|
AW: Erfahrungen und Meinungen zu "Jugend-Grand-Prix" Turnieren
Ich habe Ihren kritischen Bericht aufmerksam gelesen und mit einigen Organisatoren, Besuchern und Teilnehmern dieses Turniers gesprochen, die ich seit vielen Jahren kenne und bin der Meinung, dass dieser Beitrag nicht unkommentiert bleiben sollte.
Der ausrichtende Verein hat über Jahre hinweg Erfahrungen mit diesem Turnier gesammelt und ist über die Region hinaus für sein kinder- und jugendfreundliches Engagement bekannt und beliebt. Frielingsdorf steht seit Jahren im Raum Bonn und Köln für ein Turnier mit „Badewannen voller Götterspeise“, das von den ehrenamtlichen Helfern mit viel Engagement und Herzblut vorbereitet und durchgeführt wird und ausnahmslos allen Kindern, nicht nur dem leistungsstarken Nachwuchs, Freude bereiten soll. Die Resonanz spricht seit Jahren für sich, das Turnier, ob mit oder ohne „Grand Prix-Wertung“, hat sich etabliert und vergleichbare Veranstaltungen, abgesehen von der Kinderolympiade, gibt es in dieser Region nicht.
Ich weiß natürlich nicht, auf welcher Leistungsebene sich Ihre Kinder bewegen und welche Turniere sonst besucht werden, aber mir klingt das hinsichtlich der geäußerten Kritikpunkte alles als ein wenig zu elitär. Vielleicht ist das bodenständige Frielingsdorf für erfolgsverwöhnte Jugendliche und Eltern aus anderen Regionen etwas zu provinziell. Das macht für viele Kinder aber eben auch den speziellen Charme dieses Turniers aus. Der Hang zum Perfektionismus ist keine typisch kindliche Eigenschaft. Ich besuche häufiger Jugendturniere und Ranglisten wie die Top 48 und habe die Kategorie „Tischtenniseltern“ zur Genüge kennen gelernt, die mit einer zu hohen Messlatte an einen Turnierbesuch herangehen, vor allem, wenn sie nicht selbst aktiv spielen, was ich bei Ihnen nicht beurteilen kann. Leider sehe ich auch bei Ihnen dieses zeittypische Phänomen, das ich im Zeitalter der "Event-Kultur" und Professionalisierung als überzogenes Forderungsdenken bezeichne. Diese Mentalität hat sich leider verstärkt eingebürgert und äußert sich darin,dass einfach zu viel als selbstverständlich unterstellt wird, die Arbeit der Vorbereitung aller Beteiligten nicht hinreichend gewürdigt wird, jedoch auf der anderen Seite bei vielen Kritikern die Bereitschaft fehlt, sich selbst zu engagieren. Selbstverständlich respektiere ich den Zeitaufwand, den Sie für den Turnierbesuch zusammen mit Ihren Kindern aufwenden. Auch das ist heute nicht mehr selbstverständlich. Aber muss man solch ein Turnier so kritisch sehen und sich an solchen Mängeln festbeißen? Defekte Netze, ein rutschiger Boden, schlechte Lichtverhältnisse wären viel dramatischer gewesen. Irgendwie vermisse ich das Verständnis für die „echten Probleme“ unseres Sports.
Mir erscheint es auch so, dass die Maßstäbe an dieses Turnier von Erwachsenen stammen und ältere Kinder oftmals ganz andere Kriterien ansetzen und z.B. eine lockere Art und Weise der Siegerehrung bevorzugen und die von Ihnen geschilderten Sachverhalt gar nicht so schlimm finden. Muss die Siegerehrung immer mit großem Pathos und Brimborium vollzogen werden? Ein Abwarten bis zum Turnierende ist auch nicht im Sinne der Kinder, Eltern und Betreuer, die meist nach Beendigung ihrer Klasse schnell wieder abreisen möchten.
Wer selbst Turniere gespielt hat, kennt zudem die meist sehr unerfreuliche Situation, wenn laufende Partien wegen Siegerehrungen unterbrochen werden. Wie häufig ist danach der „Spielfaden“ gerissen und ein sicher gewonnen geglaubtes Match ging verloren. Dann lieber eine etwas dezentere Siegerehrung, die den Turnierverlauf nicht unnötig lange unterbricht. Das Sprechen vor dem Mikro liegt auch nicht jedem und das Herunterstammeln der Sieger hat bei vielen Turnieren leider Tradition. Nicht jeder ist eben der geborene Entertainer, Stadionsprecher und PR-Profi. Es ist natürlich bedauerlich, wenn sich einige Kinder nicht würdig geehrt fühlten, was aber sicherlich nicht in der Absicht der Veranstalter lag. Warum soll aber eine Ehrung, weniger wert, gar respektlos sein, weil die Übergabe, aus welchen Gründen auch immer, im Sitzen stattfindet? Es ist zwar ungewöhnlich, aber so etwas ist mir im Seniorenbereich auch schon passiert und es käme einem nicht hypersensiblen Erwachsenen niemals in den Sinn, deshalb nicht mehr auf ein Turnier zu fahren. Vielleicht sollte ein hochrangiger Offizieller des WTTV die Veranstaltung aufwerten. Da dürfte sich sicherlich ein alternativer Weg finden.
