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Alt 19.12.2006, 15:52
Michael Knight Michael Knight ist offline
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AW: modernes Techniktraining??? Vorsicht: Trainingswissenschaft!!!

Zur "motor-action-controversy":

Die "klassische" Trainingswissenschaft betrachtet den Trainingsprozess im sinne des "motor-approach" als ein kybernetisches Regelsystem, welches sich in den entsprechenden Programmtheorien (closed-loop etc.) niederschlägt. Ohne jetzt weiter auf die einzelnen Kritikpunkte einzugehen (Speicherproblem, Neuigkeitsproblem etc.) zeichnen sich diese Ansätze duch die Annahme einer linearen Wechselwirkung von Trainingsinhalten und Lernergebnis aus. Dies findet seinen Niederschlag in den methodischen Reihen, die zumindest implizit davon ausgehen, dass die gleichen Übungen bei jedem Athleten zu zumindest ähnlichen Ergebnissen (Leistungssteigerungen) führen.

Die "neuere" Trainingswissenschaft betrachtet den Trainingsprozess eher ganzheitlich als eine komplexe Wechselwirkung zwischen Belastung, persönlichen Faktoren, Umwelteinflüssen usw. Da diese "chaotischen" Strukturen nicht bis ins letzte Detail aufzulösen sind, versucht man wie von der Synergetik postuliert - und auch auf den verschiedensten Gebieten (auch im Sport) nachgewiesen - sogenannte Selbstorganisationseffekte beim Athleten zu initiieren. Dass diesem Trainingsverständnis inhärente Problem ist jedoch, dass es eben nicht die Lösung für ein ausgewähltes Problem gibt. Das ist ja genau der Punkt, dass man versucht ein chaotisches System wie den Menschen sich selbst organisieren zu lassen. Dies verbietet natürlich starre Vorschriften und Regeln. Und damit sind konkrete Handreichungen, wie sie hier gefordert werden unmöglich. Wie gesagt, das ist keine Böswilligkeit oder liegt an einem unzureichenden Forschungsstand, sondern ist die zentrale Botschaft.

Modelle, die diese Vorstellungen aufgreifen sind (ohne Anspruch auf Volständigkeit):
  • "inzidenzielle Inkubation" (auch Straßenspielhypothese - brasillianische Straßenfußballer)
  • "implizites Lernen"
  • "Analogie-Lernen"
  • "differenzielles Lernen"
  • "Heidelberger Ballschule"
Diese Modelle mögen sich teilweise überschneiden, oder Hybridmodelle des motor-/action-approach sein. Es soll auch keine Einteilung der Modelle in "richtig" oder "falsch" erfolgen. Es sei lediglich darauf hingewiesen, dass die "klassiche" Trainingswissenschaft (vergleichbar der klassischen Newton'schen Physik im Vergleich zur relativistischen Physik nach Einstein, Heisenberg u.a.) nur einen Teilbereich des Trainingsprozesses abbildet und es insbesondere im angesächsschen Sprachraum eine andere, weitergehende Auffassung gibt, welche sich offenbar auch hierzulande immer mehr durchsetzt. Üblicherweise dauert ein Paradigmenwechsel jedoch 30-40 Jahre, eben die Schaffensperiode eines Professors, der sein Modell natürlich nicht fünf Jahre vor seiner Emeretierung verwirft.


Mitch Buccannon
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