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Zitat von TT-Noob
A Farewell to Arms (In einem andern Land)
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...nach dem Nobelpreisträger Hemingway und dem skandalöserweise chronisch übergangenen Graham Greene, nun einige denkwürdige Worte in unserer Muttersprache. - Aus dem Munde eines Dichters und Denkers, den der Anruf aus Stockholm seinerzeit völlig zu Recht ereilte...
" Das Nützliche wäre nicht so gefährlich, wenn es nicht so verläßlich nützlich wäre. Es müßte sehr oft aussetzen. Es müßte unberechenbar bleiben, wie etwas Lebendes. Es müßte sich öfter und heftiger gegen einen wenden . Am Nützlichsten haben sich die Menschen zu Göttern ernannt, obschon sie noch sterben müssen. Über diese ihre lächerliche Schwäche täuscht sie die Macht über das Nützliche hinweg. So werden sie in ihrer Einbildung immer schwächer. Das Nützliche vermehrt sich, aber die Menschen sterben wie die Fliegen.
Wäre das Nützliche seltener nützlich; gäbe es keine Möglichkeit, genau zu berechnen, wann es bestimmt nützlich sein werde und wann bestimmt nicht; hätte es Sprünge, Willkür und Laune, so wäre niemand sein Sklave geworden. Man hätte mehr gedacht, man hätte sich auf mehr vorgereitet, man wäre auf mehr gefasst.
Die Linien vom Tod her zum Tod wären nicht verwischt, wir wären ihm nicht blind verfallen. Er könnte uns nicht mitten in unserer Sicherheit verhöhnen...
Selbst die rationalen Folgen einer Welt ohne Tod sind nie zu Ende gedacht worden. Es ist nicht abzusehen, was die Menschen zu glauben imstande sein werden, sobald sie einmal den Tod aus der Welt geschafft haben.
Zwischen zwei entgegengesetzten Grund-Urteilen über die Menschen bewegt sich heute alles, was in der Welt geschieht:
1. Jeder ist für den Tod noch immer zu gut.
2. Jeder ist für den Tod gerade gut genug.
Zwischen diesen beiden Meinungen gibt es keine Versöhnung. Eine oder die andere wird siegen. Es ist keineswegs ausgemacht, welche siegen wird.
(....)
Wieder, es ist nun das zweite oder dritte Mal, habe ich an den Tod als an eine Erlösung gedacht. Ich fürchte, daß ich mich noch sehr verändern könnte. Vielleicht werde ich bald zu seinen Lobpreisern gehören, zu denen, die dann Zeit ihres Greisenalters zu ihm beten.
So will ich hier ein für allemal festsetzen, daß jene zweite künftige Periode meines Lebens, falls sie eintreten sollte, keine Gültigkeit hat. Ich will nicht da gewesen sein, um dann aufzuheben, wofür ich da war.
Man behandle mich wie zwei Menschen, einen starken, einen schwachen; und auf die Stimme des starken höre man, denn der schwache wird niemand helfen. Ich will nicht, daß die greisen Worte des einen die des Jungen zunichte machen. Lieber will ich in der Mitte abgebrochen sein. Lieber will ich nur halb so lange reichen....
Ich bin erst vierzig; aber es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht vom Tode eines Menschen erfahre, den ich gekannt habe. Mit den Jahren werden ihrer täglich mehr sein. Der Tod wird bis in die einzelnen Stunden kriechen. Wie soll man ihm schließlich nicht verfallen!
Ich werde immer wenige Menschen besitzen, damit ich ihren Verlust nie verschmerzen kann.
Es wird gesagt, daß der Tod vielen als Erlösung kommt, und schwerlich gibt es einen Menschen, der ihn sich manchmal nicht gewünscht hat. Er ist das oberste Symbol des Mißlingens: wem Großes mißlingt, der tröstet sich damit, daß noch mehr mißlingen kann, und er greift nach jenem ungeheuren dunklen Mantel, der alles gleichmäßig bedeckt. Wäre aber der Tod gar nicht da, so könnte einem nichts wirklich mißlingen; in immer neuen Versuchen könnte man Schwächen, Unzulänglichkeiten und Sünden wiedergutmachen. Die unbegrenzte Zeit gäbe einem unbegrenzten Mut.
Von früh auf wird einem eingeimpft, daß alles zu Ende geht, hier zumindest, in dieser bekannten Welt. Grenzen und Enge überall, und bald eine letzte, peinlich häßliche Enge, deren Erweiterung nicht von einem selber abhängt. In diese Enge blickt jeder; was immer dahinter kommen mag, sie gilt als unvermeidlich; es hat sich jeder zu beugen, unabhängig von Vorhaben und Verdienst.
Eine Seele mag so weit sein wie sie will: sie wird zusammen gepresst werden, bis sie erstickt, zu einem Zeitpunkt, den sie nicht selber bestimmt. Wer ihn bestimmt, das ist die Sache der zufällig herrschenden Meinung und nicht der einzelnen Seele selbst. Die Sklaverei des Todes ist der Kern aller Sklaverei, und wenn diese Sklaverei nicht anerkannt wäre, könnte niemand sie sich wünschen...
Den Tod immerzu fühlen, ohne eine der tröstlichen Religionen zu teilen, welches Wagnis, welches furchtbare Wagnis!
Den Tod will ich erst, den Tod will ich furchtbar, und dort am furchtbarsten, wo nur noch das Nichts zu fürchten ist..."
Die zitierten Stellen sind Teil umfangreicher Aufzeichnungen des Autors und wurden erstmals in den 70er Jahren veröffentlicht - ihre Entstehungszeit geht jedoch teilweise bis in die 40er Jahre zurück.
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Alle Wege münden in schwarze Verwesung.... .. (Georg Trakl)
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