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Alt 11.02.2007, 12:54
Red Devil Red Devil ist offline
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AW: Verträge mit Jugendlichen bzw. Eltern

In Sachen Vereinsbindung sollte wirklich darüber nachgedacht sein, wie man Jugendliche bei der Stange hält. Aber ich sehe den Schwerpunkt zu Beginn des Threads eher in Richtung Zeit und Geld, also in den Ausbildungskosten und da geht es nicht um Menschen und Maschinen und sozialpädagogische Ansätze, sondern um ein wenig finanzielle Gerechtigkeit, also "kapitalistisch" gedacht und überspitzt ausgedrückt, auch indirekt um eine betriebswirtschaftliche Kosten-Nutzenanalyse der Jugendarbeit.

Insofern müsste man da ein wenig mehr in die Tiefe gehen. Mit einem einseitigen Appell an die Moral ist es damit nicht getan, moralische Argumente verhindern häufig das konstruktive Nachdenken und blenden andere Sichtweisen aus. Wenn es unmoralisch ist, Jugendliche mittels Vertrag an den Verein zu binden, ist es dann moralisch, anderen Vereinen, die finanziellen Aufwand für die Nachwuchsarbeit betrieben zu haben, diese einfach unentgeltlich abzuwerben, zu verpflichten und unentgeltlich eine Vorleistung in Anspruch zu nehmen?

Man könnte diese Haltung entsprechend des heutigen Businessdenkens natürlich geschäftstüchtig, clever, ökonomisch sinnvoll oder mit ähnlichen Vokabeln bezeichnen. Ich halte solch eine Vorgehensweise, die systematisch und vorsätzlich betrieben wird, für parasitär. Argumente mit der "Moralkeule" halte ich in diesem Zusammenhang für unpassend.

Doch wen betrifft dieses Thema überhaupt? Aus der Erfahrung mit Vereinen und deren Jugendarbeit gehe ich davon aus, dass kein Verein einem Jugendlichen die sportliche Zukunft verbauen möchte. Weiterhin dürfte es nicht um den normal talentierten Spieler gehen, sondern um die leistungsstarken und ambitionierten Spieler, also eher eine Minderheit. Kein guter Trainer mit pädagogischem Feingefühl und kein Verein wird sich darüber ernsthaft aufregen, wenn ein Jugendlicher mit Talent sich sportlich erheblich verbessern kann und deshalb wechselt, weil er im eigenen Verein keine Chance mehr hat. Vielleicht ist man sogar stolz, wenn der eigene Nachwuchs demnächst Verbandsliga, Oberliga oder höher spielen wird und nicht mehr auf der Kreisebene herumdümpelt. Für diese sportliche Entwicklungsmöglichkeit des Nachwuchses zeigen viele Vereine Verständnis. Wechselverzichtserklärungen und alle angesprochenen vertraglichen Bindungsmöglichkeiten beziehen sich in aller Regel nur auf die Leistungsspitze im Jugendbereich.

Dennoch muss auch die Frage nach einer finanziellen Entschädigung erlaubt sein. Vereine, die viel Geld in die Jugendarbeit stecken, vernachlässigen dadurch häufig die eigenen sportlichen Entwicklungsmöglichkeiten, um in höhere Spielklassen aufzusteigen und berauben sich damit der Möglichkeiten, für den eigenen Nachwuchs attraktiv zu werden. Dieser wechselt dann mangels sportlicher Perspektiven zu höherklassigen Vereinen. Ich unterstelle, dass der abgebende Verein maximal auf Bezirksebene spielt und es sich um "echte Talente" handelt. Ein niederklassiger Verein X, der z.B. 5000 Euro pro Saison in die Nachwuchsarbeit steckt, könnte sich stattdessen auch leistungsstärkere Spieler verpflichten und aufsteigen. Das funktioniert bis zu einem gewissen Level. Investiert er in die Nachwuchsarbeit, ist das finanziell nicht machbar. Ein Verein Y investiert systematisch in leistungsstarke Spieler, zahlt Punktprämie und Aufwandsentschädigungen. Insgesamt profitiert er ohne einen entsprechenden Finanzausgleich bei Jugendtransfers doppelt. Sportlich kann er in einer höheren Liga spielen und wird damit zugleich für andere Spieler und den Nachwuchs interessant, die in der höheren Spielklasse spielen müssen. Der Anreiz kann dabei auch nur im sportlichen Bereich liegen, finanzielle Gründe müssen nicht ausschlaggebend sein, theoretisch könnte er ab einer gewissen Spielklasse sogar sparen, weil Spieler "freiwillig, aus sportlichen Gründen" kommen. Verein Y, der in dieser Form "investiert", profitiert langfristig, erzielt eine höhere "sportliche Rendite". Verein X wird über einen bestimmten Level nicht hinauskommen.

