Einzelnen Beitrag anzeigen
  #91  
Alt 22.05.2007, 00:16
henrypijames henrypijames ist offline
registrierter Besucher
Foren-Stammgast 4000
 
Registriert seit: 13.06.2004
Beiträge: 4.820
henrypijames ist ein sehr geschätzer Mensch dessen Wort hier Gewicht hat (Renommeepunkte mindestens +250)henrypijames ist ein sehr geschätzer Mensch dessen Wort hier Gewicht hat (Renommeepunkte mindestens +250)henrypijames ist ein sehr geschätzer Mensch dessen Wort hier Gewicht hat (Renommeepunkte mindestens +250)henrypijames ist ein sehr geschätzer Mensch dessen Wort hier Gewicht hat (Renommeepunkte mindestens +250)henrypijames ist ein sehr geschätzer Mensch dessen Wort hier Gewicht hat (Renommeepunkte mindestens +250)
AW: Tischtennisweltmeisterschaft 2007 in Zagreb

Zitat:
Zitat von mithardemb Beitrag anzeigen
3. Ob Europäer fairer sind oder nicht kann und will ich nicht beurteilen. Ich vermute aber, dass ein chinesischer Spieler mehr Probleme mit seinem Trainer bekommt, wenn er ein Spiel wegen einer fairen Geste gewinnt.
Du meinst, wenn er ein Spiel wegen einer fairen Geste *verliert*.

Ich weiss nicht, wo diese hierzulande verbreitete Glaube herkommt. Auch Rahul Nelson schrieb im juengsten tt-Heft, "In China und Korea wuerden so mancher Trainer mit seinen Schuetzliingen hart ins Gericht gehen, wenn sie einen wichtigen Punkt auf diese Weise (durch Korrektur einer Schiedsrichterentscheidung zu eigener Ungunsten) verschenken wuerden." Ich muss ihn noch fragen, worauf er diese Aussage basiert.

Meines Wissens wird im chinesischen TT das Fairheitsprinzip um so klarer hochgehalten, je hoeher die Spielklasse ist. Am Basis gibt es tatsaechlich viele Jungendtrainer, die so etwa wie tun wie oben geschildert, aber in den Provinzmannschaften ist das schon kaum vorstellbar, und in der Nationalmannschaft ist es definitiv ausgeschlossen. Korrekturen von Schiedsrichterentscheidungen zu eigener Ungunsten ist in der Superliga oder bei den internen Kaempfen in der Nationalmannschaft voellig alltaeglich, und auch international ist es mir nicht aufgefallen, dass Chinese es seltener tun wuerde als Europaer.

Die prominenteste Beispiel lieferte zuletzt Ma Long. Im Einzel-Finale bei den German Open 2005 gegen Samsonov gab im Entscheidungssatz einmal freiwillig zu, dass er den Ball mit dem Finger berueht hatte (zusaetzlich zum Schlager, also doppelte Ballkontakt), nachdem der Schiedsrichter ihm den Punkt schon gegeben hatte. Es gab grossen Applaus von Publikum und Lob vom spaeteren Sieger Samsonov. Auch das tischtennis-Magazin berichtete darueber.

Ein andereres Beispiel, an dem ich mich noch sehr gut erinnern kann, kam von dem Doppelpaar Ma Lin / Chen Qi - zwei Spieler, die hier in Europa wohl einen aggressiven und aggoranten Image haben (nicht ganz zu Unrecht, muss ich zugeben). Bei der asiatischen Qualifikation-Turnier zu den Olympischen Spielen 2004 trafen sie u. a. auf ein nordkoreanisches Doppel, und in diesem Spiel gelang ein Nordkoreaner einmal, einen Netzroller, der neben dem Tisch zum Boden fiel, noch rechtzeitig aufzufischen und unterhalb der Netzverlaegerung auf die chinesische Seite zu bringen. Der indische Schiedrichter war der Meinung, dies waere ein Fehlschlag, denn man koennte den Ball nur seitlich am Netz vorbei, jedoch nicht unterhalb der Verlaengerung hindurch spielen. Natuerlich war das blanker Unsinn, der Schlag war eigentlich voellig regelkonform. Der Schiedrichter blieb bei seiner Entscheidung, und die Nordkoreaner fuegten sich ohne viel Widerspruch, waehrend Ma Lin und Chen Qi ob der Unkenntnis des Schiris unglaeublig grinsten und Kopf schuettelten. Dann sprachen sich die beiden kurz ab, und Ma Lin servierte seine naechsten Aufschlaege absichtlich in die falsche gegnerische Haelfte.

