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Russische Literatur zwischen Romantik, Realismus und Moderne
Ach ja, der gute alte Fjodor Dostojewski hat sich ja recht häufig um eine umfassende psychologische Durchdringung seiner Charaktere bemüht. Neben den Protagonisten in ´die Brüder Karamasov´ ist ihm dies in meinen Augen vor allem in ´Schuld und Sühne´ und bei Fürst Myschkin (der Hauptfigur in ´Der Idiot`) am besten gelungen.
´Schuld u. Sühne´ ist zudem von all seinen grossen epischen Romanen der eingängigste und durch seine Handlung und Nähe zum Kriminalroman (was in diesem Fall keineswegs abwertend zu verstehen ist) auch derjenige mit den grössten Spannungselementen.
Zum Einstieg in das Werk Dostojewskis ebenso zu empfehlen: die 'kleineren' Romane ´Der Doppelgänger´, ´Der Spieler´ (s.o) und ein Auszug aus den Brüdern Karamasov: die von Max bereits angesprochene ´Legende vom Großinquisitor´gibt's als Reclam-Heft Nr. 6256 in der Übersetzung von Hermann Röhl.
Um noch ein wenig bei den Russen zu bleiben:
Als wichtiger Vorläufer von Dostojewski, Tolstoi (`Krieg u. Frieden`, `Die Macht der Finsternis`) , Gogol (`Die toten Seelen`), Turgenjew (`Väter u. Söhne`) und anderen bedeutenden russischen Autoren des Realismus u. der Moderne gilt Michail Lermontows `Ein Held unserer Zeit`. Hier wird der tragische Held Petschorin in fünf inhaltlich zusammenhängenden Novellen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet; nach und nach erschliesst sich so dem Leser erst sein ganzes (komplexes) Wesen. - Ein Kunstgriff, wie ihn im Film knapp 100 Jahre später auch Orson Welles bei seinem Debut ´Citizen Kane`angewandt hat.
Lermontow - zusammen mit Alexander Puschkin der bedeutendste russische Dichter der Romantik - starb übrigens bereits im Alter von 26 Jahren in einem Duell (auch hier die Parallelen zu Puschkins Tod), wie er es im Laufe seines Lebens mehrfach ausgetragen hatte ; in diesem letzten schoss er angeblich absichtlich in die Luft.... `Müdigkeit der Seele`, Lebensüberdruss und Todessehnsucht tauchen neben gesellschaftskritischen Zügen auch in seiner bedeutenden Lyrik auf (`Der Dämon`, `Smert poeta´ (der Tod des Dichters)).
Ein weiterer grosser russischer Roman aus dem 19. Jahrhundert:
Michail Saltykov: `Die Herren Golowlew` aus dem Jahre 1880.
Als Familienchronik angelegt, wird hier der moralische, sittliche, geistige und physische Verfall innerhalb dreier Generationen einer kleinadeligen Gutsbesitzerfamilie bereits wesentlich zwingender und schonungloser auf hohem formalen Niveau dargestellt, als dies beispielsweise Jahre später Thomas Mann mit seinem ´Buddenbrooks´ gelungen ist.
Ein Auszug dazu aus Kindlers Literaturlexikon:
" Der erste und einzige Roman des russischen Satirikers Saltikow gilt als eines der markantesten Werke des russischen kritischen Realismus. In ihm wird erstmals die Geschichte der Leibeigenschaft und des Untergangs des russischen Landadels in ihren ökonomischen, gesellschaftlichen und geistigen Zusammenhängen gesehen, analysiert und ohne idyllische Beschönigung bis ins Detail künstlerisch plastisch dargestellt. Der renommierte russische Kritiker D. Mirskij nennt den Roman, der Tolstois u. Turgenjews zweitgenössische Darstellungen teilweise entscheidend korrigiert, das ´düsterste Buch in der russischen Literatur, und dies umso mehr, als diese düstere Wirkung auf die einfachste Weise ohne theatralische oder aufsehenerregende Mittel erreicht wird...`.
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Alle Wege münden in schwarze Verwesung.... .. (Georg Trakl)
Geändert von Rieslingrübe (18.09.2006 um 16:11 Uhr)
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