Einzelnen Beitrag anzeigen
  #1  
Alt 25.01.2007, 18:06
Günter Weber Günter Weber ist offline
registrierter Besucher
Junior-Forenmitglied
 
Registriert seit: 18.01.2007
Ort: Neuss-Reuschenberg
Beiträge: 13
Günter Weber ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt (Renommeepunkte ungefähr beim Startwert +20)
Warum beim Punktspiel nicht alle Spiele ausspielen?

50 Tischtennis-Jahre brauchte ich, um zu artikulieren, was seit Jahr(zehnt)en Unverständnis in mir wachruft: Warum werden TT-Spiele abgebrochen, wenn der Sieger feststeht?

Diese Frage wirft gleich schon die erste Kardinalsfrage auf: Spielen wir denn Tischtennis nur, um zu siegen? Opfere ich den Samstag Abend nur deshalb und deshalb nur so lange, bis feststeht, ob Himmighofen oder Montabaur gewonnen hat?

Der Vater dieser Regel würde mir – wenn er denn noch lebte – vorhalten, was zwar die eingangs gestellte Frage nicht beantworten, aber immerhin ein – das einzige! – Pro-Indiz liefern würde: Weil es uninteressant ist, ein Spiel fortzusetzen, dessen Sieger feststeht.

Zunächst: Warum werden im Tennis die Daviscup-Matches auch dann noch bis zu Ende gespielt, wenn der Sieger bereits vorher ermittelt wurde? Weil es an Betrug grenzen würde, wenn Zuschauer, die für zwei Tage und fünf Matches Eintritt bezahlt haben, nur drei Spiele zu sehen bekommen. Grenzt es denn weniger an Betrug, wenn TT-Zuschauer in der Bundesliga die Eintrittskarte gekauft haben in der Hoffnung, zwölf Weltklassespiele sehen zu können, dann aber beim Einbrechen einer Mannschaft und einem 1:6 Ergebnis bereits nach sieben Spielen nach Hause geschickt werden?

Als vor hundert Jahren die Mannschaften noch taktisch aufgestellt werden konnten, weil es also noch keine Spieler-Punkte-Wertung gab, mag das Weiterspielen nach dem Feststehen eines Siegers weniger (aber immer noch nicht un-)interessant gewesen sein. Heute aber würde doch jedes Brett 3 oder 4 in der Bundesliga oder jedes Brett 4,5 oder 6 in den übrigen Klassen auch nach Feststehen eines Siegers gerne die noch offene Partie durchspielen, weil er doch nicht – und damit beantworte ich die eingangs gestellte Frage – nur wegen des Siegens in die Halle gekommen ist, sondern um Tischtennis zu spielen (wobei die Aussicht auf das Siegen lediglich der Motivations-Schmierstoff ist). Mit was also ist zu rechtfertigen, daß in der Bundesliga bei mit 6:2 ausgehenden Spielen die beiden Spitzenspieler zweimal an die Platte dürfen, Brett 3 und Brett 4 nur einmal? Möglichweise haben die Stars im vorderen Paarkreuz alle Spiele verloren, Brett 3 und 4 aber gewonnen, sind also heiß auf die nächsten Spiele, werden aber nach Hause geschickt, weil ihre Spitzenbretter versagten.

Wieso sollen also die nach Feststehen eines Siegers ausstehenden Spiele keine Bedeutung mehr haben? Die dann noch erzielten Ergebnisse spielen beim Spielverhältnis durchaus eine Rolle, (denn ein 6:4 ist ein anderes Ergebnis als ein 6:2) und vor allem bei der Einzel-Rangliste, die ja schließlich über die Aufstellung entscheidet.

Wer nun sagt „Niemand hindert die Spieler beider Mannschaften, die ausstehenden Begegnungen noch auszutragen“, übersieht, daß dann aber das oben genannte Motivations-Schmiermittel fehlt: Nämlich die Chance, Ranglisten-Punkte zu erwerben, Punkte für die Vereinsrangliste, Punkte für die Gesamtrangliste der Klasse, Punkte für die Verbandsrangliste.

