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Alt 14.12.2006, 18:32
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Carstens_Brüderchen Carstens_Brüderchen ist offline
Isch hol glei mein Bruda!
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AW: an die jungs: was seid ihr gemustert worden?

Zitat:
Zitat von sunshiner Beitrag anzeigen
Deswegen bin ich seit September Zivi. Auch hier lernt man mit vielen unterschiedlichen Charakteren auszukommen.
Das wollte ich auch nicht in Abrede stellen. Als Zivildienstleistender hat man meistens ebenfalls viele zwischenmenschliche Situationen zu bewältigen.

Allerdings bist Du dort im seltensten Fall mit fünf Leuten innerhalb eines Zimmers zusammengepfercht und dazu gezwungen, mit diesen über Monate innerhalb einer Form von Zwangs-WG klarzukommen.

Meines Erachtens ist es schon ein großer Unterschied, ob ich am Abend nach Hause fahren und ein "normales" Privatleben führen kann oder ob ich mich spätestens um 22.00 Uhr in meinem Bett einzufinden und zu pennen habe, ob ich müde bin oder nicht. Und das mit fünf Mann im gleichen Zimmer, wobei mindestens vier davon regelmäßig derart schnarchen, dass eine Nacht schon reicht, um den gesamten Böhmischen Wald wegzusägen.

Dafür hat man als Zivi - je nach Art der Tätigkeit - auch hohe persönliche Verantwortlichkeiten, die entsprechende Aufmerksamkeit fordern. Im Kranken- und Altenpflegedienst beispielsweise begegnen einem immer wieder schwere Schicksale und Situationen, in denen menschliche Güte gefordert ist und in denen man sich nur selten Fehler erlauben kann.

Die Tätigkeiten beim Bund und im Zivildienst unterscheiden sich größtenteils erheblich - klar. Ebenso unterschiedlich sind aber auch der Umgangston und das Miteinander.

Und beim Bund kannst Du dem weitaus schlechter entfliehen. Wenn Dir da einer in Deine Stiefel pinkelt, weil er gerade das Bedürfnis danach hatte, kannst Du natürlich zum Vorgesetzten rennen, und den Vorfall melden. Vorher solltest Du aber sehr genau abwägen, ob das die beste Alternative für die Zukunft ist.

Du wirst dem Wildpinkler wieder über den Weg laufen und hast dann vielleicht ein noch größeres Problem als vorübergehend feuchtwarme Stiefel. Und wenn der Bursche auch noch über eine passende Lobby verfügt, Du aber nicht, kannst Du davon ausgehen, dass Du fortan in der Gruppe einen schlechten Stand haben wirst, um es mal vornehm auszudrücken. Lediglich als "Mutti" verschrien zu sein, ist dann noch eher die gemilderte Form des weiteren Miteinanders.

Ob das alles gut ist oder einen besseren Menschen aus Dir macht, sei mal völlig dahingestellt. Wenn Du aber lernst, solche Situationen zu meistern, ohne schlagkräftige Argumente auszupacken und ohne rumzuflennen, kann es Dir passieren, dass Du etwas dabei lernst: Nämlich, dass die Welt nicht immer gerecht ist und nicht permanent jemand über Dich wacht. Und dass Du es durchaus selbst in der Hand hast, kritische oder ungerechte Situationen geschickt zu lösen.

Das lernt man nirgends so eindringlich, wie beim Bund. Vielleicht noch im Knast - aber da herrschen dann noch ganz andere Gesetze, nehme ich mal an.

Nicht, dass mich jemand falsch versteht: Ich habe allergrößten Respekt vor der Arbeit von Zivildienstleistenden, da diese Arbeit außerordentlich wichtig für die Gesellschaft ist. Und dass man auch dort ungerechten oder kritischen Situationen begegnet, dürfte ebenfalls klar sein.

Es ist aber dennoch ganz und gar anders.

Gruß

Olaf
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"Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, anderen Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen." George Orwell (1903-50), eigtl. Eric Arthur Blair, engl. Schriftsteller.
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