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Timo Boll: Ein Tischtennis-Europameister ohne Fans?
Frankenpost Hof:
(NOCH) KEIN STAR, AUF DEN DIE JUGEND ABFÄHRT
Timo Boll: Ein Tischtennis-Europameister ohne Fans?
VON WOLFGANG NEIDHARDT
Übrigens: Ein Deutscher ist Tischtennis-Europameister. Timo Boll heißt er. ,,Ach ja, am Rande hab' ich's mitbekommen'', erinnert sich der gemeine Sportfan dunkel. Nur ein paar Spezialisten saßen vorm Fernsehapparat - nicht zuletzt, weil sie wussten, dass nur Eurosport ausführlich aus Zagreb überträgt. An den öffentlich- rechtlichen Medien ging das Ereignis offenbar am Rande vorbei. Wenigstens schaute Timo Boll gestern aus vielen Zeitungen: Wieder ein deutscher Star nach Eberhard Schöler und dem Doppel Roßkopf/Fetzner. Doch der ,,Held von Zagreb'', so hat ihn die Deutsche Presse-Agentur bezeichnet, scheint bisher ein Star ohne Fans zu sein, wie Tischtennis- Experten aus unserer Region bestätigten.
Beckers Wimbledon-Triumph, der EM-Titel im Basketball: Zumindest kurzfristig haben diese unerwarteten Erfolge deutscher Sportler ihrer Disziplin Aufwind verliehen. Und jetzt Timo Boll? Gespannt ging gestern abend Siegfried Zettner zum Training mit seinen Jugendlichen bei der TS Marktredwitz-Dörflas: ,,Ich frag' mal, wer am Sonntag das Endspiel gesehen hat.'' Zettner glaubte die Antwort auf seine Frage schon vorher zu wissen: ,,Weniger als die Hälfte, vermute ich.'' Der Nachwuchs, er kümmere sich nur im die eigene Mannschaft, nicht mal um andere im Verein, hat der Marktredwitzer erfahren, der als Rentner viel Freizeit in den Aufbau der Nachwuchses investiert.
,,Einige wenige sitzen sicher ganz fasziniert vor dem Bilschirm während einer internationalen Meisterschaft. Aber die ganz große Wirkung hat Tischtennis nicht'', ist Zettner überzeugt. Er weiß auch warum: ,,Viele Trendsportarten haben Tischtennis ziemlich auf die Seite geschoben.'' Wenn Erfolge ihre Wirkung haben, dann höchstens am Ort, aber kaum darüber hinaus.
Mehr aufs Grundsätzliche hebt Siegfried Schirner ab, der beim TTC Rugendorf seit vielen Jahren hervorragende Arbeit mit dem Tischtennis-Nachwuchs geleistet hat. Grundsätzliches zur Sportart: ,,Wer ist denn von unserem Nachwuchs nach Bayreuth gefahren, wenn dort Tischtennis-Bundesliga gespielt wurde?'' Grundsätzliches zum Medien-Sport Tischtennis: ,,Das Fernsehen sendet zu wenig. Gerade mal Eurosport überträgt.''
,,Bumm, und aus ist der Ballwechsel''
- Günter Fuhrmann
Warum das so ist, dafür hat einer eine Erklärung, der seit über 15 Jahren in Oberliga- und Bayernligamannschaften unseres Raumes spielt: der Weißenstädter Günter Fuhrmann. ,,Warum soll sich denn jemand für die Spiele bei der Europameisterschaft begeistern? Da macht einer einen verdrehten Aufschlag. Wenn ihn der Gegner überhaupt erwischt, dann macht's anschließend Bumm, und aus ist der Ballwechsel.'' Also liegt's an der Sportart selbst und an ihren Regeln, dass trotz eines Europameisters die Faszination begrenzt bleibt. ,,Durch die kurzen Sätze ist jeder Ballwechsel ein kleiner Krimi und jeder Satz ein Nervenkrieg. Finden Sie mal Jugendliche, die sich dem noch stellen - und einem Training, das sicher relativ stupide ist.''
Günter Fuhrmann blickt in sein Umfeld beim Oberligisten TTC Creußen, der derzeit Oberfrankens höchstrangiger Vertreter ist. ,,Wenn sich jüngere Spieler für Timo Boll besonders interessieren oder gar von ihm fasziniert sind, dann Leute, die schon um die 18 Jahre alt sind. Aber an den ganz Jungen geht so eine Sache vorbei.'' Mit einer Ausnahme: Den Aufstieg von Bastian Steger, der in Regensburg das Spiel erlernt hat und der nun im deutschen EM-Team in Zagreb stand, verfolgen schon viele, die ihn persönlich kannten - eben in der Verbindung: sportlicher Erfolg - persönliche Bekanntschaft.
Günter Fuhrmann wäre nicht Günter Fuhrmann, würde er den Jugendlichen nicht beim Thema Steger ein Späßchen mitgeben: ,,Gegen den hab' ich eine ausgeglichene Bilanz: 1:1.'' Hinter vorgehaltener Hand gesteht er dann: ,,Ich muss denen ja nicht auf die Nase binden, dass der noch unter 14 Jahre alt war, als ich einmal gegen ihn gewonnen habe.''
Die Zukunft des Sports, den er immer noch liebt, sieht Fuhrmann keineswegs rosig. In seiner Creußener Mannschaft stehen gerade mal zwei Spieler unter 30. Und er, der Abwehrstratege, einer der letzten dieser Zunft, sieht, was hinter dem Erfolg steckt: ,,Du brauchst nicht lange, bis der Ball regelmäßig übers Netz geht. Aber Du musst lang und stur trainieren, bis auch in höheren Klassen die Sicherheit da ist.'' Da könnte ein Europameister aus Deutschland noch so motivieren - praktische Gründe sprechen dagegen, dass Timo Boll auch nur einen Hauch von Tischtennis-Boom auslöst.
,,Wenn Nachmittage lang Tischtennis übertragen würde..''
- Reiner Achmann
Skeptisch gibt sich auch Reiner Achmann, der in Schwarzenbach an der Saale seit vielen Jahren gute Jugendmannschaften aufbaut. Natürlich hat er sich mit seinem Sohn, der ihn sportlich schon überholt hat, das Finale angesehen. Aber der Vater gesteht: ,,Vorher hab' ich Boll noch nicht spielen sehen.'' Das Fernsehen bringe einfach zu wenig Tischtennis: ,,Wenn mehrere Nachmittage lang übertragen würde wie beim Tennis, dann gäbe es vielleicht auch einen Nachahmeffekt für den Nachwuchs.''
Achmann versteht aber, dass stundenlange Übertragungen eine Untopie sein dürften und erinnert sich ans Damenfinale bei der EM in Zagreb. Dort siegte eine für Luxemburg startende Chinesin, die ihre Gegnerin mit einem schwer auszurechnenden Belag zu einfachen Fehlern zwang. Der Sport generell sei zwar gelegentlich schon attraktiver als solche Spiele - aber die Leistung eben via Fernsehen nur schwer an den Mann zu bringen. Bleibt Reiner Achmann nur eine vage Hoffnung: ,,Wenn der Timo Boll auch gegen die Chinesen besteht - vielleicht kann er dann etwas bewegen.''
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