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Alt 31.12.2006, 14:56
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Carstens_Brüderchen Carstens_Brüderchen ist offline
Isch hol glei mein Bruda!
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AW: SADDAM hängt!

Ich muss gestehen, dass ich den Fall Hussein sehr zwiegespalten betrachte.

Im Grundsatz bin ich kategorisch gegen die Todesstrafe.

Lebenslängliches Wegsperren unter womöglich menschenunwürdigen Verhältnissen (um es als tatsächliche Bestrafung auch fühlbar für den Delinquenten zu machen...) erachte ich ebenfalls als nicht human. Da könnte man dann wieder anfangen, über die Verhältnisse in deutschen Haftanstalten zu diskutieren - von mexikanischen, russischen oder verschiedenen asiatischen ganz zu schweigen...da dürfte es vielen Menschen deutlich schlechter gehen, als es ein Saddam Hussein je am eigenen Leib erfahren musste.

Was ist mit einem Tito, einem Mussolini, einem Pinochet, einem Hitler...?

Nehmen wir Hitler und fragen uns, was "gerecht" gewesen wäre, wenn er statt erfolgreich den Freitod zu wählen als Gefangener der Alliierten an den Pranger gestellt worden wäre. Wäre der Tod, den er ja offensichtlich als "kleineres Übel" selbst vorzog, die gerechte Strafe gewesen? Vermutlich kaum. Doch was könnte man so einem Menschen antun, damit eine Strafe "gerecht" wäre? Das erschließt sich wohl nicht unserem Denken, das mittlerweile innerhalb von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Christlichem Glauben andere Konsequenzen vorschreibt. In solchen Fällen kann man nur hoffen, dass es einen gerechten Gott gibt. Wobei man sich im Umkehrschluss wieder fragen könnte, wie ein "gerechter Gott" den Massenmord an ganzen Völkern überhaupt zulassen kann...wie man es auch dreht - man bewegt sich dann doch im Kreis.

Nun zur politischen Betrachtung: Was wäre gewesen, wenn ein Adolf Hitler noch Jahrzehnte im Gefängnis gesessen hätte? Wäre er vielleicht für viele Menschen ein Hoffnungsschimmer brauner Gesinnung geblieben? Als Ikone eines zwar zunächst besiegt geglaubten, aber selbst nach Jahrzehnten noch durch ehemalige SS-Offiziere im Verborgenen weiter betriebenen Gedankenguts. Wer die Geschichte von Rudolf Heß kennt, der kann vielleicht grob erahnen, was ein Adolf Hitler in vielleicht 56 Jahren Haft für Wellen geschlagen hätte...

Ähnlich betrachte ich die Signalwirkung eines inhaftierten Saddam Hussein. Es wird zwar in den Medien davon gesprochen, dass das Todesurteil für nachhaltige Konflikte im Irak und im gesamten Nahen Osten verantwortlich sein werde, jedoch nehme ich - ganz persönlich - an, dass ein als Märtyrer in Haft befindlicher Hussein auf lange Frist die Unruhe um seine Person, seine politischen Ziele und islamistisches (nicht zu verwechseln mit dem generell friedlichen muslimischen) Gedankengut mit deutlich nachhaltigeren Auswirkungen angefacht hätte. Blinde Gefolgsleute hätten sich von der Hoffnung genährt, diesen Mann irgendwann wieder in Freiheit zu sehen. Das ist definitiv Geschichte.

Dass damit das Kapitel menschenverachtender Ideologien und Gesellschaften nicht ausgerottet wurde, ist klar. Zumindest ist aber eine der Galionsfiguren solch diktatorischer Grausamkeiten von der Bildfläche verschwunden, ohne noch weiter seine Kampfparolen an verpeilte Anhänger weiterreichen zu können. Vielleicht ist das der einzig zählbare Erfolg, den man diesem Todesurteil abgewinnen kann. Doch wir wissen nicht, wer morgen in seine Fußstapfen tritt! Ein Blick in den Iran zeigt, dass Regierungsnachfolger nicht zwangsläufig besser für den Weltfrieden sein müssen.

Aber das ist und bleibt der Gang der Dinge...! Despotische (Ver-)Führer sind in der gesamten Menschheitsgeschichte immer wieder nachgewachsen. Und diese Saat wird immer wieder irgendwann irgendwo aufgehen, so lange es gesellschaftliche, politische oder religiöse Unterschiede gibt.

In diesem Sinne sollten wir auch weiterhin stets die Augen und die Ohren offenhalten!

Gruß

Olaf
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"Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, anderen Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen." George Orwell (1903-50), eigtl. Eric Arthur Blair, engl. Schriftsteller.
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