Und da wir schon einmal bei der Einstufung innerhalb der Mannschaft sind: Reicht es denn nicht, daß mit der o,6-Regel ein starkes Element eingeführt wurde zur Stabilisierung der Mannschaftsaufstellung - aber in Verbindung mit der Spielabbruch-Regel bei Feststehen eines Siegers bekommt sie einen Erbfriedhof-Effekt. Denn: Wer in der Bundesliga auf Brett 4 spielt, bekommt nicht nur weniger Chancen, seine Leistungen zu demonstrieren, er muß auch ständig gegen des Gegners Nr. 3 kämpfen, während sein Wettbewerber um die Spitze des zweiten Paarkreuzes meist nur gegen die schlechtere Nummer 4 anzutreten hat. Endet das Spiel 6:2, bleibt diese krasse Ungerechtigkeit bestehen, endet sie 6:3, wird sie etwas abgemildert dadurch, das Nummer 3 auch gegen des Gegners Nummer 3 anzutreten hat (während Nummer 4 aber nicht gegen die schwächere Nummer 4 darf). Der Nachteil der geringeren Gelegenheiten zum Sich-Bewähren wird also bei einem „hinteren“ Spieler noch überlagert dadurch, daß er bei klaren Ergebnissen gegen stärkere Gegner anzutreten hat als der Mitkonkurrent um einen höheren Platz in der Mannschaft (bei dem die Chance, zumindest alle Einzel zu spielen erheblich größer wird). Das Gleiche gilt bei der 6-er Mannschaft entsprechend, ja sogar für Brett 6 noch stärker, weil es nur ganz selten zum zweiten Einsatz kommt.

Sollte es noch einen letzten Verfechter dieser Spielabbruch-Regel geben, wird er sie damit verteidigen, daß dadurch Spiele erheblich unterschiedlich starker Mannschaften verkürzt werden. Zum einen: Ein solcher Verfechter vergißt, wie oft Spiele, die schon 7:3 gestanden haben, nachher 7:9 ausgegangen sind. Das hat jeder von uns schon erlebt. Wer also sagt, dass ein 9:2 ausgegangenes Spiel auch mit einem ähnlichen Abstand ausgegangen wäre, wenn alle Spiele bis zu Ende gespielt worden wären?

Das ist aber nicht entscheidend: Im Gegensatz zu anderen Sportarten, bei denen eine feste Zeitspanne vorgeschrieben wird (und bei denen es Ergebnisse wie 18:0, wie etwa häufig genug in Fußball-Jugendklassen, geben kann), ist der Tischtennis-Satz von vornherein auf elf Punkte beschränkt. Ein spannendes Spiel hat vielleicht über zwanzig Ballwechsel, ein überlegenes ist schon zu Ende mit etwas mehr als elf. Diese elf sind dann auch noch in aller Regel sehr viel kürzer. Also ist schon mal
e i n Beschleunigungseffekt im System. Diesem wird aber noch ein zweiter Beschleunigungseffekt aufgesattelt, nämlich die Begrenzung auf eine bestimmte Anzahl von Gewinnsätzen. Man hätte genauso gut vorschreiben können, daß ein Tischtennisspiel fünf oder zehn Minuten zu dauern hat. Nein, nach drei oder fünf Gewinnsätzen wird abgebrochen. Also haben wir schon den zweiten Beschleunigungseffekt eingebaut. Reicht das nicht dicke? Brauchen wir dann noch den dritten, daß nicht nur die Anzahl der Sieg-Bälle, nicht nur die Anzahl der siegreichen Sätze, sondern auch noch die Anzahl der siegreichen Spiele zu einer dreifachen Begrenzung wird. Das ist ja schon geradezu eine Begrenzungs-Orgie, die dazu führt, daß die Dauer von (z.B. Bundesliga-)Spielen völlig unkalkulierbar wird. Mal dauerts vier Stunden, mal anderthalb Stunden.

Daß die Spielabbruch-Regel Bestand hatte, liegt mit Sicherheit nicht daran, daß alle von ihrer Sinnhaftigkeit überzeugt waren, sondern daß sich nur niemand Gedanken darum gemacht, vor allem nicht die in den letzten Jahrzehnten eingeführten Ranglisten-Zwänge mit in die Überlegungen eingeführt, hatte.

Wetten, daß die Abschaffung der Abbruch-Regel überhaupt keine Diskussionen – wie etwa bei der Punktumstellung von 21 auf 11 – auslösen würde, weil es einfach keine logischen Argumente dafür gibt, warum nicht alle vorgesehenen Begegnungen ausgespielt werden.

