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Alt 09.04.2002, 12:09
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Kleiner Bahnhof für zwei ganz Große" oder „Die ruhige Rückkehr des stillen Weltstars"

Zeitung für Mittelhessen:

Tischtennis-Europameister Timo Boll und Zoltan Fejer-Konnerth landeten gestern in Frankfurt
„Kleiner Bahnhof für zwei ganz Große" oder „Die ruhige Rückkehr des stillen Weltstars"
Von Jens Peter Kauer, (0 64 61) 92 81 41
J.Kauer@mail.mittelhessen.de

Viertel vor Neun und Stau schon am Gambacher Kreuz. Kein Grund für kalte Schweißbäder? Um 10.40 Uhr landet der Flug OU 416 auf dem Fraport Rhein-Main. Drinnen sitzt die halbe deutsche Tischtennis-Nationalmannschaft. Darunter Timo Boll und sein Doppelpartner Zoltan Fejer-Konnerth vom TTV Gönnern (Landkreis Marburg-Biedenkopf). Der Erste ist Deutschlands erster Einzel-Europameister seit zehn Jahren und holte gemeinsam mit dem Zweiten obendrein Gold im Doppel. Großer Bahnhof ist angesagt am Flughafen.

Und ich will mittenrein, schließlich sollen die Leser dieser Zeitung in der ersten Reihe sitzen. Und nun? Zu knapp geplant? Erlösung: Alles frei ab Bad Homburg. Jetzt nur noch ein Parkplatz. Rein ins Parkhaus. Nein! Ampeln auf Rot ... die ersten fünf, zehn, fünfzehn Parkgänge zu. Alle! ... fast. Ganz hinten leuchtet der grüne Pfeil. Raus aus dem Auto, die Allee der Taxameter gequert, der schier endlose Flur zu Terminal B. Noch einmal um die Ecke. Da muss er sein, der Wall aus Kameras, Mikros, Blumensträußen rund um die Schiebetür aus Milchglas. Hoffentlich pralle ich nicht ab. Doch ... zehn nach zehn und kein Fan zu sehn.


Gruppenbild mit Damen und Pokal: Timo Boll (2.v.l.) mit Freundin Rodelia Jakobi (l.), Zoltan Fejer-Konnerth mit Ehefrau Jacqueline. (Foto: Steffen Bär)
Terminal B 1, pressefreie Zone. Ein einziger Wartender trägt rote Rose. Für Timo aus Zagreb? „Nein für eine Freundin aus San Francisco." 10.20 Uhr. Ein Schild verrät: „Mr. Petru aus Bociu" wird erwartet. Timo Boll, der Welt sechstbester Tischtennis-Spieler, und seine Mitstreiter scheint niemand zu erwarten. Wo bleibt der Presse-Tross? Eine Frage fegt mir durchs Mark: „Sitzt der vielleicht schon bei Häppchen und O-Saft, in aufgeregter Vorfreude auf Europameister Boll. Weit weg von hier." Die Dame vom Info-Schalter muss nachfragen. „Nein. Hier ist nichts bekannt von einem Pressetermin. Ist vielleicht doch noch nicht so bekannt, der Herr BELL." Tischtennis ist eben doch (noch) Randsportart.

Der Segen des Mobil-Telefons: Nachfragen zu jeder Zeit. Hat der TTV Gönnern ein Empfangskomitee entsandt? Manager Torsten Märte verneint. „Wir planen eine Feier im Rahmen des letzten Bundesliga-Rundenspiels am 21. April. Zum Flughafen kommt aus Gönnern niemand."

Drei Stunden glühende Drähte im Hause Boll
Dann kann auf der Suche nur noch einer helfen: Wieland Speer, Liga-Sekretär des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB). Noch sitzt er im Auto, Minuten später steht er am Terminal B 1. „Haben Sie schon Timo Bolls Eltern gesehen?", fragt Speer. Ich muss passen. Wieder versieht ein Handy seinen Dienst. Timo Bolls Mutter geht ran, wie so oft schon am Tag zuvor: „Drei Stunden lang stand unser Telefon gestern nicht still." Heute wird sie in Höchst im Odenwald gebraucht. In Timo Bolls Heimatort steigt heute die ganz große Party, in der Vereinsturnhalle des TSV. „Aber mein Mann", sagt Frau Boll, „ist auf dem Weg". Mittlerweile ist auch ein Kollege von Radio FFH eingetroffen. Fragende Blicke kreuzen sich. „Ja, ich warte auch." „Entschuldigung, wer kommt denn hier an?", fragt eine Dame. Timo Boll und Zoltan Fejer-Konnerth, Tischtennis-Europameister. „Ach ja? Super. Das ist ja ein Zufall", quittiert die Kollegin von der Deutschen Welle unsere Auskunft. Bloß, ist sie leider ohne Mikrofon.

