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AW: Mord an Hrant Dink
Ich denke, dass man auch hier - wie in vielen anderen politischen, rechtlichen oder Glaubensfragen - differenzieren muss.
Die Türkei ist in ihrer Gesamtheit und in ihrer Vertretung nach außen (Zypernkonflikt als Beispiel) definitiv noch nicht reif, ein Mitglied der EU zu werden, das als solches auch in puncto Achtung des Menschen, Andersdenkender oder Andersgläubiger nahtlos in diesen Rahmen passt. Wohl gemerkt: In ihrer Gesamtheit. Wenn man zu Grunde legt, dass man einen Querschnitt aller Bürger dieses Landes bildet.
Es gibt durchaus schon seit vielen Jahren eher westlich geprägte Strukturen innerhalb der Türkei - insbesondere Istanbul fällt dabei als Großstadt positiv auf. Hier gehen Frauen ohne Kopftuch und ohne Verschleierung über die Straße; nicht nur das - es ist sogar normal, dass Türkinnen dort geschminkt und im knappen Rock mit ebenso spärlichem Top das Pflaster betreten. Und das, ohne von ihren Landsleuten überhaupt schräg angesehen, geschweige denn gesteinigt zu werden.
Je weiter man in die Provinzen kommt, desto mehr kehrt sich dieses Bild in veraltete, knöchern fundamentalistische Lebensweisen. Das Nord-Südgefälle ist dort extrem - sowohl was die Lebensumstände als auch die Weltoffenheit anbelangt.
Das Resultat ist eine ziemlich gespaltene Gesellschaft im Inneren, auch wenn dies für uns Durchschnitts-Westeuropäer vielfach eher als rückständiger und islamisch dominierter Einheitsbrei anmuten mag. Doch das ist nicht richtig. Die Türkei macht derzeit einen weit größeren internen Kampf mit sich aus, als uns beim "Nebenhermalhinsehen" überhaupt klar werden kann. Daher auch die permanenten Spannungen, die durch Mordanschläge dokumentiert werden - meist aus fundamentalistischen Zellen heraus, die den gesellschaftlichen Fortschritt nicht wahrhaben wollen und diesen kategorisch unter eine radikal verstandene religiöse Interpretation des Seins stellen.
Dass demokratische Strukturen unter Einbindung gesellschaftspolitischer Einheit dort allerdings noch im Wachstum sind, kann man schwer leugnen. Vielleicht wird gerade deshalb die Mitgliedschaft in der EU so vehement angestrebt - nämlich um diesen Prozess, der Vielen unausweichlich und nur folgerichtig erscheint, voranzutreiben. Durch vollendete Tatsachen in Form einer Anbindung an ein überwiegend christlich geprägtes Staatengebilde mit klar definierten (ich weiß - auch da gibt es immer mal Diskussionsbedarf...) rechtlichen, politischen und sozialen Strukturen.
Ich rede nicht davon, dass die EU perfekt ist! Vielmehr spreche ich von einem Gerüst, das deutlich mehr Stabilität bietet als das eigene der Türkei. Insofern erachte ich den Wunsch der Türkei als höchst legitim.
Und was noch viel schwerer wiegt: Es ist eine Öffnung am Tor zum Orient, die gewaltiges Potenzial für die Völkerverständigung der nächsten Jahrzehnte und Jahrhunderte beinhaltet! Das wird meines Erachtens derzeit, trotz aller einhergehender Konflikte, die da lauern, viel zu untergeordnet berücksichtigt.
Das Für und Wider könnte ich jetzt noch über einige Dutzend Seiten weiter ausführen, aber das würde an dieser Stelle deutlich zu weit führen. Daher nur so viel: Es ist eine Chance für alle Beteiligten - eine Chance, die sicher nicht blind ergriffen werden sollte; ebensowenig sollte sie übereilt verworfen oder über Gebühr zurückgestellt werden, bis sie nur noch eine Anekdote der Geschichte darzustellen vermag.
Gruß
Olaf
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"Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, anderen Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen." George Orwell (1903-50), eigtl. Eric Arthur Blair, engl. Schriftsteller.
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