Dipl.Ing. Günter Weber
(TuS Montabaur)


Nachfolgend eine Antwort von Rahul Nelson, dem Chefredakteur des Magazins "tischtennis" vom Philippka-Verlag:
Zitat:
Von: Rahul Nelson
Gesendet: Mittwoch, 11. Mai 2005 11:52
An: Günter Weber
Betreff: Ihre Zuschrift

Sehr geehrter Herr Weber,

zunächst zu Ihrer Nachfrage: Ihre Zuschrift wurde nicht abgedruckt, weil Sie mit dem Inhalt nicht konkret auf einen bei uns erschienen Beitrag Bezug nehmen, sondern ganz allgemein Ihre persönliche Ansicht zu einem bestimmten Bereich des Tischtennissports äußern. Insofern handelt es sich zwar um einen Brief eines Lesers, aber nicht um einen Leserbrief in unserem Sinne.

Unsere Redaktion erhält zahlreiche Zuschriften von Menschen, die für Veränderungen welcher Art auch immer im Tischtennis plädieren und in diesem Rahmen ihre ganz persönlichen Vorstellungen äußern, wie solche Veränderungen aussehen sollten.

Ihrem Vorschlag, alle Mannschaftskämpfe auch nach Erreichen des Siegpunktes eines Teams fortzusetzen, bis alle möglichen Partien ausgetragen wurden, stehen etliche andere Ideen gegenüber, die uns von anderen Lesern vorgestellt werden. All diese Zuschriften abzudrucken, würde den Rahmen sprengen; und wir haben zurzeit bewusst kein Forum für einen solchen Meinungsaustausch vorgesehen, wenngleich die Einrichtung eines solchen Bereiches durchaus ein Thema ist.

Zum Inhalt Ihrer Zuschrift: Sie unterschätzen den Rest der weltweit Tischtennis-Interessierten (und damit auch die verantwortlichen Funktionäre), wenn Sie ernsthaft glauben, “dass sich nur niemand Gedanken darum gemacht" hat, welches Spielsystem wann wo wie zum Einsatz kommen sollte. Über wenige Themen wird so viel und so heftig gestritten wie über Spielsysteme.

Ich persönlich halte Ihren Vorschlag übrigens auch nicht für sinnvoll und schon gar nicht für mehrheitsfähig, da die hierfür Sinn stiftende Motivation bei allen Beteiligten fehlt:

- bei den Zuschauern, die allen Umfrageergebnissen nach eben keine noch längeren Wettkämpfe wollen (dies würde auch allen modernen Entwicklungen widersprechen),

- bei der breiten Masse der Spieler, die Mannschaftskämpfe vor allem wegen des damit verbundenen sozialen Rahmens bestreiten und nicht, um möglichst viele einzelne Partien auszutragen (wenn so viele Aktive mehr Wettkämpfe spielen wollten, gäbe es keinen solchen Einbruch, sondern einen Boom bei Ranglistenspielen und Turnieren),

- bei den Medienvertretern, die sicher kein Interesse an Begegnungen haben, die innerhalb eines Mannschaftskampfes ausgetragen werden, für den Ausgang eben dieses Mannschaftskampfes aber letztlich irrelevant sind.

Schließlich bitte ich Sie um Nachsicht, dass Ihr Schreiben in dem großen Stapel auf meinem Schreibtisch untergegangen ist und nicht früher beantwortet wurde. Ihre Erinnerung war jedenfalls hilfreich.

Ich möchte Ihnen aber auch nicht meinen Unmut darüber vorenthalten, dass Sie in eben dieser Erinnerung den Versuch unternehmen, Menschen, die Sie in Ihrem Anschreiben als “Kollegen" bezeichnen, zu drohen. Ihre in in diesem Zusammenhang gewählte Formulierung: “Oder muss ich * z.B. über die Bundesliga-Vereine, die mit Sicherheit diese Regel-Änderung begrüßen würden * Druck ausüben..." erinnert mich an einen klassischen Satz, der pädagogische Hilflosigkeit offenbart: “Oder muss ich erst böse werden?"
“Druck auszuüben" * was immer das heißen soll * steht Ihnen frei. Ein geeignetes Mittel, um eine Diskussion anzuregen, ist es sicherlich nicht.

Von der Strahlkraft und Mehrheitsfähigkeit Ihrer ganz persönlichen Meinung können Sie sich innerhalb der Regularien und Strukturen des DTTB glücklicherweise auch ohne Drohgebärden überzeugen: Wählen Sie doch den vorgegebenen Weg, um eine entsprechende Änderung der Wettspielordnung zu initiieren. Ihr TT-Verein (ich unterstelle, Sie gehören einem an) bzw. der Mitgliedsverband, dem dieser Verein angehört, können Ihnen dabei gewiss helfen.

--

Mit freundlichem Gruß

Rahul Nelson
PHILIPPKA-SPORTVERLAG
tt-Chefredakteur
Mit Zitat antworten