Ein weiterer Fokus lag auf der Turnierorganisation und Logistik,was, abgesehen von der bemängelten einstündigen Verspätung einzelner Turnierklassen, ja offensichtlich halbwegs zu Ihrer Zufriedenheit ausgefallen ist. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Verzögerungen gerade bei Jugendturnieren häufiger vorkommen und in der Regel nie grundlos sind. Haben Sie sich nach den Gründen dafür bei der Turnierleitung erkundigt? Bei einem wesentlich kleineren Turnier im vergangenen Jahr, wurden die letzten Begegnungen weit nach Mitternacht gespielt. Insofern sollte eine Verzögerung von 1 Stunde durchaus im Toleranzbereich liegen, auch wenn ein perfektes Timing sicherlich wünschenswert gewesen wäre. Wer aber mit Kindern und Jugendlichen umgeht, sollte wissen, dass gerade die Kleinsten und die Kids oftmals eben einen eigenen Zeitrhythmus haben, der mit dem Zeitempfinden und dem Terminkalender der Erwachsenen nicht immer hundertprozentig deckungsgleich ist.
Wie die Erfahrung auch bei anderen Turnieren gezeigt hat, gibt es mittlerweile genauso viele Kinder und Jugendliche, die sich über Sachpreise und Gutscheine mehr freuen, als über Pokale. Man kann es nicht allen Beteiligten recht machen, doch wie viele Urkunden und Pokale verstauben in den Regalen? Häufig sind es die Eltern, die den sportlichen Erfolg der Kinder eben mit Pokalen im Regal dokumentiert sehen wollen. Ideal wäre natürlich eine Kombination aus beiden und die Veranstalter, so wie ich sie kenne, werden sich sicherlich diesen Kritikpunkt zu Herzen nehmen und sich gerade für die Kleinsten Alternativen überlegen.
Das Gutscheinsystem hat sich für Vereine im Raum Köln/Bonn bewährt, für Auswärtige ist es etwas problematischer, doch es wurde ja eine praktikable Lösung angeboten. Die Reduzierung des Wertes der Warengutscheine ist sicherlich bedauerlich, obliegt aber der wirtschaftlichen Verantwortung des Veranstalters. Diese Vorgehensweise ist aber in der Praxis ebenfalls nicht unüblich. Bei vielen Turnieren ist es üblich, die Preisgelder zu kürzen, wenn in gewissen Spielklassen die Sollstärke an Teilnehmern nicht erreicht wird.
In diesem Zusammenhang sollte man auch mal eine Lanze für den „Teilsponsor“ brechen. Ich weiß nicht, ob Sie schon jemals selber ein Turnier oder eines in dieser Größenordnung organisiert haben und sich mit den Gepflogenheiten auskennen. Gerade dieser Teilsponsor ist im regionalen Raum für sein außergewöhnliches Engagement speziell im Jugendbereich und bei Turnieren, Kreis- und Bezirksmeisterschaften bekannt und übernimmt einen großen Teil der Logistik ohne die Turniere in dieser Größenordnung nicht stattfinden könnten. Kaum ein Verein verfügt über eine komplette Ausstattung, um solche Veranstaltungen in Eigenregie durchführen zu können. Der Hin- und Rücktransport der Tische und des Equipments am Wochenende, das Sponsoring der Veranstaltung mit Gutscheinen, sind freiwillige Leistungen und für die Vereine kostenlos. Natürlich werden durch Verkaufsstände auch Einnahmen erzielt, das leugnet niemand. Doch wenn man den Zeitaufwand der für Transport des Equipments, den Auf- und Abbau der Stände, Vorbereitungen mit den Umsätzen vergleicht, die bei solchen Veranstaltungen in der Regel erzielt werden, gehört schon eine gehörige Portion Enthusiasmus und Freude am Tischtennissport dazu, um sich seine Freizeit am Wochenende „um die Ohren“ zu hauen.
