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Alt 28.03.2002, 08:37
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Arralen Arralen ist offline
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Arralen ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt (Renommeepunkte ungefähr beim Startwert +20)
Physikalische Eigenarten des größeren Balles

.. da möchte jemand die "physikalische Seite" der größten Errungenschaft im Tischtennis in den letzten hundert Jahre erläutert haben ??

Nagut, ihr habt es so gewollt ... na, bin ich 'mal nett und lasse dir Formeln weg .. außer jemand glaubt mir nicht



1) Fluggeschwindigkeit
Für die Strömungsverhältnisse um den Ball machen 38 oder 40 mm keinen Unterschied (die kritischen Werte Größe/Geschwindigkeit liegt bei Volleyball-Maßen)
Allerdings hängt der Luftwiederstand von der Querschnittsfläche und Fluggeschwindigkeit im Quadrat ab.
Die Querschnittsfläche des Balles und damit der Wiederstand haben um 10,8% zugenommen .. also keinesfalls "fastnix" (wer das anders sieht darf mir 10,7% seines Gehaltes überweisen )
Jetzt könnte man noch einwenden - aber das ist doch nur ein linearer Faktor, wieso sollten der nicht alle Spieler gleich betreffen? Ganz einfach:
Direkt nachdem der Ball den Schläger verlassen hat, ist die Geschwindigkeit der maßgebliche "Verursacher" des Wiederstandes, erst wenn sie unter ein gewisses Maß fällt erreichen andere Einflüsse die gleiche Größenordung, und der Ball geht aus der starken Bremsung zu einem langsamen "dahinhumpeln" über.
Unglücklicherweise ist dieser erste Teil der Flugstrecke i.A. ca. 1..2m länger als der Tisch .. wer also am Tisch spielt, wird kaum einen Unterschied merken, weil die Variationen durch unterschiedliche Schlaggeschwindigkeit und Rotation wesentlich stärker sind als der Einfluß des größeren Durchmessers.
Wer weiter weg steht muß feststellen daß der Ball wesentlich schneller als der alte auf eine deutlich geringere "Langstreckenfluggeschwindigkeit" abgebremst hat - was dem Gegner natürlich wesentlich mehr Zeit gibt sich zu positionieren..

2) Rotation
Durch den größeren Durchmesser steigt die Rotationsträgkeit quadratisch - der Ball nimmt also wesentlich weniger "gern" Rotation an, speichert diese allerdings auch "besser". (dies ist der Grund für die schnellere Abnutzung der Beläge, die manch einer festgestellt hat - der Ball rutsch länger mit dem "alten" Spin über die Gummioberfläche und rubbelt sie quasi ab..)
Leider nimmt auch der Umfang und die Umfangsgeschwindigkeit linear mit dem Durchmesser zu - gleiche Schlägerblattgeschwindigkeit ergibt also ~5% weniger Rotationsgeschwindigkeit (wenn man mal andere Einflußfaktoren beiseite läßt) .. und 10,8% geringere Rotationsenergie.
Außerdem ist durch den größeren Durchmesser zusammen mit der geringeren Geschwindigkeit der Anpressdruck am Schlägerblatt geringer geworden .
Dadurch wird die Kontaktzeit verkürzt, weil sich der Ball nicht so tief in die Beläge "eingräbt" (außer bei den Extremklebern Typ 2+...), d.h. der Ball hat nicht mehr so viel Zeit Spin aufzunehmen (zusätztlich zur erhöhten Rotationsträgheit).
Außerdem ist Reibung linear vom Anpreßdruck abhängig - je weniger Druck, umso weniger Reibung.

Ein wichtiger Faktor ist jedoch auch die Oberflächengeschwingkeit des Balles im Verhältnis zur umgebenden Strömung.
Durch die geringere Fluggeschwindigkeit sind sämtliche Einflußgrößen aus der Umströmung kleiner (Wiederstand u. einiges anderes), allerdings ist die Rotationsgeschwindigkeit auch deutlich geringer.
Dies "addiert" sich zu dem Effekt, daß die Ballrotation einen wesentlich geringeren Einfluß auf die Flugbahn hat als beim kleinen Ball - und dieser Einfluß ist warscheinlich deutlich größer als 10,8% (auf die Mathematik hatte ich bisher auch keine Lust...)


3) Materialeigenschaften
Durch größeren Durchmesser ohne entsprechend vergrößertes Gewicht ist die Wandstärke des Balles deutlich geringer geworden - das bedeutet jedoch, daß er sich wesentlich stärker verformt, und das der Einfluß der Naht* (die ja doppeltlagig ist), deutlich ausgeprägter ist. Stärkere Verformung bedeutet aber auch größeren Energieverlust durch innere Reibung und deutlich höheren Materialverschleiß.
Durch höhere punktuelle Materialbeanspruchung bei weniger Belastungszyklen werden auch eher Inhomogenitäten erzeugt - der Ball wird zum Ei.
Mit stärkerer Verformung = größere Auflagefläche auf der Platte steigt außerdem die Chance ein Unebenheit zu "treffen"
* alle Bälle die bei uns im Training "versterben", reißen zuerst quer zur Naht ein .. ein deutliches Zeichen dafür das an meinen Thesen zumindest etwas wahres ist .


So .. reicht das für's erste ?

Stefan

Geändert von Arralen (28.03.2002 um 08:45 Uhr)
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