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Alt 26.10.2006, 09:43
charlies charlies ist offline
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AW: Die Vorzüge der Sportart Tischtennis

Ein interessanter Artikel zu diesem Thema aus der New York Times:

Bringt Tennis auf den Tisch!
Von JESSE SCACCIA
Veröffentlicht am 2. September 2006 Übersetzung Hans Gieseke

Während die US Open diese Woche fortgesetzt werden, sind alle Augen auf Andre Agassi gerichtet, der im reifen Alter von 36 bekannt gegeben hat, dass er zum letzten Angriff im Wettkampftennis antreten wird.

Aber was ist mit diesem anderen Tennisspiel? Sie wissen schon: jenes, das auf einem Tisch gespielt wird und zufällig, nach Angaben des IOC , die Sportart mit den höchsten Teilnehmerzahlen auf der ganzen Welt.

In den Vereinigten Staaten nennen wir es Ping-Pong und verbannen es auf den Dachboden oder in den Keller. Aber was die meisten von uns nicht wissen: Weltweit betreiben Hunderte Millionen Menschen Tischtennis als Freizeit- und 40 Millionen als Wettkampfsport. Das bedeutet, dass letztes Jahr mehr Leute an einem Tischtennisturnier teilnahmen als im Staat Kalifornien leben. Für ein Spiel, das als Ablenkung für Mönche im Frankreich des elften Jahrhunderts begann - mit einem Haarball und selbstgemachten Lederhandschuhen - ist das schon eine ganze Menge Pong.

Also warum ist das Amerika gleichgültig? Warum feuern wir lebende internationale Tischtennislegenden wie Werner Schlager aus Österreich und Timo Boll aus Deutschland nicht mit der gleichen Begeisterung an, die wir z. B. für Maria Sharapova vorhalten? Zugegeben, kein besonders gutes Beispiel, aber Sie wissen, was ich meine.

Die Antwort ist einfach. Tischtennis ist die unamerikanischste der amerikanischen Sportarten.

Zum einen kennt Tischtennis weder Alter noch Figur. Wir bewundern unsere Athleten als die blitzschnellen, übernatürlich starken Spitzen der menschlichen Entwicklung. Im Tischtennis geht es um Handschnelligkeit. Es geht darum, wie schnell Sie Ihre Füße von einem Ende des Tisches zum anderen schieben können. Größe und Geburtsdatum spielen im Tischtennis keine Rolle. Bei den letzten Nationalen US-Meisterschaften habe ich einen großen Mann mittleren Alters gegen ein kleines Mädchen in einem offiziellen Wettkampf spielen sehen. Und es tut mir leid, es dir sagen zu müssen, Andre, aber der amtierende amerikanische Meister der Herren ist 38 Jahre alt. Das Problem ist natürlich, dass man in Amerika das Gesicht eines 38-Jährigen nicht auf eine Reklametafel oder Müslipackung setzen kann.

Tischtennis kennt auch keine Gewalt. Es gibt keine halsbrecherischen Zusammenstöße, keine Chance, dass ein Mensch in Flammen aufgeht. Die einzigen Sport-" Witwen" im Tischtennis sind diejenigen, die ihre Ehemänner jede Woche an die Tischtennishalle verlieren. Die größten Zusammenstöße passieren zwischen einem mit 112 km/h fliegenden, 40 Millimeter großen Zelluloidball und einem Belag aus zusammengepresstem Schwamm und Gummi. Nein, wenn Tischtennis in jedem Spiel Kommentatoren hätte, würden diese keine Metaphern benutzen, die Tischtennis in Verbindung mit Schlachtfeldern oder kriegsähnlichen Aktivitäten bringen. Tischtennis ist mehr Zen als Blutspurt, und wir alle wissen, wie gern Amerikaner Blut sehen.

Außerdem gibt es - zumindest soweit wir wissen - keine Drogen im Tischtennis. . Jeder amerikanische Sport, der das Eintrittsgeld wert ist, hat ein Drogenproblem. Nach Aussagen des TT-Turnierdirektors für Nordamerika ist Tischtennis, zum Nachteil seiner Popularität, in dieser Hinsicht ein blitzsauberer Sport.

Tischtennis kann Sie auch Ihr ganzes Leben fit und aktiv halten. Wir Amerikaner bevorzugen Sportarten wie Football und Baseball, die wir an dem Tag aufgeben, an dem wir die Highschool abschließen. Was den meisten Menschen nicht klar ist: Tischtennis, wenn es richtig gespielt wird, bringt einen ins Schwitzen - und zwar tüchtig. Ran Joseph, ein professioneller Bodybuilder, nutzt Tischtennis als wesentliches Mittel zum Konditionstraining.

Tischtennis kann sogar helfen, Ihr Gehirn fit zu halten. In seinem Buch „Making a Good Brain Great", argumentiert Daniel G. Amen, dass Tischtennisspielen die Gehirntätigkeit steigern kann.

Und dann ist da die Frage des Geldes. Es gibt keine Million-Dollar-Preisgelder. Es gibt nur wenige kommerziell unterstützte Spieler in Amerika und sie bekommen nicht viel mehr als jedes Jahr ein Paar Shorts und einige Schläger. Welche geistig gesunden amerikanischen Eltern würden ihre Kinder zu einem Sport bringen, der sie nicht reich machen kann?

Im nächsten Monat wird es in den Hallen quer durch Amerika ernsthafte Tischtennis Turniere geben. Kamerateams wird man vergeblich suchen. Auch wird dort kaum eine Chance bestehen, dass ein Athlet absichtlich seinen Schläger über dem Knie zerbricht, wie einst Dmitry Tursunov in einem Tennisspiel. Sollte der durchschnittliche Hobbyspieler aus seinem Keller auftauchen, um mitzuspielen in der Erwartung, das Spiel zu dominieren, wird er verlieren - und wahrscheinlich grausam.

Aber die Amerikaner sollten sich ernsthaft überlegen, den Fernseher auszuschalten und so der Versuchung zu widerstehen, den millionenschweren Athleten zuzuschauen, wie sie in den nächsten paar Tagen über die Courts von Flushing Meadows tänzeln werden. Tatsächlich sollten sie etwas tun, um sich selbst ins Schwitzen zu bringen und helfen, dass Tischtennis akzeptiert wird in dem Land, in dem es ignoriert wird.


Jesse Scaccia ist Koproduzent eines Dokumentarfilms über einen amerikanischen Tischtennisspieler.
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