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Alt 04.09.2007, 16:55
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Carstens_Brüderchen Carstens_Brüderchen ist offline
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AW: Prause beschimpft chinesische Schiedsrichterin

Zitat:
Zitat von henrypijames Beitrag anzeigen
Unabhaengig davon, wie unglaublich laecherlich diese sinistere Unterstellung ist, fehlt auf jedem Fall noch ein Motiv - warum, glaubst du, wollte sie Prause reinlegen?
Naja, wohl ebenso lächerlich, wie die Vorstellung, Timo Boll würde zum Staatsfeind Chinas erklärt, weil er so gut TT spielt...

Reden wir mal kurz Tacheles: China ist ein totalitäres, kommunistisch geprägtes Land mit vielen - über Jahrhunderte - hausgemachten Problemen. Systemkritiker werden dort weggesperrt, systemkritische Internetseiten geblockt, Menschen als Humankapital in der Fertigung von Konsum- und Industriegütern verschlissen. Man hat ja genug davon.

Offiziell ist das natürlich noch nie so gewesen und wird auch nie so sein...

Zurück zu Sein und Schein der Volksrepublik. Man möchte nach außen eloquent und offen wirken, umgibt sich mit der Aura des aufstrebenden Industriestaats und möchte dies nach außen immer wieder dokumentieren. Daher Peking 2008, Staatstreffen mit europäischen Spitzenpolitikern, Joint-Ventures mit europäischen Unternehmen etc., etc., etc.

Im Inneren wird das Ganze etwas anders gehandhabt. Da gibt es klare Strukturen, die Andersdenkenden schlicht den Schädel abrasieren (nicht oberhalb des Scheitels).

In China zählt ein Tierleben nicht viel, ist Nahrung und somit untergeordnet. Man muss nur mal über einen Markt in China gehen und sich frisch gehäutete (lebende!) Tiere ansehen, die dort feilgeboten werden und sich in ihren letzten Stunden an der "Schönheit Chinas" ergötzen dürfen...

Ähnliches gilt für Grubenarbeiter, Bauern oder sonstige Arbeiter in dieser "mit demokratischen Strukturen sympathisierenden Staasform": Wer draufgeht, hat halt Pech gehabt. Letzte Woche 60 Berkwerksarbeiter, nächste Woche 80, übernächste mal keiner, darauf die Woche wieder 40. Ganz zu schweigen von Lungenkrebs und chemischen Vergiftungen in Fertigungsanlagen, von Emissionen, die die halbe Welt verseuchen. Gut, da helfen die Amis ordentlich mit, aber da können die Arbeiter wenigstens noch Millionenklagen gegen die Arbeitgeber durchhämmern, wenn die Arbeitsplatzvorschriften nicht eingehalten werden und sie deswegen Krebs bekommen.

Im Reich der Mitte interessiert das im Moment keine Sau. Entweder man hält die Fresse und geht für einen Hungerlohn 18 Stunden am Tag ackern oder man hält die Fresse und hat noch nichtmal einen Hungerlohn.

Nun kann man sich fragen, ob es nicht gerecht sei, dass Menschen, die auch auf ein Tierleben so wenig geben, die sich untereinander ausbeuten bis zum letzten, ob ihrer kulturellen Geschichte, Weltanschauung, Sozialpolitik...ins Gras beißen. Sicher nicht! Das System lässt aber nunmal noch keine andere Handhabe zu.

Aber dennoch wird erst mal gestorben, was das Zeug hält - man baut Hypotheken an menschlichen Schicksalen auf, gegen die die Massenvernichtung aus den ersten beiden Weltkriegen geradezu wie eine kleine Grippe-Epidemie anmutet. Von politischer Seite wird das stoisch als "nicht zutreffend" zurückgewiesen.

Chinesen sind wenigstens nicht religiös verstrahlt, wie es die Mullahs islamistischer Ausprägung sind. Religion hat nunmal im Kommunismus keinen wirklichen Stand. Man stelle sich nur mal das Chaos vor, wenn 1,3 Milliarden Menschen in einem Land auch noch religiöse Animositäten ausleben würden. Geht mal gar nicht! Also weg damit! Und wer nix zu fressen hat, der hat sowieso ganz andere Probleme als die Diskussion über irgendeinen Gott.

