Zitat:
Zitat von tischtennisguru
Solange man es noch als besondere Leistung herausstellen muss, dass man in Istanbul als Metropole des fortschrittlichen Denkens als Frau ohne Kopftuch wandeln kann, ...
|
Ich denke nicht, dass die Türken das als besondere Leistung herausstellen. Ebenso habe ich gesagt, dass es DORT - in Istanbul - auch völlig normal ist, so wie meinetwegen in Mailand.
Deswegen muss Italien das auch nicht als Errungenschaft betonen. Dennoch gibt es auch dort ein Nord-Südgefälle. Was in Mailand oder Turin völlig in Ordnung ist, wird in Neapel oder in sizilianischen Gefilden ganz anders gesehen - und das bezieht sich nicht nur auf das Auftreten von Frauen in der Öffentlichkeit. Ähnliche Beispiele gibt es auch im EU-Mitgliedsstaat Griechenland.
Insofern kann ich Deine Argumentation nicht gelten lassen, zumal Du an einem Punkt ansetzt, der so überhaupt nicht von mir gesagt wurde.
Mein Ansatz richtete sich gegen hiesige landläufige Vermutungen, dass alle Türkinnen vermummt über türkische Straßen laufen, weil "das in Berlin-Kreuzberg auch so ist", um es mal greifbarer zu formulieren.
Es war nicht die Rede davon, dass sich dort jemand als besonders europäisiert betrachtet, sobald man in Istanbul im Kostüm und mit hohen Absätzen das Trottoir betritt. Wie gesagt - da war Dein argumentatorischer Ansatz leider verfehlt.
Allerdings ist es so, dass in den ländlichen Provinzen die Welt völlig anders aussieht. Und da würde Dein Ansatz dann auch eher greifen.
Genau das war aber der Kern meiner Betrachtung: Es gibt nahezu völlig europäisierte kulturelle Bereiche in der Türkei, die sich auch absolut selbstverständlich so sehen. Zugleich gibt es regelrecht mittelalterliche Strukturen in anderen Landesbereichen. Das birgt natürlich Konfliktpotenzial, nicht zuletzt weil der jeweilige Fokus unterschiedlich motiviert ist - einerseits weltoffener, kulturell liberaler, politisch gesprächsbereit; und auf der anderen Seite mit einem uralten religiösen Fundament, das eher stoisch gepflegt wird. Dies viel zu kategorisch als dass man anderen Ansichten überhaupt Gehör zu schenken bereit wäre.
Dass Religion und Politik hier erhebliche Widerparts bilden können, bleibt nicht aus und macht die gesellschaftlichen Spannungen zu einem großen Teil aus.
Aber mal ganz anders betrachtet: Möglicherweise ist auch die EU schlicht und einfach noch nicht reif, sich einer solchen Aufgabe zu stellen.
Daher belasse ich es jetzt mal dabei.
Gruß
Olaf