Mein alter Verein steht vor diesem Dilemma. Herren 1 spielen Kreisliga, die Jugendlichen im letzten Jahr Verbandsliga. Vereine mit Landesliga und Verbandsligateams fühlen bereits vor. Da das Seniorenteam wohl aufsteigen wird, die Jugendlichen nicht mobil sind, hat sich das Thema vorerst erledigt. In meinem aktuellen Verein spielen die Damen Regionalliga und wir haben zwei talentierte Jugendliche integriert, die auch im Kader aktiv sind/waren. Sollten diese wechseln, wäre das unter Kostenaspekten betrachtet ärgerlich, unter sportlichen Perspektiven für die Spielerinnen betrachtet, natürlich zu begrüßen. Diese Chance sollten sie auch wahrnehmen, zumal der Verein sich höhere Spielklassen nicht leisten kann. Das darf nicht zu Lasten der Spielerinnen gehen.

Um den Gedankengang zusammenzufassen:
Es geht nicht darum, die sportliche und persönliche Entwicklung von Jugendlichen durch Vereinsbindung zu blockieren oder sonst wie zu beeinträchtigen. Jugendliche und besonders Talente sollen optimal gefördert werden. Jeder soll entsprechend seiner Leistungsfähigkeit und in seinem Verein seiner Wahl spielen dürfen. Die Kritik richtet sich nur gegen Vereine, die sich permanent mit "fremden Federn" schmücken, weder Mühe, Zeit und Kosten in die Nachwuchsarbeit investieren, nur "den Rahm" abschöpfen und sich kostenlos bedienen, dann höherklassig spielen und sich dann noch damit rühmen, mit eigenen Nachwuchskräften zu spielen. Solche Fälle sind mir geläufig. Es gibt Trainer, die sich aus dem Nachwuchs die bereits besten Spieler herauspicken daraus ein Team zusammenstellen, Meisterschaftserfolge feiern und das als eigene Leistung ausgeben. Sicherlich werden Nachwuchsspieler im neuen Verein durch bessere Trainingspartner oder Seniorentrainer, die auch Geld kosten, ebenfalls gefördert. Davon profitiert Tischtennis in den Leistungsklassen. Doch die Basisarbeit wird in den "kleinen Vereinen" gemacht - und diese Arbeit sollte von den abwerbenden Vereinen auch finanziell anerkannt werden. Ohne verbindliche Regelungen sind die "dienstleistenden" Vereine die Dummen und es kann leicht der Gedanke aufkommen, dass sich Jugendarbeit nicht lohnt, wenn andere Vereine kommen und die "Guten" einkassieren. Wer auf einer Mitgliederversammlung mit Vereinsmitgliedern über Beitragserhöhungen diskutiert hat, u.a. wegen höherer Kosten für die Jugendarbeit, weiß genau, was ich meine. Bei manchen Vereinen gehen diese Kosten an die Substanz und lassen wenig Spielraum für Vereinsaktivitäten, Neuanschaffungen und das Murren im Verein ist bisweilen unüberhörbar, wenn es um einen Eigenanteil beim Kauf neuer Trikots geht.

Natürlich denken nicht alle Vereine so, sonst wäre dies das Ende der Jugendarbeit. Der Idealismus und der "Spieler als Mensch" dominiert glücklicherweise auch heute noch. Die Augen für die finanziellen Aspekte, wenn auch nur in kleinen Größenordnungen, sollte man aber dennoch offen halten. Dabei geht es nicht um Moral, sondern um Gerechtigkeit bei der finanziellen Lastenverteilung zwischen Basis- und höheren Spielklassen ab LL-OL. Für Kaderspieler gilt das nur eingeschränkt, da sie meist im Stützpunkt traineren. Generell ist es aber nahezu aussichtslos, den gesamten Aufwand in bare Münze aufzurechnen. Das möchte in der Regel auch niemand. Doch eine Anerkennung für die Basisarbeit haben sich die Trainer, ehrenamtlichen Betreuer und Fahrer nach meiner Meinung verdient. Hierfür fehlt mir von den Verantwortlichen des DTTB eine übergreifende, für alle Parteien befriedigende und verbindliche Regelung, welche Vereine aus unteren Spielklassen mit guter Basisarbeit schützt.

Gruß Red Devil

Geändert von Red Devil (11.02.2007 um 20:45 Uhr)
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