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Alt 09.04.2002, 12:07
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„Eine unentdeckte Goldgrube“

Süddeutsche Zeitung :

DTTB-Ehrenpräsident Hans Wilhem Gäb über Boll und das deutsche Tischtennis



Hans Wilhelm Gäb, 66, ist einer der erfahrensten Sportfunktionäre Deutschlands. 13 Jahre war der ehemalige Opel- Aufsichtsratsvorsitzende Präsident des Deutschen Tischtennis-Bundes. Auch als Tischtennisspieler war Gäb erfolgreich, 1958 und 1960 wurde der gebürtige Düsseldorfer deutscher Meister im Doppel, für die deutsche Nationalmannschaft trat er 13 Mal an. Gäb ist Ehrenpräsident des DTTB und hat die Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Zagreb begleitet.

SZ: Wie sind die EM-Titel von Timo Boll in Einzel und Doppel einzuordnen?

Gäb: Sehr hoch. Boll hat nicht nur in großer Form gespielt. Er hat im Halbfinale und Finale auch kritische Momente überstanden, in denen ein Spieler, der nicht großes Potenzial hat, mental in die Knie gegangen wäre. Dass er diese Situationen nervenstark überstanden hat, ist fast genau soviel wert wie der EM-Titel.

SZ: Die absolute Weltspitze kommt aus Asien. Welches Gewicht hat der EM-Titel im Vergleich zu einem WM-Titel?

Gäb: Ein WM ist natürlich höher einzuschätzen. Aber sie kommt ja erst. Timo ist jetzt die Nummer fünf, sechs in der Welt, und er ist der einzige, den die Chinesen jetzt schon wirklich fürchten.

SZ: Woher wissen Sie das?

Gäb: Die sagen es, und die haben bei allen großen Turnieren Videoaufzeichnungen von Boll gemacht, auch hier in Zagreb. Das Spiel, das Boll vor einigen Wochen bei den Quatar Open gegen den chinesischen Weltranglistenzweiten Lin Ma gemacht hat, hatte in Asien eine Einschaltquote von 800 Millionen Zuschauern. Das ist eine verblüffende Zahl. Aber das sind die Realitäten in Asien.

SZ: Ganz anders als hier. Tischtennis gilt seit jeher als Randsportart.

Gäb: . Boll ist ein Mann, der Aufmerksamkeit auf sich zieht. Seitdem er in der Weltrangliste mit oben steht, herrscht ein weitaus größeres Medieninteresse an unserem Sport. Timo gibt dem DTTB mit seinen 700000 Spielern in 10000 Vereinen einen Schub. Noch wichtiger ist aber nun das Medieninteresse. Ob daraus ein Durchbruch wird, sei dahingestellt. Der ist an viele Faktoren gebunden.

SZ: An welche?

Gäb: An erster Stelle kommt Boll mit seiner faszinierenden Spielweise, dann die neue Zählweise bis Elf, schließlich der entschärfte Aufschlag. Und danach kommt die wichtigste Frage: Wird sich das Fernsehen mit dem notwendigen technischen Aufwand auf Tischtennis- Übertragungen konzentrieren? Ich sehe diesen Sport als eine unentdeckte Goldgrube, weil er mit der richtigen Kameratechnik für jedermann dramatisch und verständlich übertragen werden kann.

SZ: Hat Tischtennis wirklich ein derart hohes, unentdecktes Potenzial, wie alle Beteiligten immer wieder predigen?

Gäb: Tischtennis ist das schnellste Ballspiel der Welt und hat sich enorm entwickelt. Diejenigen, die es live sehen, sind fasziniert. Das ist ein Sport, der in Kreativität und Athletik einzigartig ist.

SZ: Warum ist Tischtennis dann immer noch in einer Nische und hat mit vielen Vorurteilen zu kämpfen?

Gäb: Das ist ein historisches Problem, weil Millionen von Menschen irgendwo auf der Terrasse Pingpong spielen. Und solange sich nicht die Massenmedien des Hochleistungssports annehmen, ist es schwer, einer breiten Öffentlichkeit klar zu machen, dass dieses Spiel eine Lifetime- Sportart ist, die man auf jeglichem sportlichen Niveau spielen kann.

SZ: Erhofft man sich mit Boll nun einen Effekt wie bei Jan Ullrich, Boris Becker oder Sven Hannawald, die ihren Sportarten einen riesigen Schub gaben.

Gäb: Ich möchte da keine übertriebenen Hoffnungen erwecken. Ich sage es so: Wenn sich RTL mit jenem technischen und journalistischen Aufwand auf Tischtennis konzentrieren würde, wie es beim Skispringen geschieht, dann könnte Tischtennis ein Quotenbringer sein.

SZ: Eignet sich der bescheidene und brav wirkende Boll als Hauptdarsteller einer Kampagne, um Tischtennis in der Öffentlichkeit aufzuwerten?

Gäb: Boll ist erst 21. Bei ihm steht die sportliche Leistung im Vordergrund. Zudem ist Boll ein Typ wie Hannawald oder Schmidt, die anfangs auch nicht vor Extrovertiertheit geplatzt sind. Aber Timo Boll wird lernen, mit den Medien zu arbeiten. Wichtig ist zu diesem Zeitpunkt, dass er schon ein großer Spieler ist und ein ungewöhnlicher Sympathieträger.

SZ: Ist mit Boll die Zeit von Jörg Roßkopf vorbei?

Gäb: Nein, ich habe mit Jörg Roßkopf telefoniert, und er freut sich schon auf die nächste EM, wo er mit Boll in der Mannschaft spielen wird. Der ist im Kopf und im Herzen so erfolgshungrig wie immer. Roßkopf kann sicher noch zwei Jahre in der Weltspitze spielen.

SZ: Werden Sie Ihre Kontakte als langjähriger Präsident des DTTB und erfolgreicher Manager in der Wirtschaft nützen, um dem Tischtennis zum Beispiel zu mehr Fernsehpräsenz zu verhelfen?

Gäb: Ich will das versuchen. Ich könnte mir vorstellen, dass wir Boll und einige andere Nationalspieler mal für einflussreiche Fernsehleute einen Showkampf machen lassen, wo die live die schnellste Rückschlagsportart der Welt erleben.

SZ: Wie beurteilen Sie die Zukunft des deutschen Tischtennis?

Gäb: Wir haben eine Männermannschaft, die wird in den nächsten Jahren Europameister sein. Und mit Boll, der sich weiter entwickelt, und mit Spielern wie Steger, Hielscher, Fejer-Konnerth, Wosik oder Süss werden wir bald auch gegen die Asiaten eine Chance haben.

Interview: Gerald Kleffmann
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