Es ist auch nicht so, als waere Fair-Play etwas neues fuer die Chinesen. Bereits in den vergangen Jahrzehnten hatten chinesische Spitzenspieler bei wichtige Weltturnieren freiwillig Punkte abgegeben. In den chinesischen Medien und innerhalb der Nationalmannschaft wird auch immer wieder darueber erzaehlt. Es wird also durchaus schon seit jeher eine Kultur des Fair-Plays gepflegt.

Allerdings ist es wichtig anzumerken, dass es tatsaechlich deutliche Unterschiede zwischen Europa und China im Bezug auf die Frage gibt, was eigentlich fair bzw. unfair ist. Fair-Play ist ja definiert als "nicht nur nach den Schriften der Regel, sondern in deren Geist zu handeln". Was aber der Geist der Regel ist, ist oft Interpretation- und Ansichtssache. Der oberste Gebot der Fairheit soll lauten, dass man seinen Massstab fuer die Fairheit gleichmaessig fuer alle Beteiligten anwendet. Und das tun Chinesen durchaus.

Ma Lins aufwendige "Schweiss-Abwisch-Prozedur" wird auch von manchen Chinesen als unfair gesehen (uebrigens genau so wie Wang Liqins provokatives Anstarren des Gegners vor dem Aufschlag), doch fuer die Mehrheit - und auch nach "offizieller" Sicht der Mannschaft - ist sie ein legitimes Mittel, den Spielrhymus zu kontrollieren, eigene Konzentration zu staerken und gleichzeitig die des Gegners zu stoeren. Im Uebrigen war Liu Guoliang seinerzeit ein wahrer Meister in dieser Disziplin. Aehliches praktiziert aber auch J.-M. Saive. Wenn sein Spiel nicht laeuft, oder wenn der Gegner sich gerade in einen Rausch spielt, legt Saive immer wieder gerne eine kleine Show-Einlage ein: Er ahmt seinen Gegner nach, oder waelzt sich am Boden, oder fordert der Publikum zur Unterstuezung auf, etc. Es ist ein extrem effektiver, wenn auch aeusserst kunstvoller Trick. Fast immer gelingt es Saive, den Gegner aus dem Konzept zu bringen, um anschliessend mehrere Punkte hintereinander fuer sich zu verbuchen.

Wenn jemand Ma Lins Schweissabwischen unfair findet, muss er auch Saives Show gleichermassen unfair finden - egal, um wie viel eleganter das Letztere ist. Umgekehrt muss jemand, der Ma Lins Masche akzeptiert, auch die von Saive hinnehmen - genau dies tut die chinesische Mannschaft. Schon seit Jahrzehnten werden chinesische Nationalspieler vor Saive und Co. (einst gab es ja noch mehr seiner Sorte) gewarnt: Lasst euch nicht von den "Komikern" ablenken, es ist eine boese Falle, die schon unzaehlige Opfer gefordert hat. Doch niemals gab es den Vorwurf, diese Show-Einlagen sind doch unsportlich, und wir sollen dagegen protestieren.

Fair ist fair - wer fair ueber sich selbst und anderen urteilt, ist fair. Alles andere ist Kulturunterschied. Im Zeiten der globalen Kommunikation wird sich in Zukunft aber sicherlich eine zunehmende Konvergenz abzeichnen, wie der Geist genau aussieht, der in den Regeltexten leben soll.

Geändert von henrypijames (22.05.2007 um 01:12 Uhr)
Mit Zitat antworten