Doch zurück zum Kernthema (möglich, dass ich "etwas" abgeschweift bin...was sonst gar nicht so meine Art ist...):

Warum sollte etwas überdramatisiert werden, wenn es nicht so ist? Warum sollte eine Schiedsrichterin, die schon zuvor mit dem Bundestrainer der Deutschen kollidiert ist, überhaupt einen Grund haben, diesen ungerechtfertigt zu bestrafen, somit zu höchst vulgären Äußerungen hinzureißen und einen Eklat zu provozieren...?

Nun, Henry - vergiss nicht, dass Deutschland vor nicht allzu langer Zeit zweigeteilt war. Und im östlichen, totalitär-kommunistischen Teil dieses Landes war es durchaus üblich, dass sogar staatlich subventionierte Prostituierte als Informanten auf westliche Messebesucher angesetzt wurden, um "irgendwas rauszukriegen". In den seltensten Fällen waren solche Informationen überhaupt von irgendeiner Bedeutung. Außer, dass man halt über möglichst jeden Bundesbürger irgendwas wusste...damit man es ggf. irgendwann gegen ihn verwenden könnte.

Das Strickmuster - und da setzt der Hebel an - war immer das gleiche: Ausspionieren, provozieren, denunzieren, um das fremde System zu schwächen und das eigene zu stärken. Was das mit China und mit Deutschland und mit TT zu tun hat? Für China ist es unglaublich wichtig, sportlich erfolgreich zu sein, wenn die Spiele 2008 im eigenen Land stattfinden. Gerade in kommunistischen Ländern ist die Strahlkraft sportlicher Erfolge immer extrem hoch betrachtet worden ("Leistungsfähigkeit des Systems"). Da die Dopingmöglichkeiten in den vergangenen Jahren extrem eingeschränkt wurden, muss man sich nun auf die wahren Stärken in sportlicher Hinsicht beschränken. Das bedeutet u.a.: Sportschießen, Turnen, 110m Hürden (Xiang Liu), vielleicht noch Turmspringen und natürlich Tischtennis.

Im Tischtennis sind wir dann wieder bei den "Staatsfeinden" angelangt, von denen einige der größten Widersacher (zumindest in den Augen der Chinesen) aus Deutschland kommen. Was also, wenn man dort ein knappes Jahr vor Olympia schonmal prophylaktisch eine "Bombe" zündet? Bundestrainer beleidigt chinesische Schiedsrichterin - Sport- und Medienskandal - Bundestrainer fliegt raus - Suche nach neuem Trainer - Abstimmung im Team passt nicht mehr - das Fundament der Leistung (das ist lächerlich!! aber könnte so von China aus betrachtet werden) bröckelt - Timo Boll und Konsorten sind völlig verunsichert (ja sicher!) - und verlieren garantiert.

Entschuldige Henry, aber in mancher Hinsicht ist die asiatische Denke derart schlicht gestrickt, weil so linear ausgerichtet, dass eine solche Abfolge von Denkmustern keineswegs abwegig erscheint. Sorry!

Aber dafür hilft das auch oft, unternehmerische oder politische Erwägungen sehr flach zu betrachten und schnell Entscheidungen zu fällen. Das ist - zumindest unternehmerisch unter'm Strich - oft der beste Weg. In Westeuropa auf Grund der gesetzlichen Beschränkungen zwar nicht mehr ganz so einfach, aber immer noch als ultima ratio zu empfehlen...besser zehn schnelle Entscheidungen, von denen drei falsch sind, als nur eine wohlüberlegte Entscheidung in gleicher Zeit, deren Ausgang dennoch in den Sternen steht.

Aber ich drifte wieder ab...

Es ist jedenfalls nicht wirklich völlig abstrus, wenn der ein oder andere Betrachter der Situation auf den Gedanken kommt, dass da vielleicht auch etwas lanciert wurde, was in Umfang und Tragweite nicht annähernd so war.

Nicht, dass Du mich falsch verstehst: Wenn Prause tatsächlich und wissentlich zur Schiedsrichterin "ich f.... Deine Mutter" gesagt hat, so verurteile ich das auf's Schärfste! Und dann muss man sich wirklich fragen, ob er als Bundestrainer haltbar ist. Doch ich hege aus den vorgenannten Gründen diverse Zweifel an der Gesamtsituation. Nicht zuletzt ob der zumindest "seltsam" anmutenden Ansetzung genau dieser Schiedsrichterin für diese Partie, welche unter Berücksichtigung der vorherigen Vorkommnisse entweder ungeschickt war oder - ganz im Gegenteil - geschickt. Je nachdem, wie man es betrachtet...

Gruß

Olaf
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"Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, anderen Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen." George Orwell (1903-50), eigtl. Eric Arthur Blair, engl. Schriftsteller.
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