier des Tages Pizza bestellt. Eigentlich hatte ich eine schlechte Erinnerung daran, weil ich bei der letzten WM in Shanghai am Abend vor dem Doppel-Finale zusammen mit Christian ebenfalls Pizza gegessen habe und dann krank geworden bin. Diesem schlechten Omen wollte ich ein Ende setzen.
Der gestrige Abend begann entspannend. Ganze eineinhalb Stunden habe ich auf der Massagebank verbracht. Unser Physiotherapeut hat mich richtig durchgeknetet, Füße, Beine, Rücken, Arme. Den Kopf hat er ausgelassen – schließlich wollten die anderen ja auch mal dran.
Eingeschlafen bin ich dann beim Boxen im Fernsehen, weil der Kampf so langweilig war – normalerweise gucke ich Boxen ganz gerne. Geschlafen habe ich sehr gut und mich beim Aufstehen um 8.45 Uhr gut gefühlt. Ich war gleich in meinem Rhythmus, habe gefrühstückt (etwas frische Ananas und Kuchen – ich esse morgens nicht so viel), war dann duschen und bin anschließend – um Viertel vor elf – mit der Mannschaft in die Halle gegangen. Den Ablauf kenne ich von der Pro Tour; da geht’s auch meist um 13 Uhr für mich los. Eingespielt habe ich mich mit Christian bis etwa Viertel nach zwölf.
In der Halle haben mich die Zuschauer am meisten beeindruckt. Das war eine super Kulisse. Man bekommt eine Gänsehaut, wenn 10.000 Leute rhythmisch klatschen und deinen Namen rufen. Wie beeindruckt ich davon war, hat man in meinem ersten Spiel gegen Ma Lin deutlich gesehen. Da war ich nicht ganz locker. Am Ende habe ich es dann doch noch umgebogen. Christian hat knapp gegen Wang Liqin verloren, hatte schon Satzbälle. Bei einer 2:0-Führung hätten es die Chinesen noch schwerer gegen uns gehabt. Zolli hat gegen Wang Hao alles gegeben, hat versucht, ab dem ersten Ball aggressiv zu spielen. Leider hat es nicht gereicht.
Gegen Wang Liqin war es bei mir ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Im fünften Satz habe ich mit 5:3 geführt, als der chinesische Trainer ein Timeout genommen hat. Ich weiß nicht, was er Wang Liqin gesagt hat, aber es muss das Richtige gewesen sein, denn plötzlich habe ich mit 5:10 in Rückstand gelegen ;-). Wang hat sehr gut gespielt und hatte am Ende mehr Reserven als ich. Vor allem seine Athletik hat er heute gegen mich ausgespielt. Das hat man bei dem ein oder anderen Ballwechsel deutlich gemerkt. Dass wir verloren haben, ärgert mich natürlich auch wegen der tollen Zuschauer. Für sie ist es schade. Aber ich denke, dass sie mit unserer Leistung ganz zufrieden sein können.
Jetzt will ich erst einmal nur noch raus aus der Halle. Das zweite Halbfinale schaue ich mir nicht mehr an. Wir gehen mit der Mannschaft, den Trainern und unseren Frauen heute Abend essen. Deli, meine Frau, ist seit Dienstag in Bremen, aber ich habe sie kaum gesehen. Immer nur ganz kurz in der Halle, und nachher haben wir noch telefoniert. Es war fast, als sei sie nicht hier gewesen.
Feiern werden wir alle bis spät in die Nacht. Das ist sicher. Bei der Frage nach dem Endspielsieger, mache ich’s mir leicht: Ich tippe auf China." "
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