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Mit dem neuen Helden aus der Nische kriechen
Franktfurter Allgemeine:
Mit dem neuen Helden aus der Nische kriechen
Der Alltag hat Timo Boll wieder, aber Tischtennis soll nicht wieder in den alten Trott verfallen
ZAGREB. Der Montag war frei, der Dienstag schon wieder Dienst-Tag. Tischtennis-Europameister - ein netter Titel, Sonderurlaub verschafft er Timo Boll nicht. Dienstag wird trainiert in Höchst im Odenwald, seinem Heimatort. Schließlich wartet am Freitag schon Frickenhausen. Dort geht es für seinen Verein, den TTV Gönnern, um den zweiten Platz in der Tischtennis-Bundesliga. Der Alltag hat Timo Boll schnell wieder nach einem historischen Wochenende. Als erster deutscher Spieler holte er den Titel im Einzel und im Doppel mit Zoltan Fejer-Konnerth. Zusammen mit dem zweiten Platz in der Mannschaft bedeutete dies die beste Ausbeute aller Teilnehmer in Zagreb.
Der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) hofft, daß nach diesem geschichtsträchtigen Turnier der gewohnte Trott am Rande des öffentlichen Interesses so schnell nicht wieder einsetzt. In Zeiten, in denen nur Einschaltquoten bestimmen, was im Fernsehen gesendet wird, hat der Volkssport Tischtennis im Kampf der Sportarten um Beachtung und Unterstützung große Rückschläge erlitten. Der kleine Aufschwung durch den WM-Titel von Jörg Roßkopf und Steffen Fetzner 1989 im Doppel verpuffte Mitte der neunziger Jahre. Mittlerweile hat der DTTB über seinen Ausrüster Donic hinaus keinen Sponsor mehr - sieht man vom Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken ab, der dankenswerterweise die Mini-Meisterschaften finanziell begleitet. Ansonsten finanziert sich der Verband durch die öffentliche Hand und Mitgliederbeiträge.
Mit Boll als Held könnte Tischtennis wieder aus der Nische hervorkriechen, sicher ist das keinesfalls. Das meint auch Hans-Wilhelm Gäb, Ehrenpräsident des DTTB und Vorstandsmitglied der Stiftung Deutsche Sporthilfe. "Es kann nur zu einem Durchbruch kommen, wenn sich ein Fernsehsender des Tischtennis annimmt, wie es RTL beim Skispringen getan hat", sagt der ehemalige Wirtschaftsmanager. Gäb will seine persönlichen Kontakte dazu nutzen, führenden Fernsehleuten das Tischtennis näherzubringen. "Sie müssen in die Halle kommen, das Live-Erlebnis in der Halle spüren. Nur wenn sie überzeugt sind, kann es zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit kommen." Bolls Titel gehören zu den drei Faktoren, die Gäb nennt, warum er zumindest wagen will, seinen Sport wieder anzubieten. Zum Sympathieträger Boll komme die größere Dramatik der Spiele durch die Zählweise bis elf und die geänderte Aufschlagsregel. Vom 1. September an darf der Ball durch den Aufschläger nicht mehr verdeckt werden. Dadurch werden häufiger attraktive Ballwechsel erwartet.
Bis zum großen Durchbruch, wie ihn Gäb beschreibt, bedarf es noch großer Überzeugungsarbeit und viel Glück. Aber selbst kleinere Schritte hin zu mehr Öffentlichkeit müssen nicht zwangsläufig gelingen. Seine Persönlichkeit prädestiniert Boll nicht gerade für publikumswirksame Auftritte. So sympathisch, bescheiden und nett der 21jährige Spieler wirkt, einen großen Redner mit großer Ausstrahlung wird er nie abgeben. Als charmanter Botschafter eignete sich da sein Doppelpartner Zoltan Fejer-Konnerth besser. Doch dem Kollegen fehlt es an der Ernsthaftigkeit Bolls, seine Begabung durch hartes Training in die bestmögliche Leistung umzusetzen. Bis jetzt jedenfalls.
Bolls Karriereplanung ist geradezu eine Verhöhnung der Werbeideale. Nicht schnelle Erfolge, Schein und Effekthascherei sind sein Ding, sondern seriöse, durch kontinuierliche Arbeit aufgebaute Qualität. Mit seinem Entdecker und Heimtrainer Helmut Hampl hat er sich bis 2005 dem TTV Gönnern verpflichtet, obwohl andere Klubs ihm mehr boten. Aber nirgendwo anders kann er an seinem Heimatort und so zielstrebig trainieren. Natürlich wünschen sich Boll und auch Hampl mehr Sponsoren und Marketingeinnahmen. Deshalb wechselten sie auch das Management. Rainer Ihles und Christoph Reuhls Agentur ISMM ist jetzt für die Vermarktung des deutschen und Europameisters zuständig. Die beiden, Manager des Ligakonkurrenten TTF Ochsenhausen, gelten als diejenigen in der Branche, die am geschicktesten Sponsorengelder auftun. Und sie gehören seit Jahren zu den größten Kritikern des DTTB, dem sie mehr oder weniger unverblümt vorwerfen, unfähig in der Sponsorakquise zu sein.
Kompromisse wegen des Geldverdienens mag Hampl allerdings keine machen, die zu Lasten des Sports gehen. "Wenn Timo frei hat und es Sommer ist, dann kann man ihn vermarkten", sagt Hampl in einem Ton, den nur Nicht-Hessen als ruppig mißverstehen. Der 49 Jahre alte Trainer will seine Aufbauarbeit nicht gefährdet wissen. Und er glaubt auch, daß sein Schüler lieber Tischtennis als den Werbefritzen spiele. "Er ist doch gar nicht der Typ für diesen Rummel." Das kann man nur unterschreiben. Boll fügt sich den Gesetzen der Mediengesellschaft und gibt immer bereitwillig Auskunft, um sportlich ins Gespräch zu kommen oder zu bleiben. Aber lieber, viel lieber läßt er Taten sprechen. Sein sportlicher Ehrgeiz ist noch lange nicht gestillt mit dem EM-Titel. Olympia- und Weltmeisterschaftsmedaillen hat er sich als Ziel gesetzt. Dazu muß er die Tischtennis-Weltmacht China das Fürchten lehren. "Ich kann gegen jeden Chinesen mal gewinnen. Ich muß in die Lage kommen, es regelmäßig zu tun", sagt Boll. Ihm fallen noch viele Kleinigkeiten ein, worin er sein Spiel verbessern könne. "Der EMTitel ist nur ein Zwischenschritt", sagt Boll. An diesem Dienstag geht die Arbeit weiter. Boll wird dem Tischtennis wohl weiter vor allem als sportliche Leitfigur dienen, weniger als Glamourboy.
PETER HESS
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.04.2002, Nr. 82 / Seite 38
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