Was den frühzeitigen Standabbau betrifft, ist diese Verhaltensweise am letzten Tag in der Praxis ebenfalls verbreitet, wenn auch nicht immer glücklich. Selbst bei der Senioren-WM in Bremen wurde vor Beendigung der Veranstaltung abgebaut. Aussteller bauen aber nur dann ab, wenn nichts mehr „läuft“ oder es andere triftige Gründe gibt, die einen Verbleib nicht mehr erlauben. Ich habe während meines Studiums häufiger solche Aktionen mitgemacht und kenne die Hintergründe aus eigener Erfahrung. Vieles ist nur Goodwill und wie häufig sitzt man beschäftigungslos herum, weil es nur in Stoßzeiten etwas zu tun gibt. Bedenkt man die Notwendigkeit eines anstehenden Tischrücktransports, in der Regel werden kostenpflichtige Leihfahrzeuge verwendet, die fristgemäß abgeliefert werden müssen, sind frühzeitige Vorbereitungen wie das Einpacken der Waren ebenso nachvollziehbar. Diese Problematik erschließt sich dem unbedarften Besucher natürlich nicht. Der Abbau geschah übrigens nicht gegen Mittag, sondern nach meinen Infos ab 15 Uhr. Auch bei offiziellen Turnieren ist dieser Zeitpunkt am letzten Tag eigentlich "völlig normal".
Insgesamt empfinde ich die hier geäußerte Kritik, bei allem Respekt für Ihre Meinung, als deutlich zu überzogen und dem Engagement der beteiligten Personen gegenüber als nicht angemessen. Konstruktive Kritik und Verbesserungsvorschläge sind angemessen und notwendig, um Prozesse zu optimieren. Dafür dürften die Veranstalter sicherlich Verständnis haben. Manche der genannten Sachverhalte können zukünftig sicherlich abgestellt oder verbessert werden. Auf der anderen Seite sollte man aber auch nicht zu pedantisch sein und mit einer gewissen Toleranz zu Turnieren und Ranglisten fahren und nicht an alten Zöpfen und überzogenen Wertvorstellungen hängen und alles auf die Goldwaage legen. Manche Verhaltensformen unterliegen eben einem Wandel, worüber ich auch nicht immer glücklich bin, doch manchmal sollte man auch die Kirche im Dorf lassen.
Alle ehrenamtlichen Helfer sind bemüht, ihren Gästen ein schönes Turnier zu bieten. Nobody is perfect, Fehler und menschliche Unzulänglichkeiten passieren eben. Dafür sollte man Verständnis haben und ggf. die eigenen Ansprüche etwas zurückschrauben. Nörgeleien wegen Randerscheinungen ohne sportliche Auswirkungen sind unangebracht und wirken auf Ausrichter und Sponsoren demotivierend. Überspitzte und pathetische Formulierungen wie „ein deprimierendes Wochenende“ und "Leidtragende" sind in diesem Zusammenhang völlig deplatziert. Es gibt zahlreiche Situationen im Leben, die diese Begriffe eher rechtfertigen als ein Turnierbesuch, der lediglich den eigenen (zu hohen?) Erwartungen in Teilbereichen nicht entsprochen hat. Richtig deprimierend wäre es, wenn Ausrichter das Interesse an Jugendturnieren verlieren würden. Vielleicht können Sie es sich nur schwer vorstellen, aber vielen Kindern und Jugendlichen macht dieses Turnier, trotz vermeintlicher Unzulänglichkeiten, seit Jahren Freude und sie werden mit Sicherheit wiederkommen. Sollten die Ausrichter nach all den Jahren plötzlich lieblos geworden sein und den Respekt vor den Kindern und Jugendlichen verloren haben? Sorry, das kann ich mir nicht wirklich vorstellen.
Es wäre nicht mehr als fair, wenn Sie diesem Turnier eine weitere Chance geben würden und Ihren Kindern die Gelegenheit einräumten, sich erneut im sportlichen Wettkampf erfolgreich zu beweisen.
Wenn es Einstufungskriterien für die Vergabe eines Grand-Prix-Turniers gäbe, müssten sich Vereine finden, die bereit wären, solch ein Turnier in dieser Größenordnung durchzuführen. Erfahrungsgemäß fehlt aber in vielen Vereinen die Bereitschaft dazu. Vielleicht ist auch der Umgang mit Jugendlichen zu unbequem und mühsam? Die Verantwortlichen auf offizieller Seite werden schon ihre Gründe gehabt haben, Frielingsdorf ein Turnier der Grand-Prix-Serie zu übertragen. Unabhängig davon hat jeder Verein die Gelegenheit, Jugendturniere ins Leben zu rufen und zu zeigen, wie das "perfekte Turnier" aussieht - Freiwillige vor!
Geändert von Red Devil (08.06.2007 um 23:17 Uhr)
|