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Alt 22.04.2002, 10:21
Manfred Grab Manfred Grab ist offline
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Tief im Osten, wo die Sonne aufgeht


In Eilenburg bei Leipzig feiert der TTC Wehr den größten Erfolg seiner Vereinsgeschichte

Tief im Osten, wo die Sonne aufgeht. Dort, 20 Kilometer östlich von Leipzig, liegt ein Städtchen namens Eilenburg, wo der TTC Wehr den bisher größten Erfolg seiner Vereinsgeschichte verwirklichte: den Meistertitel in der Regionalliga und (hoffentlich) den damit verbundenen Aufstieg in die Zweite Bundesliga.
Manche fahren 300 Kilometer, um am Ufer des Lago Maggiore in der Sonne zu aalen. Andere wiederum fahren über 700 Kilometer in Bus oder Auto, um den Sachsen zu zeigen, wie man Tischtennis spielt. Wer diese Mühen auf sich nimmt? Neben den Spielern echte Fans des TTC Wehr, die sich einfach einen kleinen Wochenend-Ausflüg gönnen wollen. Mit Tischtennis und ein bisschen Kultur. Esskultur - in Form einer echt sächsischen Pizza.
Nach sieben Stunden Fahrt von Wehr erreichen die "Tischtennis-Verrückten" das Sachsenland. Irgendwo zwischen Weltewitz und Delitzsch dann das magische Ortsschild: Eilenburg. Kurz fotografiert als Beweis dafür, dass man wirklich dort war, wo wenige Stunden später die badische Sprache das Sächsische übertönt hat.
Eilenburg selbst ist gefunden. Fast eine Stunde vergeht, bis die altehrwürdige Tischtennis-Halle geortet worden ist. Begeisterung kommt da nicht auf. "Da ist die Wehrer Seebodenhalle der Himmel auf Erden", ist zu hören.
In der Tat: In Tischtennis-Kreisen ist die Halle von Eilenburg berühmt-berüchtigt. Berühmt als Tischtennis-Mekka Sachsens, weil dort die besten Tischtennis-Spieler aus den osteuropäischen Ländern vom österreichischen Manager Alberto Ammann auf Vordermann gebracht werden. Berüchtigt, weil dort die Gegner der Einheimischen meistens ihre Punkte lassen müssen. Und das ganz ohne Komfort: Die Halle untermauert nämlich sämtliche Vorurteile, die ein "Wessie" gegenüber "Ossie-Land" auch nur haben kann. "Schau Dir einmal die Duschen an und das Klo." "Ist doch egal. Wir sind zum Tischtennisspielen da." So die ersten Kommentare angesichts sanitärer Anlagen, die zwar nicht dreckig, aber auch kaum zeitgemäß sind. Nicht wirklich. Fast wie in der Nachkriegszeit im - ach so modernen - Westen.
Erholt vom ersten Schock gehen die Wehrer Aktiven erst einmal an ihre Hausaufgaben: Schläger werden geklebt, Beine massiert, viele Lockerungsübungen gemacht.
Beim Einspielen geht es dann bereits zur Sache. Ein verstohlener Blick hinüber zum Gegner, der am Tisch nebenan die Bälle über das Netz zaubert. Pünktlich um 17.30 Uhr ist die Halle voller Fans. Zehn oder zwölf Wehrer Anhänger sehen sich der geballten Übermacht von über 150 Sachsen gegenüber. Die Atmosphäre bleibt den ganzen Abend lang friedlich und fair.
Alberto Ammann, schwergewichtiger Tischtennis-König von Sachsen, begrüßt Gäste und Zuschauer. "Wir fangen an" sagt er und seine Jungs gehorchen.
Überhaupt hat sich Ammann für diesen Tischtennis-Abend, an dem an den Platten Weltklasse-Niveau geboten wird, einen richtigen "Schlachtplan" ausgeheckt. Schon nach den Doppeln, als die Gäste in Führung liegen, ist alles über den Haufen geworfen. "Da war schon alles entscheiden" wettert Ammann nachher.
Als dann aber die Gastgeber nach zwei Siegen in der Spitze vorn liegen, tobt das heimische Publikum. In der flachen Wellblech-Halle rumort es gewaltig. Jeder Punktgewinn wird frenetisch beklatscht. Thomas Kohler, Sportwart des TTC Wehr, hält es nicht mehr auf seinem Sitz. Er wackelt unruhig rund um die Halle, auch bei den anderen Wehrern steigt der Adrenalinpegel beachtlich.
Dann punktet aber die Wehrer Mitte und das Schlusspaar. Ein Wechselbad der Gefühle - alles sieht wieder rosig aus. "Jetzt gewinnen wir. Das lassen sich die Jungs nicht mehr wegnehmen", feuert Thomas Kohler sein Team an.
Eilenburgs Manager schnappt derweil frische Luft. Er glaubt nicht mehr an den Sieg, hat die Sache abgehakt. Ammann drückt sich in eine Ecke, holt sein Handy aus der Tasche. Da werden doch nicht schon die ersten Neuverpflichtungen für die kommende Saison realisiert, weil die Jungs da drinnen in der Halle jämmerlich versagt haben?
Nach vier Stunden steht der Wehrer Triumph definitiv fest. "Wer wird Meister, nur der TTC" tönt es aus dem Umkleideraum der Gäste. Es ist vollbracht. Dank einer großartigen Mannschaftsleistung, in der vor allem die "alten" Wehrer Manfred Grab und Gerd Schönle über sich hinausgewachsen sind.
Und danach? Zugegeben: Die Nacht wird in Sachsen nicht zum Tag gemacht. Dazu sind alle - Spieler und Fans - nach den Strapazen auch zu müde. Langsam geht der laute Jubel in stille Freude über. Nach einem Essen muss der lange Heimweg durch die Nacht angetreten werden.
Am frühen Sonntagmorgen erreichen die Wochenend-Ausflügler wieder die Heimat. Als Meister. Die Kirchenglocken läuten. Keine Angst: Reiner Zufall.
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