Wieland Speer hält Ausschau nach DTTB-Kollegen, eine Packung Schokoladen-Herzen unter den Arm geklemmt. Ein praktisches Geschenk zur Begrüßung der Tischtennis-Helden: „Ich dachte mir, die haben vielleicht Lust auf was Süßes, so asketisch, wie die in den letzten Wochen leben mussten." Verstärkung vom Bundesverband ist eingetroffen: Claudia Ebel, Leistungssport-Referentin im DTTB, Bundesliga-Spielleiter René Stork und Verbands-Geschäftsführer Matthias Vatheuer sind eingetroffen. Warten auf die Passagiere aus Zagreb. Hans Wilhelm Gäb passiert die Schiebetür als Erster: „Ich hab gedacht die Feuerwehr-Kappelle aus Gönnern würde hier stehen", verrät der DTTB-Ehrenpräsident ganz leichte Enttäuschung. „Montag-Vormittag", wirft Wieland Speer ein, „da war es sicher für viele kurzfristig nicht möglich frei zu bekommen. Ich habe mir extra Urlaub genommen."

Gefeiert wurde dafür aber doch sicherlich am Abend zuvor in Zagreb? „Still, besinnlich aber manchmal auch laut", verrät Gäb. „Und Timo Boll nur in Maßen. ,Ich hab ja am Freitag ein schweres Bundesliga-Spiel‘, hat der Junge gesagt. Das ist die richtige Einstellung", strahlt der Präsident, der mit Bolls Triumph nicht unbedingt gerechnet hatte: „Das kann man gar nicht bei einer EM. Sicher, Timo gehörte zu den Favoriten. Damit steigt aber auch der Druck. Es ist schon toll, wie er dem Stand gehalten hat." Und noch etwas hatte den Präsidenten am zurückhaltenden, fast stillen Weltstar aus dem Odenwald in Zagreb beeindruckt: „Beim Bankett ist er aufgestanden und hat eine Rede gehalten. Und das heißt schon allerhand für Timo."

Der unerwartete Auftritt des verduzten Kinostars
Warten auf den Schweiger. Die Schiebetür surrt. Und tatsächlich, er kommt ... doch nicht Timo. Til! Der Kinostar schaut verduzt. Alles hatten der ehemalige Heuchelheimer und seine Begleiterin so nah seiner alten Heimat wohl erwartet, bloß keine Blitzlichter. Er beugt leicht den Nacken und schon ist er entschwunden. Angekommen ist derweil Wolfgang Boll, Trainer des Oberliga-Aufsteigers TSV Höchst und Vater des Europameisters, auch er die Feier vom Vortag noch in den Knochen.

Ein mitfiebernder Vater am Tropf des Internet
„Wir haben zu Hause das Finale im Internet verfolgt und waren die ersten die es wussten. Bald danach war unser Wohnzimmer knallvoll", erzählt er und wirkt einfach nur glücklich: „Es war gigantisch, auch für mich. Timo Europameister. Einmalig!" Dann surrt die Tür erneut. Beifall bei Funktionären (und Pressevertretern). Zoltan und Jacqueline Fejer-Konnerth erscheinen, dann Timo Boll mit Freundin Rodelia Jakobi, den Europameisterpokal ins Gitter des Gepäckwagens geklemmt. Vater und Sohn schließen sich in die Arme, fest und stolz – und schweigend.

Timo Boll spricht vom „Kribbeln im Bauch, das ich auch heute noch habe". Von „schweren Beinen" nach der Tortur von drei Wettbewerben bis zum Finale. Dass er kaum geschlafen habe in der Nacht zuvor (eine Stunde, oder wars doch keine?). Dass er erst jetzt langsam begreife, was er da in Zagreb angestellt habe. „Ganz wichtig aber", sagt der zweifache Europameister, „ist im Sport dass man weiter arbeiteten muss." Zoltan Fejer-Konnerth steht Zentimeter entfernt und doch ein klein wenig abseits. „Herr Fejer-Konnerth ..." „Ach, Sie wollen mir auch eine Frage stellen?", entgegnet der Europameister im Doppel etwas pikiert, um die Vermutung, ob in dieser Reaktion auch ein Hauch von Neid auf das Boll-Brimborium mitschwinge, weit von sich zu weisen: „Überhaupt nicht. Dass Timo im Mittelpunkt steht, das ist in Gönnern seit Jahren nicht anders. Und jetzt bei der EM: ein Einzeltitel hat eben doch einen weitaus höheren Stellenwert als der im Doppel." Ich erinnere an den ersten gemeinsamen Triumph von Jörg Roßkopf und Steffen Fetzner, der den ersten Tischtennis-Boom in Deutschland ausgelöst hatte. „Das war auch die Weltmeisterschaft", entgegnet Zoltan Fejer-Konnerth. Aber die holen Sie doch gemeinsam sicher auch noch? Ein sanfter Ellbogen-Check zwischen Doppelpartnern. „Machen wir schon, oder Timo?" Ein Grinsen: „Wir versuchen`s, Zoltan." Wir kommen auch zum Flughafen. Versprochen!
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